Stefan Lazaro aus Maryland (USA) betrachtete die große Krippe im Weggental und war überwältigt. Große Teile stammen von einem seiner Vorfahren: Leopold Lazaro.
„Ich bin beeindruckt, wie gut die Figuren geschnitzt sind“, sagt Stefan Lazaro, Nachfahre in fünfter Generation. „Sie müssen gute Qualität sein, dass sie nach so vielen Jahren nicht auseinanderfallen.“
Zusammen mit Ehefrau Allie und Sohn Remy (9) war er am Samstag in Rottenburg zu Besuch. Er ist für die US-Luftwaffe in Wiesbaden tätig und bereits seit drei Jahren in Deutschland, erfuhr aber erst kürzlich durch seinen Onkel von der Verwandtschaft. „Die Familie Lazaro ist in Rottenburg sehr berühmt“, sagte Wallfahrtsrektor Johannes Holdt. Zusammen mit Ulrike und Reinhold Vollmer zeigte er die Krippe und einige weitere Figuren. „Viele der Köpfe sind noch original von Leopold Lazaro, der Rest wurde restauriert“, sagt Reinhold Vollmer. Er zeigte auch vollständig erhaltene Figuren, die das Weggental eingelagert hat.
Ursprünglich wurde die Krippe im 19. Jahrhundert im bürgerlichen Auftrag des 1811 geborenen Leopold Lazaro für die Wirtsfamilie des Rottenburger Waldhorn geschaffen (1835/40) und 1850 der Kirche gestiftet. Bekannt ist das Gedicht „S’Weggetaler Kripple“ von Sebastian Blau (Josef Eberle).
Krippe selbst aufgebaut
Vermutlich von 1850 bis 1865 hat Leopold Lazaro die Krippe im Weggental selbst aufgebaut, berichtet Reinhold Vollmer. Er zeigte eine Aufnahme des Tübinger Fotografen Paul Sinner, das den Stand um 1910 zeigt. Seither wurde die Krippe immer wieder umgebaut und verändert.
Über einige Recherchen und Umwege hatte den Kontakt der Rottenburger Martin Weng hergestellt. Er erhielt 2020 ein Buch der inzwischen verstorbenen Ursula Kuttler-Merz, das sich mit dem Erbauer der Weggental-Krippe beschäftigt.
Leopold Lazaro war Sohn italienischer Einwanderer. „Ich dachte immer, unser Name sei Spanisch“, sagt Stefan Lazaro. Sein Vorfahre verbrachte sein ganzes Leben in tiefer Armut. Mit seiner ersten Frau hatte er acht Kinder – die meisten überlebten die Kindheit nicht. Das einzige verbliebene Kind Friedrich, geboren 1836, wanderte schließlich 1854 in die USA aus. Zwei Briefe sind im Stadtarchiv erhalten, die er seinen Eltern sandte. Den zweiten schrieb er zu Beginn des amerikanischen Bürgerkriegs. Danach gab es kein Lebenszeichen mehr von ihm. Kuttler-Merz mutmaßte, er könnte womöglich im Bürgerkrieg gefallen sein.
Hilfe einer Ahnenforschungsseite
Weng konnte vor einiger Zeit mit Hilfe einer Ahnenforschungsseite die Nachfahren von Friedrich Lazaro in den USA ausfindig machen. „Von der Geschichte ihres Vorfahren wussten sie nichts und waren sehr dankbar“, sagte Weng. Der 1954 im Alter von 18 Jahren in die USA ausgewanderte Friedrich Lazaro wurde dort krank und musste sein Geld für Arzt, Medizin und Krankenhaus ausgeben. Ohne Geld musste er die 350 Meilen, also mehr als 550 Kilometer, von Philadelphia nach Pittsburgh zu Fuß gehen. Er fand dort dann eine Anstellung als Gärtner.
Warum er amerikanischer Bürger sein wollte
1861 schrieb er seinen zweiten Brief. Der Sezessionskrieg hatte gerade begonnen. Er erläuterte seinen Eltern, warum es wichtig ist, Bürger des Landes zu sein. Das verschaffte ihm das Wahlrecht: „Also Amerika, das ist Süden und Norden zusammen, hat nur einen Herrscher, der so viel ist als wie ein König oder Kaiser, und der wird alle vier Jahre von der Bürgerschaft gewählt, aber es sind zwei Parteien, die nämlich heißen Demokraten und Republikaner.“ Nur ein Bürger kann auch „ein Geschäft anfangen“ und wird im Alter oder bei Arbeitsunfähigkeit im Spital aufgenommen.
Friedrich Lazaro berichtete außerdem über die großen Truppenverbände, die zu dieser Zeit im ganzen Norden aufgestellt wurden und deutete an, dass er wegen der Sklaverei bereit wäre, auch in den Krieg zu ziehen. „Danach kam keine Nachricht mehr“, so Weng.
Charles Lazaro kämpfte mit anderen deutschen Einwanderern
Charles Lazaro zog tatsächlich in den Krieg. Er kämpfte im 74. Pennsylvania Infantry Regiment, eine Einheit, die nur aus deutschen Einwanderern bestand. Auf dem Kupfertableau in Gettysburg, das alle Mitglieder des Regiments verzeichnet, ist er in der E-Company aufgeführt, wie Weng herausfand.
1864 heiratete er seine Frau Catherine, geborene Kanzler aus Baden, mit der er sieben Kinder hatte. Sie wohnten in Wooster, Ohio, wie die Zensus-Kopien nachweisen, die Weng von der US-Genealogie-Seite Ancestry recherchiert hat. Charles starb am 24. Februar 1905 im Alter von 69 Jahren.
Den genauen Stammbaum besprachen Weng und Lazaro am Wochenende. Der neunjährige Remy Lazaro durfte die echten Figuren seines Vorfahren halten. Ob das ein neues Hobby werden könnte? Nach der Führung zum Kripple zeigte er der amerikanischen Familie die Rottenburger Innenstadt und vor allem die Gebäude, die mit Leopold Lazaros Leben verknüpft sind.