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Auf Schwäbischer Alb ist die Energiewende in vollem Gang -Viele Standorte fallen aber in Schutzzonen.

Münsingen - Es hört sich an wie ein Segelflugzeug. Wie wenn es in die Höhe gezogen wird, sich abkoppelt und dann durch die Lüfte gleitet. Doch das Windrad hier bei Münsingen hat mit Fliegen nichts zu tun. Fest verankert steht es an einem Feldweg, der an dem 60 Meter hohen Bau vorbeiführt. Leise wie ein Segelflugzeug dreht sich der Rotor und produziert Strom. Vor zwölf Jahren entstand das Windrad, zwei weitere folgten, hier am Standort Auingen, etwa 20 Kilometer südöstlich des Albtraufs. Das hügelige Landschaftsbild ringsum zeichnet die Region aus, man spricht von der mittleren Kuppelalb.

Zwölf Jahre sind eine lange Zeit, vor allem in der Energiebranche, die sich seitdem rasant entwickelt hat. Windräder mit eine Höhe von 60 Metern? „Heute sind sie meist doppelt so hoch“, sagt Michael Krieger. Der Mann weiß, wovon er spricht. Die Firma ­Sowitec, für die er arbeitet, ließ die Windräder damals bauen. Heute, zwölf Jahre später, ist seine Firma wieder mit dabei, wenn die Schwäbische Alb windkrafttechnisch auf den neuesten Stand gebracht wird.

Projekt ist ein Gemeinschaftsprojekt

Bis zu neue 50 Windräder sollen im Biosphärengebiet bei Münsingen entstehen, die Windverhältnisse dort stimmen, nur wann und wo – diese Fragen sind noch offen. Das Ganze ist ein Gemeinschaftsprojekt. Die Gemeinden Gomadingen, Mehrstetten und Münsingen haben bereits Ja gesagt. Sie wollen ihre Grundstücke pachtweise zur Verfügung stellen – als Standorte für geplante Windräder. Als Betreiber der Anlagen stehen Energieversorger und private Unternehmen bereit – unter anderem Kriegers Firma Sowitec.

Die Energiewende ist also in vollem Gang, und auf der Schwäbischen Alb nimmt sie Form an. Darüber herrscht Einigkeit bei den beteiligten Gemeinden und Unternehmen. Bei allen? In St. Johann braucht man noch Bedenkzeit. Der Gemeinderat war sich auf seiner jüngsten Sitzung einig, dass eine Info-Veranstaltung für alle Bürger stattfinden soll, bevor eine Entscheidung fällt. Und diese Info-Veranstaltung ist nun für den 15. Mai geplant.

„Was ist mit dem Naturschutz?“ So dürfte wohl die wichtigste Frage lauten, die dann zu hören ist. Zwar definiert sich das 85.270 Hektar große Biosphärenreservat nicht durchgängig als streng geschütztes Gebiet. Doch es gibt Kern- und Schutzzonen. In der Kernzone – drei Prozent des Gebiets – ist jegliche wirtschaftliche Nutzung verboten. In der Pflegezone (42 Prozent) darf das Land nur schonend genutzt werden.

Buch- und Bergfinken sind auf dem Weg nach Skandinavien

Damit die Natur unter dem geplanten Windpark nicht leidet, untersuchen Experten unter anderem die Routen von Zugvögeln. Vogelkundler machen sich auch in diesen Tagen mit Fernrohr und Feldstecher ans Werk. Und es gibt viel zu sehen: Buch- und Bergfinken sind auf dem Weg nach Skandinavien oder Osteuropa. Auch Bachstelzen, Wiesenpieper, Fischadler, Rohrweihen und Sperber ziehen über die Alb.

„Wir dürfen die Pflegezonen nicht generell als Vorranggebiete für Windräder ausschließen“, sagt Barbara Lupp, Geschäftsführerin des BUND-Regionalverbands Neckar-Alb. Eine Meinung, der sich auch Andre Baumann anschließt, der Landesvorsitzende des Naturschutzbunds (Nabu). Und in den Kernzonen des Biosphärengebiets? Dort sind Windräder tabu, darin sind sich alle einig – Naturschützer, Gemeinden und auch Umweltminister Franz Untersteller (Grüne).

Bau von 1200 neuen Windkraftanlagen im Land in den nächsten acht Jahren

Nach seinen Ankündigungen zur Energiewende im Südwesten steht er unter genauer Beobachtung. Die Landesregierung setzt auf einen massiven Ausbau der Windkraft. Der Anteil der Windenergie an der Stromerzeugung soll von jetzt 0,8 Prozent auf zehn Prozent im Jahr 2020 steigen. Wie das gehen soll? Mit dem Bau von 1200 neuen Windkraftanlagen im Land in den nächsten acht Jahren.

Weil Untersteller die Landschaft auf keinen Fall verspargeln will, kommt ihm das Windpark-Projekt auf der Alb gerade recht. Dort ließen sich die Windräder bündeln. Die Pläne zum Ausbau der Windkraft in der Region bezeichnet er als „grundsätzlich in die richtige Richtung gehend“. Trotzdem müsse man bei jedem einzelnen Windrad prüfen, ob es sich mit dem Naturschutz verträgt.

Einer der größten Unterstützer des Projekts ist Münsingens Bürgermeister Mike Münzing (SPD). Außer dass er den geplanten Windpark für ein Jahrtausendprojekt hält, wählt er moderate Töne, um dafür zu werben. Man müsse die Bürger bei diesem Prozess „mitnehmen“. Pflegezonen müssten, wenn irgend möglich, ausgespart bleiben. Und: Pachtzahlungen müssten sorgsam aufgeteilt werden. „Münzing versucht, früh das Heft in die Hand zu nehmen, bevor es irgendein Investor tut“, sagt eine Verantwortliche eines Naturschutzverbands.