Der Choreograf Marco Goecke sorgt sich um seine Zukunft in Stuttgart. Foto: Regina Brocke

Gespräch oder Kündigung? Marco Goecke, der Choreograf des Stuttgarter Balletts glaubt, dass der künftige Intendant Tamas Detrich seinen Vertrag nicht verlängern will.

Stuttgart - Facettenreich, schillernd, intensiv, radikal: Die Fachpresse war voll des Lobs für Marco Goeckes „Nijinsky“. Das abendfüllende Tanzstück hatte der Haus-Choreograf des Stuttgarter Balletts Ende der vergangenen Saison im Auftrag von Eric Gauthier im Theaterhaus choreografiert. Dem Jubel der Kritiker folgten internationale Einladungen und ein Preisregen, der Marco Goeckes Renommee weiter mehrt.

Es läuft also bestens für den Künstler, dessen Können der Stuttgarter Intendant Reid Anderson früh erkannte. Seit Goeckes ersten Schritten bei der Noverre-Gesellschaft fördert Anderson ihn. 2005 hat er ihn als Haus-Choreografen eng ans Stuttgarter Ballett gebunden. Seitdem ist Stuttgart und sein Ballett die künstlerische Heimat des gebürtigen Wuppertalers, hier gelangen ihm mit Stücken wie „Sweet Sweet Sweet“ (2005) und „Nussknacker“ (2007) erste Erfolge. Dass das Nederlands Dans Theater Goecke inzwischen zu seinen Resident Choreographers zählt und dass kein Geringerer als Hans van Manen den Stuttgarter Kollegen zu den „zehn wichtigsten Künstlerpersönlichkeiten der Gegenwart“ zählt, wirft zusätzlichen Glanz auf Anderson und seine damals mutige Entscheidung für Marco Goecke.

Goecke wirkt wütend und verzweifelt

Ein Pfund, möchte man meinen, mit dem auch der designierte neue Intendant des Stuttgarter Balletts gern wuchern wird. So verkündete Tamas Detrich beim ersten Gespräch nach seiner Berufung zum Nachfolger Andersons: „Marco Goecke ist grandios.“ Detrich deutete den beiden Haus-Choreografen des Stuttgarter Balletts aber schon damals an, dass er bis zu seinem Amtsantritt 2018 genau beobachten werde, wie sich alles entwickeln würde. „Die Zusammenarbeit hängt auch vom Repertoire ab, wie viel Platz für Neues da sein wird und ob es von der Ästhetik her passt“, so Detrich im Juli 2015. „Ich muss meine zukünftige Kompanie mit neuer Inspiration füttern.“

Diese Aussagen, die damals wie Zwischentöne klangen, lassen aus aktueller Sicht die Alarmglocken schrillen. Denn in der Zwischenzeit hat Tamas Detrich mit Marco Goecke tatsächlich die Möglichkeit erörtert, dass er sich für das Stuttgarter Ballett durchaus eine Ästhetik ohne Goeckes feinnervige, höchst nervöse Bewegungsimpulse vorstellen kann. Doch was das Ergebnis dieses am Montag geführten Gesprächs betrifft, klafft zwischen den Erinnerungen der beiden Beteiligten eine Kluft. Während Tamas Detrich lediglich ein „Sondierungsgespräch“ geführt haben will, ist sich Goecke sicher, dass der künftige Chef eine Nichtverlängerung seines Vertrags ausgesprochen habe. Und wer dem Choreografen gegenübersteht und sieht, wie Wellen der Wut und Verzweiflung seine Züge fluten, der weiß, dass sich der Mann das nicht ausgedacht hat.

„Ich hätte nicht gedacht, dass ich der Erste bin, der rausfliegt“

Als international tätiger Künstler weiß Goecke auch, dass Intendantenwechsel immer mit Personalaustausch einhergehen. „Tanz lebt von der Veränderung. Aber ich hätte nie gedacht, dass ich der Erste bin, der rausfliegt“, sagt Goecke bitter. Nicht nur sein Erfolg auf den wichtigen Ballett­bühnen von Oslo bis Zürich mag ihn in diesem Glauben bestärkt haben, auch den Rückhalt der Kompanie spürt Goecke. „Die Liebe und der Respekt, den ich von den Tänzern bekomme, sind enorm“, sagt er. Diese Besonnenheit vermisst der Choreograf nun im Umgang mit seiner Person. „Am Schlimmsten ist, mich gerade jetzt über die Nichtverlängerung meines Vertrags zu informieren, wo ich in vier Wochen mit den Proben für ,Kafka’ beginnen soll. Wie kann man einen Künstler so sehr destabilisieren?“, fragt Goecke. „Ist es meine Arbeit nicht wert, erst auf das Resultat dieses abendfüllenden Balletts zu schauen und eine Entscheidung möglicherweise nochmals zu überdenken?“

Detrich spricht vom Sondierungsgespräch, nicht vom Rauswurf

„Zeit sich seine Meinung über eine Nichtverlängerung Goeckes zu bilden, habe Tamas Detrich eigentlich bis zur Sommerpause“, meint Goeckes Managerin Nadja Kadel. Zeit, die der neue Intendant auch nutzen will. Das lässt er über die Presseabteilung des Stuttgarter Balletts mitteilen, für ein persönliches Gespräch steht er nicht zur Verfügung. Denn während der Haus-Choreograf auf seine direkte Frage, ob er gefeuert sei, von Detrich die Antwort gehört habe, dass er ihm eine Nichtverlängerung ausspreche, will Detrich selbst nichts davon gesagt haben. „Ich habe mit Marco Goecke ein Sondierungsgespräch zu der möglichen künftigen künstlerischen Ausrichtung des Stuttgarter Balletts ab September 2018 geführt“, heißt es in seiner Stellungnahme. „Hierin ging es lediglich um mögliche Pläne. Es liegen aber keine abgeschlossenen Entscheidungen vor und es wurde auch keine Nichtverlängerung ausgesprochen. Dass Marco Goecke so negativ aus dem Gespräch herausgegangen ist, bedauere ich sehr.“

An seinen Plänen für die künstlerische Zukunft des Stuttgarter Balletts will Tamas Detrich „wenn möglich alle meine Kolleginnen und Kollegen“ teilhaben lassen. „Auch Marco Goecke sollte diese Möglichkeit haben“, so Detrich, der keinen problematischen Zusammenhang sieht in der zeitlichen Nähe seines Sondierungs­gesprächs zu den Proben für Goeckes neues Ballett „Kafka“.

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