Mehr Zeit vor dem Bildschirm, weniger Zeit in der „echten Welt“ – auch das, so vermuten Pädagogen, lässt vor allem bei kleinen Kindern Defizite in Sachen Motorik oder Konzentrationsfähigkeit entstehen. Foto: kleberpicui - stock.adobe.com

Immer mehr Kindergartenkinder in Calw haben erhöhten Förder- und Betreuungsbedarf. Oberbürgermeister Florian Kling sagt, auch Eltern seien gefragt. Ein offenbar bundesweites Problem.

„Immer mehr Kinder sind bei ihrer Einschulung nicht schulreif. Sie haben motorische Schwierigkeiten, können sich schlecht konzentrieren, sind verhaltensauffällig oder haben Sprachprobleme.“

 

Das berichtete der SWR im Sommer dieses Jahres. Ihren Ausgang nehmen diese Schwierigkeiten offenbar bereits in Kindergartenzeiten – oder früher.

Eine Entwicklung, die auch vor der Stadt Calw nicht Halt macht.

Wie ist die Lage in Calw?

„In den Kindertageseinrichtungen werden zunehmend Kinder mit einem erhöhtem Förderbedarf aufgenommen. Dazu gehören Kinder mit einem intensiven Sprachförderbedarf und/oder Kinder, die einer sozial-integrativen Maßnahme bedürfen“, heißt es dazu etwa in einem Bericht der Verwaltung, der jüngst dem Bildungsausschuss vorgelegt wurde. Mittlerweile seien sogar bereits Kinder unter drei Jahren betroffen. Die Auffälligkeiten würden zunehmen.

Im laufenden Kindergartenjahr hätten 160 Kinder zwischen drei und sechs Jahren erhöhten Sprachförderbedarf; für acht Kinder sei bereits eine Integrationsmaßnahme bewilligt, bei weiteren neun Kindern werde das aktuell geprüft.

Neun Sprachförderkräfte sowie das neue Sprachförderkonzept „SprachFit“ der Landesregierung, das momentan 39 Kinder in Anspruch nehmen und das von Lehrkräften der örtlichen Grundschulen umgesetzt wird, seien dafür zusätzlich im Einsatz.

Im Idealfall lasse sich dadurch der „Regelbetrieb“ für die übrigen Kinder sicherstellen; es gelinge aber nicht immer, die nötigen Zusatzkräfte zeitnah einzustellen.

Wie bewertet die Verwaltung die Situation?

Diese Schwierigkeiten auch künftig zu bewältigen, „das wird die Herausforderung schlechthin sein“, meinte Thomas Seifert, Leiter der Abteilung Bildung bei der Stadt Calw.

Manches werde sich nur mit zusätzlichem Personal lösen lassen, in anderen Fällen könnten Kinder vielleicht nur drei oder vier Stunden am Tag betreut werden.

„Irgendwann werden wir die Last der Gesellschaft nicht allein auf unseren Rücken tragen können“, sagte dazu Oberbürgermeister Florian Kling. „Das ganze System hat Grenzen.“

Eltern könnten nicht erwarten, dass Kitas alle Schwierigkeiten und Probleme der Kinder lösen. Die Pädagogik reiche nicht aus, um „das Elternhaus zu ersetzen“. Darum sei es auch wichtig, ein System zu haben, das Grenzen aufzeige.

Wie verbreitet ist das Problem?

Die Herausforderungen, mit denen die Stadt sich konfrontiert sieht, sind indes kein Einzelfall. Wie etwa der NDR Anfang des Jahres berichtete, zeige fast jedes vierte Kind in Niedersachsen auffälliges Verhalten. Das habe eine Umfrage des Niedersächsischen Instituts für frühkindliche Bildung und Entwicklung ergeben.

Und neun von zehn Lehrern, die an einer Umfrage des SWR teilgenommen hatten, erklärten, dass Erstklässler heute mehr Defizite aufweisen würden als noch vor zehn Jahren. Befragt wurden bundesweit rund 6000 Pädagogen.

Was sind mögliche Ursachen für diese Entwicklung?

Dass Kinder heute etwa lauter und ungeduldiger geworden seien, führt beispielsweise das Niedersächsische Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung laut NDR darauf zurück, dass es Eltern zunehmend schwerer falle, „ihre Kinder selber zu erziehen und klare Grenzen zu setzen“.

Personalmangel und fehlende Ressourcen in Kitas, räumliche Engpässe und eine schwierige Zusammenarbeit mit den Eltern hätten ebenfalls Einfluss.

Aber: Auffälliges Verhalten bei Kindern spiegele oft unerfüllte Bedürfnisse wider. Mit Pandemie, Krisen und Kriegen sei der Nachwuchs heute besonders herausgefordert.

Eine vom SWR befragte Lehrerin einer „durchschnittlichen Grundschule“, wie diese es nannte, im Raum südlich von Freiburg erklärte, ein Teil der Herausforderung sei zwar die Integration von ausländischen Kinder. Das vielleicht größte Problem sieht die Pädagogin jedoch in einer „veränderten Lebenswelt“. Sprich: insbesondere im ausufernden Gebrauch von Handy, Tablet und Co.

„Man merkt, dass sie sich weniger draußen bewegen, dass in den Familien weniger gebastelt, gemalt, gewerkelt oder gekocht wird“, zitiert der SWR. Das habe Auswirkungen auf Motorik und Konzentrationsfähigkeit. Die Aufmerksamkeitsspanne werde immer kürzer.

Kinder müssten lernen, mit den allgegenwärtigen Bildschirmen umzugehen, diese möglichst wenig zu nutzen. Hierbei seien die Eltern und die Familien gefragt.