Auf dem Turnen in Stuttgart liegt ein Schatten – die Zustände im Trainingsalltag scheinen problematisch zu sein. Das behaupten jedenfalls zahlreiche ehemalige Turnerinnen. Foto: Pressefoto Baumann/Alexander Keppler

Psychischer Druck, Wettkämpfe trotz schweren Verletzungen, Ignorieren von Essstörungen – gehört all das zum Trainingsalltag am Kunstturnforum Stuttgart? Zahlreiche frühere Turnerinnen prangern die Zustände an. Wie geht es nun weiter?

Die Wucht der Worte ist enorm. Weil nicht nur eine einzelne Stimme erhoben wird. Weil viele reden und schreiben. Und weil die gegenseitige Unterstützung groß ist. „An alle, die sich jetzt öffnen: Ihr seid nicht allein“, schreibt etwa Kim Bui in einem Beitrag auf der Social-Media-Plattform Instagram. Sie ergänzt: „Wir stehen zusammen – mit jeder Stimme und jeder Erfahrung.“

 

Kim Buis Wort hat dabei besonderes Gewicht. Nicht nur, weil die heute 35-Jährige seit Sommer dieses Jahres eine der Athletenvertreterinnen im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) ist. Sondern auch weil sie die nun heftig kritisierten Zustände selbst erlebt hat und diese vor fast zwei Jahren teils bereits angeprangert hat.

Kim Bui war eine national wie international erfolgreiche Turnerin, ausgebildet am Kunstturnforum in Stuttgart – aber im Laufe ihrer Karriere auch eine junge Nachwuchssportlerin mit jahrelangen Essstörungen. In ihrem Buch („45 Sekunden“) schreibt sie darüber – und sagt heute: „Als ich vor einiger Zeit mein Buch veröffentlicht habe, hatte ich die Hoffnung, ein Bewusstsein für Missstände zu schaffen. Doch dieser Weg fühlte sich oft einsam und beängstigend an.“

Die Zeit, in der die Ex-Athletin, die jüngst den Sparkassenpreis für Vorbilder im Sport erhalten hat, sich mit ihrer Kritik allein fühlen muss, sind in diesen Tagen zu Ende gegangen. Das Gegenteil ist nun der Fall. Gleich mehrere ehemalige Turnerinnen erheben im Internet das Wort, benennen Missstände deutlich. Im Zentrum der Kritik: das Kunstturnforum in Stuttgart.

Seit 1999 gibt es die Trainingsstätte des Schwäbischen Turnerbundes (STB) im Schatten der MHP-Arena in Bad Cannstatt – sie gilt als Vorzeigeobjekt mit internationaler Wirkung. Das KTF, wie es kurz genannt wird, ist Bundesstützpunkt und Landesleistungszentrum, aber auch immer wieder Heimat für Turnerinnen und Turner aus aller Welt. Zum Beispiel, wenn sie jedes Jahr rund um den DTB-Pokal im KTF trainieren – und beeindruckt sind von den Trainingsbedingungen in Stuttgart. Doch nun liegt ein Schatten auf der Kaderschmiede.

Zahlreiche Ex-Turnerinnen melden sich zu Wort

Tabea Alt. Amelie Pfeil. Emelie Petz. Meolie Jauch. Catalina Santos-Moran Diaz. Michelle Timm. Carina Kröll. Kim Bui. Sie alle waren junge Turnerinnen, die im KTF ihren Traum von einer erfolgreichen Karriere verfolgten. Und sie alle treten, teils als Ex-Athletinnen, an die Öffentlichkeit, um auf erhebliche Missstände hinzuweisen.

„In all diesen Jahren hat man meine Gesundheit ganz gezielt aufs Spiel gesetzt, indem man ärztliche Vorgaben missachtete und mich selbst mit mehreren Knochenbrüchen turnen ließ und in den Wettkampf schickte“, schreibt Tabea Alt, die 2017 WM-Bronze gewann und 2021 mit 21 Jahren ihre Laufbahn beendete. „Es ist kein Einzelfall“, ergänzt sie, „Essstörungen, Straftraining, Schmerzmittel, Drohungen und Demütigungen waren an der Tagesordnung. Heute weiß ich, es war systematischer körperlicher und mentaler Missbrauch.“

Catalina Santos-Moran Diaz erklärt: „Als Kind verstand ich noch nicht, was für eine psychische Abhängigkeit ich gegenüber meinen Trainern hatte und wie viel nachhaltige Macht dieses System über meine Psyche und Entwicklung haben würde. Ich erlebte über Jahre körperlichen und mentalen Missbrauch, Erniedrigung und entwickelte eine Essstörung.“ Die heute 18-Jährige, in der Bundesliga für den MTV Stuttgart an den Geräten, hat ihre Karriere bereits beendet.

Tabea Alt beendete 2021 ihre Karriere, nun prangert sie die Missstände im System Turnen an. Foto: Pressefoto Baumann/Hansjürgen Britsch

Das gilt seit 2023 auch für Emelie Petz, die nun schreibt: „Ich hatte über Jahre mit einer Essstörung zu kämpfen. Ich hatte nie das Gefühl, gut genug zu sein.“ Und: „Meine Verletzung hat mir gezeigt, dass manche Menschen nur an mir interessiert sind, wenn ich erfolgreich bin.“

Amelie Pfeil erklärt: „Mit 10 Jahren zog ich ins Internat, um meiner Leidenschaft, dem Turnen, nachzugehen. Die Halle, die so lange mein zweites Zuhause war, wurde zu einem Ort, an dem ich nur noch funktionieren musste.“ Ihre „Grenzen und Beschwerden“ seien nicht ernst genommen worden. „Statt Unterstützung gab es nur Druck, und jeder Tag fühlte sich an wie ein Kampf – nicht fürs Turnen, sondern fürs Überleben in diesem System“. Die heute 17-Jährige betont: „Ich habe gesehen, wie viele daran zerbrochen sind – und am Ende auch ich selbst.“ Erst nach ihrem Wechsel von Stuttgart nach Karlsruhe habe sie erfahren, „dass Turnen auch anders sein kann“.

Meolie Jauch zog erst kürzlich im Alter von 17 Jahren einen Schlussstrich – mit den Worten: „Ich höre auf meine innere Stimme und beende den Spitzensport. Nicht, weil ich nicht mehr kämpfen will, nicht, weil mein Körper nicht mehr kann – sondern weil es mental nicht mehr geht. Die Halle, die so lange mein Zuhause war, ist für mich heute ein Ort, an dem ich mich nicht mehr so wohl fühle.“

Trainingskollegin der eigentlich immer gut gelaunten Meolie Jauch war über Jahre Carina Kröll, die mittlerweile für Österreich startet und schreibt: „Es gab Momente, in denen junge Turnerinnen in der Umkleide saßen und sagten: ‚Cari, ich will nicht in die Halle. Ich habe Angst vor dem Training’.“ Die Turnerin vom TSV Berkheim ergänzt: „Heute beobachte ich immer häufiger, wie junge Turnerinnen nur noch funktionieren müssen, nicht gehört werden, daran zerbrechen und viel zu früh aufhören oder aussortiert werden, bevor sie überhaupt die Chance bekommen, sich zu entfalten.“

Carina Kröll lobt zwar Verbesserungen und Veränderungen, die sie in den vergangenen Jahren erlebt hat, fordert aber auch: „Es ist an der Zeit, dass sich etwas ändert. Es geht darum, für die Zukunft ein gesünderes System zu schaffen.“ Der Slogan „Leistung mit Respekt“ müsse mit „deutlich mehr Inhalt gefüllt“ werden.

Diesen wollte der Deutsche Turner-Bund (DTB) nach den Vorfällen am Stützpunkt in Chemnitz in den Vordergrund rücken. Vor vier Jahren hatte Pauline Schäfer-Betz den „abwertenden und unmenschlich-rücksichtslosen Umgang“ sowie „Machtmissbrauch“ angeprangert. Man trennte sich von der Trainerin Gabriele Frehse, es folgten gerichtliche Auseinandersetzungen. Der DTB strebte einen generellen „Kulturwandel“ an und erarbeitete einen Maßnahmenkatalog für das Training im Leistungssport.

 Das Vorhaben, so scheint es nun mit Blick auf Stuttgart, ist gründlich schief gegangen. „Auf dem Papier kann man viel machen“, sagt Kim Bui gegenüber unserer Redaktion, „aber der Kulturwandel wird eben nicht gelebt“. Weshalb nach Weihnachten die Drähte glühten zwischen der DTB-Verbandszentrale in Frankfurt und dem STB-Standort in Stuttgart.

Man nehme in beiden Verbänden „die öffentliche Debatte und die Vorwürfe zum Thema mentale Gesundheit von Leistungsturnerinnen und -turnern sehr ernst“, heißt es in einem ersten Statement. Zudem wird betont: „In diesem Zusammenhang liegen DTB und STB konkrete Informationen zu möglichem Fehlverhalten von Seiten verantwortlicher Trainer am Bundesstützpunkt in Stuttgart vor.“ Man werde, auch mit externer Unterstützung, eine gemeinsame Untersuchung initiieren. In dieser soll es nicht nur um Einzelfälle gehen, sondern auch um mögliche „Fehler im Leistungssportsystem an Bundesstützpunkten“ sowie den „Umgang mit möglichen Hinweisen innerhalb der Verbandsstrukturen des STB und DTB“.

Letzteres ist ein Thema, das die Verbände zusätzlich unter Druck setzt. Denn Tabea Alt schildert, sie habe bereits vor drei Jahren an den DTB geschrieben, Missstände benannt, aber auch Lösungsansätze aufgezeigt. Michelle Timm, eine weitere ehemalige Leistungsturnerin, beschreibt, sie habe sich vor zwei Monaten wegen der „katastrophalen Umstände am Kunsturnforum Stuttgart“ an den DTB gewandt. Sie habe geschrieben: „Ich denke, dass mittlerweile bekannt ist, dass es mit dem Trainerteam im weiblichen Bereich massivste Probleme gibt.“ Das wird geleitet von Marie-Luise Mai. Geschehen sei seitdem allerdings nichts.

Kim Bui hat ihre Erfahrungen bereits im Frühjahr 2023 in ihrem Buch thematisiert. Foto: Pressefoto Baumann/Hansjürgen Britsch

Das ändert sich nun, die Betriebsamkeit ist groß, an diesem Montag wird es wohl weitere Schritte geben. Erste, das Training in Stuttgart betreffende „Maßnahmen“ seien laut DTB und STB bereits „initiiert“ worden.

Was das genau bedeutet? Wird man in den nächsten Tagen sehen. Für Kim Bui aber ist klar, dass es keinen weiteren Aufschub geben darf. „Ich habe vieles davon schon vor zwei Jahren in meinem Buch geschrieben, musste dafür auch viel Kritik einstecken. Ich habe aber schon damals gesagt: Chemnitz ist nur die Spitze des Eisbergs“, sagt die Ex-Turnerin und fühlt sich „ein Stück weit bestätigt“. Sie betont: „Viele Verantwortliche wussten um die Situation in Stuttgart und hätten früher reagieren müssen. Denn das, was nun benannt wird, ist für uns Turnerinnen nichts Neues. Man wollte uns aber nicht zuhören.“

Die aktuelle Dimension wird kaum mehr jemand ignorieren können. „Ich finde es schön und stark, dass nun viele Mädchen und junge Frauen den Mut und die Worte gefunden haben, das zu äußern“, sagt Kim Bui, „die Zeit ist jetzt reif, es muss etwas passieren“.