Christian Schwochows Film zum Münchner Abkommen 1938 mit Ulrich Matthes als Adolf Hitler kommt zur richtigen Zeit: Er zeigt, wie gefährlich Appeasement-Politik sein kann.
Stuttgart - Bruno Ganz war grandios als Adolf Hitler in „Der Untergang“ (2004), aber sehr milde, Helge Schneider wirkte in „Mein Führer“ (2007) allzu sehr wie eine Witzfigur. Oliver Masucci spielte in der Farce „Er ist wieder da“ (2015) einen grusligen Wiedergänger, Taika Waititi in „Jojo Rabbit“ (2019) das überhöht imaginierte Idol eines Kindes. Unvergessen bleibt, wie Charlie Chaplin als „Der große Diktator“ (1940) mit einer Weltkugel jongliert.
Christian Schwochow, ausgebildet an der Ludwigsburger Filmakademie, zeigt Hitler in seinem Drama „München“ nun als verschlagenen Schulhoftyrannen mit Minderwertigkeitskomplex. Nichts entgeht seinem scharfem Auge, Schwächen erkennt er sofort und stellt sie öffentlich bloß. Mit stechendem Blick verleiht der Charakterdarsteller Ulrich Matthes dem Diktator eine Aura der Bedrohlichkeit, die schaudern macht.
Zwei junge Männer kollaborieren heimlich
Schwochows Film basiert auf dem Roman „München“ des britischen Autors Robert Harris. Dieser zeichnet nach, wie Frankreich und Großbritannien Hitler im Münchner Abkommen von 1938 die Annexion des Sudetenlandes von Tschechien gestatteten, um den Krieg zu verhindern, den der Österreicher dann trotzdem lostrat. Zwei fiktive junge Männer, ein Brite und ein Deutscher, die gemeinsam in Oxford studiert haben, stehen jeweils im Zentrum der Macht und kollaborieren heimlich.
George MacKay („1917“) springt als braver Hugh über seinen Schatten, Jannis Niewöhner („Felix Krull“) gelangt als Draufgänger Paul seriös maskiert in Hitlers Nähe. Jeremy Irons brilliert als britischer Premier Neville Chamberlain, der sich zu einem Vorstoß durchringt. Flankiert werden sie in Münchner Hakenkreuz-Kulisse von einem üppigen Figurentableau wie für eine Serie – in Spielfilmlänge bleibt wenig Zeit für interessante Charaktere, wie sie Liv Lisa Fries, Sandra Hüller und August Diehl spielen.
Augenfällige Parallelen zur Ukraine-Krise
Was dem Film hilft, ist der Zeitpunkt seines Erscheinens: Die Parallelen zur aktuellen Ukraine-Krise und zur Taktik des russischen De-facto-Alleinherrschers sind natürlich augenfällig. „München“ zeigt sehr anschaulich diplomatische Mechanismen, psychologische Spielchen und die Handicaps demokratisch gewählter Politiker.
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