Das Ensemble von Gut & Edel verstand es, die Szenen des Stücks „Die Nashörner“ von Eugène Ionesco auf der Bühne subtil und mit viel Energie zum Leben zu erwecken. Das Stück aus dem Jahr 1959 erwies sich dabei als erstaunlich aktuell. Foto: Barbara Ruda

Zum 40-jährigen Bestehen des Nellie Nashorn in Lörrach führt das Theaterensemble Gut & Edel das Stück „Die Nashörner“ von Eugène Ionesco auf.

Die sich ständig wiederholenden Floskeln, mit denen die Wahrheit auf den Kopf gestellt wird, kommen Regisseur Vaclav Spirit als gebürtigem Tschechen wie vieles andere in dem Stück „Die Nashörner“ von Eugène Ionesco bekannt vor. Darin, so hat er in seiner eigenen Vita erlebt, gleichen sich alle Diktaturen – frühere wie aktuelle.

 

Am Freitag feierte „Die Nashörner“ im Kulturzentrum Nellie Nashorn vor ausverkauftem Haus und mit viel Beifall bedacht Premiere. Dem Publikum führte das Spiel die Verführungskraft totalitärer Ideen und die daraus folgende Uniformierung des Lebens in einer schrill-komisch-tragischen Parabel vor Augen und Ohren.

Nicht bloß wegen der Zeitlosigkeit und erschreckend hohen Aktualität passt die Stückauswahl des Regisseurs für die diesjährige Inszenierung mit dem Ensemble „Gut & Edel“. Die gepanzerten Dickhäuter tauchen nicht bloß als titelgebende Figur im Stück auf, sondern zieren von Beginn an den Namen des soziokulturellen Zentrums, das in diesem Jahr Grund zum Feiern hat. Die neue Inszenierung von „Gut & Edel“ entpuppt sich als wunderbares Geschenk zum 40. Geburtstag.

Energiegeladenes Ensemble auf der Bühne

Zwei für Vaclav Spirits Regie typische Merkmale fallen den Zuschauern sofort auf: dass das Bühnenbild karg daherkommt und nur aus einem Bausatz mit ein paar hölzernen Weinkisten besteht, und wie energiegeladen das Ensemble loslegt. Man wird sofort in die Szene hineingezogen, ein Café, in dem die Freunde Behringer und Jean ein Gespräch über das Leben führen. Einen Tisch weiter versucht ein „Logiker“ seinen Gegenübern Syllogismus zu erklären. Dass seine Ausführungen so absurd falsch, ja geradezu lächerlich sind, wird später auch visuell dargestellt. Immer wenn sich der Logiker bei seinem Monolog über Ein- und Zweihorn-Nashörner ein oder zwei Lauchstangen auf den Kopf stellt, tut das auch seine Zuhörerschaft und wiederholt gebetsmühlenartig den letzten Satz. Das ist urkomisch und bringt das Publikum immer wieder zum Lachen.

Wenn eines der Gespräche einfriert, geht das andere weiter. Irgendwann in dem dauernden Hin und Her beginnen sich beide wörtlich und später auch inhaltlich zu überschneiden. Dann künden ein hektisches Trommeln, ein sonores Tröten und ein wütendes Schnauben davon, dass zum zweiten Mal an diesem Tag ein Nashorn durch die Straßen der Stadt stürmt.

Anfängliche Angst weicht einem Hype

War es ein anderes oder dasselbe? Die Ungewissheit darüber beunruhigt die Gesellschaft wesentlich mehr als das eigentliche Unglück, dass überhaupt ein Dickhäuter hier auftaucht. Deshalb sieht sich auch niemand dazu bewogen, etwas zu unternehmen.

Die anfängliche Angst und Aufregung über das Erscheinen der Nashörner weicht im Handumdrehen einem Hype, der wie eine Seuche durch die Stadt zieht. Alle streben danach dazugehören und entscheiden sich – vermeintlich freiwillig – für ein Leben als gleichgeschaltetes Herdentier. Einer nach dem anderen wird immer grauer und verwandelt sich in ein Nashorn. Wie das Ensemble diese Verwandlung auf der Bühne umsetzt, ist geschickt gelöst. Hinter grauen Masken verschwinden immer mehr die Farben, die einige Spieler in Form von Neon-Lidschatten ins Spiel brachten.

Ein Plädoyer für die Menschlichkeit

Unter Regie von Vaclav Spirit setzt das zehnköpfige Ensemble von „Gut & Edel“ (mit Mathias Braun als Behringer, Tim Frey, Hans Kaufmann, Anette Eckstein, Julia Looser, Katrin Mörgelin-Oehler, Naomi Kessler, Julia Matt-Haller, Anika des Guidice und Henrike Duttle bis zum leisen Schlussbild in rasantem Tempo und auf gleichbleibendem Energieniveau Ionescos bizarres Plädoyer gegen Konformität, Anpassertum und Faschismus in Szene. Behringer ist die einzige Figur, die sich im Laufe des Stückes zu einem Individuum mit Moral entwickelt. Am Ende des Stücks widersteht er allein der Versuchung und plädiert für Menschlichkeit.

Weitere Vorstellungen: 23. und 24. April, jeweils 20 Uhr, 26. April, 18 Uhr, im Nellie Nashorn, Tumringer Straße 248