Die Schweiz hatte ab Herbst 2020 einen Turnskandal zu bewältigen. Seitdem ist einiges passiert, was nun auch für Stuttgart Vorbild sein könnte. Wir haben beim DTB-Pokal mit Beteiligten gesprochen.
Von der Schweiz aus ist die Anreise nach Stuttgart überschaubar. Dennoch war Anny Wu bislang nicht allzu oft zu Gast der baden-württembergischen Landeshauptstadt. Aber sie erinnert sich: „Im Jahr 2019 war ich hier.“ Nicht einmal, sondern gleich zu zwei Anlässen: „Beim DTB-Pokal und bei der Weltmeisterschaft.“ Anny Wu also ist Turnerin und zieht nun den Vergleich zwischen 2019 und 2025, die heute 23-Jährige sagt: „Es hat sich einiges verändert, es ist viel passiert.“ Allerdings: Sie meint nicht Stuttgart damit.
Anny Wu gehört zu einer Generation von Turnerinnen, die in der Schweiz nun im Prinzip beides kennen: Das Vorher und das Nachher. Im Herbst 2020 waren die so genannten Magglingen-Protokolle öffentlich gemacht worden. Die enthielten Schilderungen von acht Turnerinnen über die Zustände am nationalen Trainingszentrum in Magglingen, einem kleinen Ort im Berner Seenland. Es ging um Einschüchterungen, Erniedrigungen sowie um psychische und physische Misshandlungen im Turn-Trainingsbetrieb. In der Folge der Aufarbeitung dessen wurde ein Kulturwandel im Turnsport das große Ziel. Dafür wiederum wird seit rund vier Jahren ein neuer Weg beschritten – der in Stuttgart nicht nur interessiert zur Kenntnis genommen wird. Sondern womöglich auch als Vorbild dient.
Immer wieder jedenfalls wird auf die Schweiz verwiesen, wenn darüber diskutiert wird, was dem deutschen Turnen bevorsteht. Denn: Auch hier wurden in den vergangenen Monaten die Zustände am Stützpunkt Stuttgart zumeist von ehemaligen, aber auch von aktuellen Turnerinnen aufrüttelnd thematisiert. Es kam zu Suspendierungen von Trainern, die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts der Nötigung – vor allem geht es aber um die Frage: Wie kann sich Turnen als Leistungssport verändern?
„Ein Kulturwandel braucht Zeit“, sagt David Huser. Der „Chef Olympische Mission“ beim Schweizer Turnverband (STV) bremst damit gleich einmal alle, die auf eine sehr schnelle Veränderung drängen und hoffen. Im Schweizerischen Turnen sei man seit 2021 „mitten in diesem Prozess, der zwar bereits weit vorangeschritten ist, aber noch länger dauern wird“. Doch er betont: „Wir betreiben einen hohen Aufwand.“ Auch, weil dieser gefordert worden ist: „Die Untersuchungen der Magglingen-Protokolle und der Druck vom Bundesamt für Sport sowie von Swiss Olympic haben geholfen, die notwendigen Veränderungen voranzutreiben“, sagt Huser, der „überzeugt“ ist, „dass wir auf dem richtigen Weg sind. Wir müssen die Athletinnen und Athleten wertschätzen für das, was sie täglich leisten“.
Turnerin Anny Wu sieht positive Veränderungen
So sieht das auch Anny Wu, die mit 14 Jahren ans Trainingszentrum in Magglingen kam, nun aber auch die Veränderungen miterlebt hat. Sie sagt: „Wir alle wollen einen nachhaltigeren Sport, wollen länger Karrieren. Dieser Wandel musste einfach irgendwann kommen.“ Die Turnerin, die am vergangenen Wochenende beim DTB-Pokal in Stuttgart an die Geräte gegangen war, berichtet, es herrsche in der Trainingshalle nun eine Atmosphäre, die „lockerer“ sei als einst sowie „sehr respektvoll und motivierend“. Trainerinnen und Trainer agieren mit den Athletinnen und Athleten mehr auf Augenhöhe, erarbeiten Ziele und die Wege dorthin gemeinsam und individuell. „Zwischen Turnerin und Trainer ist es jetzt viel mehr eine Zusammenarbeit“, sagt sie und betont: „Das schafft Vertrauen.“ Und: Das Leistungsklima leide darunter keineswegs. Im Gegenteil.
„Meine Motivation ist nun viel größer“, sagt Anny Wu. Denn das, was sie täglich und langfristig anstrebt, „kommt nun mehr von mir selbst“. Zudem ist sie in die Rolle des Mitglieds der Athletenkommission, die Ende 2024 gegründet wurde, geschlüpft. „Am Ende müssen wir Sportlerinnen und Sportler die Leistung bringen“, erklärt sie, „daher ist es wichtig, dass wir auch eingebunden werden.“ Die Einrichtung einer Athletenvertretung ist einer von vielen Schritten, die in der Schweiz gegangen worden sind. Huser sagt: „Wir stehen heute an einem ganz anderen Punkt als vor vier Jahren.“ Die Maßnahmen waren und sind vielfältig.
Der STV-Funktionär nennt eine umfangreiche davon beispielhaft: das Fördersystem. „Übergeordnet“, schickt er voraus, „geht es um den Umgang mit den Menschen.“ Was im Turnsport oft bedeutet: mit sehr jungen Menschen. Aus diesem Grund hat der STV seine Förderstruktur neu geregelt – auch gegen die Altersklassierung der Verbände.
Ins nationale Trainingszentrum erst ab 18
Im Turnen beginnt die Klasse der Seniorinnen im Alter von 16 Jahren. „Erwachsen ist man aber erst ab 18“, sagt David Huser. Im nationalen Zentrum im Magglingen werden mittlerweile bewusst nur volljährige Turnerinnen und Turner betreut. Wer jünger ist, bleibt im dezentralen Stützpunktsystem. „Wir wollen die Mädchen in ihrer pubertären Phase nicht aus ihrem vertrauten sozialen Umfeld herausreißen“, sagt Huser, „denn wir glauben nicht, dass dies langfristig erfolgreich ist.“ Unterhalb der U-13-Nationalmannschaft gibt es gar keine nationalen Kader mehr. Insgesamt 25 Stützpunkte gibt es in der Schweiz in den Sportarten Kunstturnen, Sportgymnastik und Trampolin. Und die müssen zunächst eine Vielzahl von Kriterien erfüllen – die sich verändert haben.
Vier Module gibt es, die auf ein fünftes namens „Erfolgsausweis“ einzahlen sollen. Das erste ist gleich ein ganz wichtiges: „Ethik und Integrität“. David Huser erklärt: „Diese Themen kommen nicht obendrauf und sind auch nicht das Fundament. Sie ziehen sich vielmehr durch alles andere hindurch.“ Im Zentrum der Bemühungen stehe „immer die Athletin und ihre Arbeit mit den Trainerinnen und Trainern“.
Wer als Standort alle Basiskriterien erfüllt, darf sich „Stützpunkt Schweizerischer Turnverband“ nennen. Mit weiteren erreichten Kriterien ist ein Gold- oder Silber-Status möglich. Bei der Eingruppierung geht es auch um Fördergelder. Die ebenfalls nach neuen Richtlinien vergeben werden. „In der Vergangenheit haben die Stützpunkte Geld bekommen, wenn sie Sportlerinnen und Sportler in nationale Kader entwickelt haben“, erklärt David Huser, „aber das bezweckt, dass sie alles dafür machen, dass es jemand dorthin schafft.“ Die neuen Regeln machen die Zuweisung von Geldern nun auch abhängig von den anderen Modulen.
In Magglingen selbst wurde der Kosmos rund um die einzelnen Sportlerinnen und Sportler erweitert. Ein Teammanager ist permanent in der Halle vertreten, „er ist unser erster Ansprechpartner“, erzählt Anny Wu, „wenn wir ein Problem haben, auch organisatorischer Art, können wir immer auf ihn zugehen“. Es gibt stets verfügbare Sportpsychologen, Ernährungsberater, Sportwissenschaftler, Phyiotherapeuten. Und auch der „Chef Olympische Mission“ ist wöchentlich am Trainingszentrum. Denn „Führung“, sagt David Huser, „kann man nicht delegieren.“
Die unabhängige Meldestelle ist ein wichtiges Instrument
All die Maßnahmen, die in der Schweiz getroffen worden sind, haben ein Ziel: „Den Turnsport nachhaltig weiterentwickeln.“ Denn, so ergänzt es David Huser: „Nur ein wertschätzender Umgang auf Augenhöhe ermöglicht Athletinnen und Athleten Höchstleistungen.“ Dies alles sei „ein notwendiger Weg“, aber keine Garantie. Daher gehört auch eine unabhängige Meldestelle zum System, die der Bund eingerichtet hat. Für den Fall, dass es doch erneut Vorfälle gibt, soll schnell und klar gehandelt werden. „Wir ermutigen alle: Meldet, wenn es etwas gibt“, sagt David Huser, „es darf keine Kultur der Angst herrschen.“ Ist das gelungen?
Anny Wu versichert: „Ich habe immer das Gefühl: Sollte es ein Problem geben, können wir es ansprechen – und es würde auch nicht untergehen.“ Die Turnerin sieht den Wandel in der Schweiz durchweg positiv und ist sicher: „Es wird auch weiter Tage geben, an denen der Sport schwerfällt. Es ist eben immer noch Leistungssport. Aber: Es geht sicher ohne Drill und verbalen Druck.“