Meist sind es Frauen mit oder ohne Kind, die Menschen in Tübingen nach Geld fragen. Gehören sie zu einer Bettelbande? Was Polizei und Stadt sagen – und eine Bettlerin selbst.
Es ist ein Nachmittag mitten in der Woche im Februar: Der Regen hat gerade aufgehört, die Sonne scheint auf den Tübinger Marktplatz und lockt die ersten Passanten trotz der noch niedrigen Temperatur in die Außenbereiche der Cafés vor dem historischen Rathaus.
Wie aus dem Nichts erschienen steht plötzlich eine Frau vor mir – nur wenige Minuten, nachdem auch ich mich für einen der Sonnenplätze draußen entschieden hatte. „Bitte“, sagt sie in beinahe flehendem Ton und streckt mir eine Hand entgegen. Zweifellos möchte die Frau Geld von mir. Doch wofür eigentlich? Und wer sind diese Menschen, die einen immer wieder ansprechen?
Zwar habe ich diese Frau – vielleicht Ende 20, Anfang 30 – noch nie gesehen. Doch sie erscheint wie das Beispiel eines Phänomens, das in Tübingen derzeit immer wieder zu beobachten ist: Frauen betteln Passanten, manchmal auch Café-Besucher, aktiv um Geld an. Mal sind sie mit Kind im Kinderwagen unterwegs, mal allein, manche von ihnen scheinen sogar Jugendliche zu sein.
Was die Bettlerin sagt
„Woher kommen Sie?“, frage ich die Frau. „Aus Ungarn“, antwortet sie auf Deutsch. Erst seit fünf Tagen sei sie in Tübingen, gibt sie weiter Auskunft und beschreibt sogleich ihr Problem: „Ich habe zwei Kinder, keine Wohnung und keine Arbeit. Mit betteln muss ich meine Kinder ernähren.“ Dann deutet sie auf einen Riss in ihrer Jacke. Mit ihrer Geschichte bleibt sie bittend vor mir stehen. Ich gebe etwas Kleingeld. Doch eines ist klar: Sollte ihre Geschichte stimmen, wird Kleingeld ihre Not kaum lindern können. Die Frau geht weiter und spricht den nächsten Passanten an.
Trotz der gewonnenen Informationen bleiben neben der Überraschung über die sehr passablen Deutschkenntnisse nach nur fünf Tagen in Tübingen viele Fragezeichen.
Was weiß die Polizei über die aktiv bettelnden Menschen in Tübingen und möglicherweise über die eher wohlhabende Uni-Stadt hinaus? Sind in Tübingen Bettelbanden unterwegs und falls ja, sind diese möglicherweise sogar kriminell organisiert?
Polizei ohne konkrete Hinweise
Eine Anfrage beim zuständigen Polizeipräsidium Reutlingen ergibt: „Konkrete Hinweise über Bettelbanden, die derzeit im Raum Tübingen, Rottenburg oder anderswo im Präsidiumsbereich unterwegs sein sollen, liegen uns nicht vor. Bei uns sind derzeit nur Einzelfälle aktenkundig, bei denen Bettler entsprechenden Kontrollen unterzogen wurden oder in diesem Kontext Platzverweise ausgesprochen wurden“, teilt Jana Zimmermann von der Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit mit.
Allgemein lasse sich das organisierte Betteln nur schwer nachweisen. „Manchmal liegen Indizien vor, die sich aber meist nicht so weit konkretisieren lassen, dass sie in ein Strafverfahren münden“, sagt die Polizeisprecherin.
Die Lebensumstände der augenscheinlich hauptberuflich als Bettler tätigen Personen kann die Polizei offenbar nur schwer einschätzen. „Über Hintergründe oder Motivationen von bettelnden Menschen führen wir keine Statistiken, so dass auch hier keine belastbaren Aussagen möglich sind“, informiert Zimmermann.
Auch die rechtliche Lage scheint ein Grund dafür zu sein, dass sich die Polizei nur am Rande mit dem Thema Betteln zu befassen scheint. Die Polizeisprecherin sagt: „Das reine Betteln an sich ist nicht strafbar. Lediglich das sogenannte aggressive Betteln, also das Ansprechen oder Bedrängen von Passanten, ist nicht erlaubt. Dieses Verhalten fällt allerdings in den Bereich der Ordnungswidrigkeiten. Diese werden bei uns statistisch nicht erfasst, weshalb wir Ihnen leider auch keine Zahlen zur Verfügung stellen oder gar zu statistischen Tendenzen Angaben machen können.“
Aggressives Betteln kann als Ordnungswidrigkeit jederzeit bei der Polizei angezeigt werden, erklärt die Polizeisprecherin. Grundsätzlich müsse aber jeder selber entscheiden, ob er den Bettelnden etwas geben möchte. Sie rät: „Ein gesundes Misstrauen unter dem Aspekt, dass es bei Bettelgruppen fraglich ist, wer das erbettelte Geld letztendlich tatsächlich bekommt, ist immer ratsam.“
Ordnungsamt kennt Fälle
Sind die pro-aktiven Bettler der Stadt Tübingen bekannt? Und welche Formen von Betteln sind in Tübingen erlaubt? Pressesprecherin Nicole Romey teilt uns mit: „Dem kommunalen Ordnungs- und Vollzugsdienst der Universitätsstadt Tübingen fallen des Öfteren Bettler auf. Ob diese in Bettelbanden organisiert sind, ist nicht immer klar zu ermitteln.“ Im Rahmen der allgemeinen Streife begegneten den Mitarbeitern nach Angaben der Stadt verschiedene Formen des Bettelns. „Teilweise werden Bürgerinnen und Bürger direkt durch die Bettler angesprochen, teilweise wird mittels Geldbehälter (Hut, Kaffeebecher oder ähnliches) der Fußweg versperrt. Ferner kommt es auch vor, dass die Bettler Haustiere dabei haben, mit dem Ziel, Mitleid zu erwecken, um so Geld von den Passanten zu erhalten.“
Was ist in Tübingen erlaubt?
Zur Rechtslage teilt die Stadt mit: Stilles Betteln wird in Tübingen toleriert. Aufdringliches Betteln, beispielsweise durch persönliche Ansprache, Geldbehälter, die in den Weg gestellt werden und so weiter, wird allerdings gemäß der polizeilichen Umweltschutzverordnung sanktioniert. Ferner kann ein Platzverweis oder Aufenthaltsverbot in Erwägung gezogen werden.
Auch in dem eingangs beschriebenen Beispiel des Bettelns im Straßencafé ist das Ordnungsamt zuständig. Romey sagt: „Der kommunale Ordnungs- und Vollzugsdienst kann gegen Personen, die Besucher von Straßencafés ansprechen, ein Ordnungswidrigkeitsverfahren einleiten.“
Bei einem Großteil der Fälle handele es sich in Tübingen um „stille Bettler“. Im vergangenen Jahr gab es nach Angaben der Stadt 35 auffällig bettelnde Personen. Romey sagt: „Personen, die aufdringlich betteln, werden vom kommunalen Ordnungs- und Vollzugsdienst zunächst mündlich angesprochen und auf die Rechtslage vor Ort hingewiesen.“ Halten sich die Personen nicht an die Regelungen, habe der kommunale Ordnungs- und Vollzugsdienst die Möglichkeit eines Ordnungswidrigkeitsverfahrens oder eines Platzverweises und Aufenthaltsverbots.
Situation in Rottenburg und Horb
Rottenburg
Anders als in Tübingen sind aufdringliche Bettler in den umliegenden Städten Rottenburg und Horb eher selten oder gar nicht anzutreffen. Diese Einschätzung bestätigt Birgit Reinke, Leiterin des Amts für Öffentlichkeitsarbeit und Bürgerengagement in Rottenburg. Aufdringliches Betteln sei in Rottenburg kein großes Thema. „Es kommt schon mal vor, dass einzelne Bettler aufdringlich sind, allerdings sehr selten und erfahrungsgemäß lässt sich das in der Regel direkt mit der betreffenden Person klären“, sagt Reinke. Über vermeintliche Bettelbanden habe die Rottenburger Verwaltung in den vergangenen Jahren nur vereinzelt Mitteilungen von der Polizei erhalten.
Horb
In Horb sei der Stadtverwaltung das Thema Betteln durchaus bekannt. Pressesprecherin Meryem Kiliclioglu sagt: „Nach unseren Erkenntnissen findet Betteln im Stadtgebiet jedoch nur in sehr geringem Umfang und überwiegend nicht in auffälliger Weise im öffentlichen Raum statt. Soweit es vorkommt, handelt es sich in der Regel um sogenanntes stilles Betteln.“ Ordnungswidrigkeiten im Zusammenhang mit Betteln seien der Stadtverwaltung bislang nicht bekannt.