Die EU kippt ihren sinnlosen Entwurf zur Pflanzenschutzverordnung. Ein Erfolg für die Bauern, der aber auch zeigt, dass man keine Traktoren braucht, um Blockaden zu lösen, meint unser Autor Holger Gayer.
Der Jubel in mancher Bauernstube dürfte groß sein: Die EU kippt die bis zum Jahr 2030 geplante Verordnung zum Verbot jeglichen Pflanzenschutzes in Landschaftsschutzgebieten. Endlich, möchte man auch als Nicht-Landwirt rufen, hat Vernunft Einzug gehalten in Brüssel, wo eine Heerschar von Diplom-Theoretikern im Sinne der Umwelt Gutes tun wollte, wegen einer beinahe schon beispiellosen Inkompetenz aber fast das Gegenteil angerichtet hätte. Denn eins ist klar: Wäre der ursprüngliche Plan umgesetzt worden, wäre zum Beispiel der Weinbau in Baden und Württemberg zu einem wesentlichen Teil am Ende gewesen.
Es ist bis heute unerklärlich, wie sich die fixe Idee, dass jedes Spritzmittel des Teufels sei, in die Köpfe mancher EU-Referenten fressen konnte. Warum wusste keiner dieser vermeintlichen Experten, dass auch biologisch wirtschaftende Winzer spritzen müssen – mehr sogar als jene, die konventionell arbeiten, weil die biologischen Mittel häufiger aufgetragen werden müssen als die herkömmlichen. Dieser Mangel an elementarer Fachkenntnis hätte, wenn niemand aufbegehrt hätte, dazu geführt, dass an Mosel und Rhein, an Neckar und Enz zahlreiche Reben bald von wilden Hecken überwuchert worden wären. Denn sehr viele Weinberge, vor allem in den terrassierten Steillagen, gelten längst nicht nur als erhaltenswertes Kulturgut. Sie sind vor allem eins: Landschaftsschutzgebiete.
Verbilligter Agrardiesel ist die falsche Art der Subvention
Es ist also uneingeschränkt zu begrüßen, dass diese sinnbefreite Regelung vom Tisch ist. Daraus aber den Schluss zu ziehen, dass die momentan allerorten stattfindenden Bauernproteste ganz grundsätzlich in jedweder Hinsicht notwendig sind und daher noch ganz viele Traktoren das Leben der Bevölkerung beeinträchtigen sollten, wäre zu kurz gesprungen.
Man darf durchaus hinterfragen, ob ausgerechnet verbilligter Agrardiesel das richtige Mittel ist, um den Landwirten ihr Auskommen zu sichern. Grundsätzlich sollte der Einsatz von schmutzigen Schleppern – egal ob als Schmalspur im Wengert oder im Monsterformat auf den Feldern – ebenso minimiert werden wie der Spritverbrauch dieser Maschinen. Dazu gilt es, Lösungen zu finden – technische und biologische.
Die Württemberger Weinbau-Lobby setzt die falschen Akzente
Im Weinbau gibt es bereits seit Jahrzehnten sogenannte pilzwiderständige Sorten, Piwis genannt. Sie brauchen viel weniger Pflanzenschutz als die üblichen Rieslinge und Burgunder. Das Problem: Das Publikum, also wir Weinfreunde, haben diese Sorten noch nicht so lieb wie die bekannten. Das kann sich aber ändern, wenn erstens die Piwi-Weine besser und zweitens die Marketingmaßnahmen der Weinlobbyisten sinnvoller werden.
Die Württemberger Weinwerbung stellt aber lieber fragwürdige, bappsüße Semsagräbsler ins Schaufenster als hochkarätige Weine aus Piwi-Sorten. Zum Fremdschämen war beispielsweise 2023 der Stand der Württemberger Genossenschaften auf der Leitmesse Pro Wein. Dort wurde exakt der falsche Akzent gesetzt: süß, billig, beliebig. Es ist zu befürchten, dass es in diesem Jahr nicht besser wird.
Es braucht keine weiteren Traktoren auf der Straße
Die Bauern und ihre Verbände täten daher gut daran, einen Blick auf die eigenen Hausaufgaben zu werfen. Außerdem sollten sie zur Kenntnis nehmen, wie sie im Fall der jetzt gekippten EU-Spritzverordnung zum Ziel gekommen sind. Durch Überzeugungsarbeit. Durch Fach- und Sachkenntnis. Durch Verhandlungen. In Zeiten symbolträchtiger Megastreiks scheinen diese demokratischen Grundtugenden ein wenig unter die Räder zu kommen. Aber vielleicht ändert sich das ja auch wieder, und die Bauernemissäre reisen statt mit dem Traktor mit dem Zug nach Brüssel oder Berlin. Vorausgesetzt, Herr Weselsky lässt sie fahren.