Auf der Spiegel-Bestsellerliste Belletristik Hardcover Foto: Verlage

Zwei Romane über die Liebe haben unserem Kolumnisten Markus Reiter Vergnügen bereitet: Daniel Glattauer erzählt von einem Gespräch im Zug – und Christoph Kramer von der ersten Liebe.

Bücher von Schriftstellern über Schriftsteller, die sich in einer Schaffenskrise befinden, sind mit Vorsicht zu genießen. Zumal so eine Schaffenskrise ein ziemliches Privileg ist.

 

Es gibt nicht allzu viele Berufe, bei denen sich eine Schaffenskrise spürbar auswirken könnte. Bei Schriftstellern natürlich und auch sonst bei bildendenden Künstlern. Eine Theaterschauspielerin hingegen könnte in ihrer Schaffenskrise einfach bei einer Vorabendserie im ZDF mitspielen. Das käme niemandem verdächtig vor. Journalisten ließen sich in einem solchen Fall von ChatGPT helfen. Und der Rest der arbeitenden Bevölkerung? Schaffenskrisen von Bäckereifachverkäuferinnen und Dachdeckermeistern haben in der Regel keine sonderlich dramatischen Auswirkungen.

Ein Romanheld in der Schaffenskrise

Aber wie gesagt: Ein Schriftsteller muss ein Buch abliefern, um weiterhin als Schriftsteller gelten zu können. Es sei denn, er kann von seinen Tantiemen leben. Von J. D. Salinger etwa, dem Autor von „Der Fänger im Roggen“, hat man nach seinem Kultbuch fast nichts mehr zu lesen bekommen. Vermutlich könnte auch Daniel Glattauer, sollte er nicht auf allzu großem Fuß leben, auf das Schreiben weiterer Bücher verzichten. Tut er aber – zum Vergnügen seiner Leserinnen und Leser – nicht.

Sein letzter Bestseller erschien 2023, und zwei Jahre später steht er schon wieder mit seinem neuesten Roman „In einem Zug“ (Dumont, 206 Seiten, 23 Euro, Spiegel-Bestseller Belletristik Hardcover Platz 13). Offensichtlich ist Daniel Glattauer also kein Autor in einer Schaffenskrise.

Sein Romanheld Eduard Brünhofer hingegen ist es. Der hat sein letztes Buch schon vor ein paar Jahren veröffentlicht – und für das nächste einen beträchtlichen Vorschuss kassiert. Irgendwie will dem erfolgreichen Autor von Liebesromanen aber nichts mehr zum Thema Liebe einfallen. Von seinem Vorschlag, stattdessen mal ein Loblied auf den Alkohol zu schreiben, ist sein Verlag nicht begeistert.

Die Mitreisende will alles wissen über die Liebe

Jetzt sitzt der berühmte Wiener Autor Brünhofer im Zug auf dem Weg nach in München zum Showdown mit seinem Lektor und seiner Verlegerin. Schon ab Wien-Hütteldorf, also unmittelbar nach der Abfahrt, kommt er mit einer schräg gegenübersitzenden, sportlichen Frau mittleren Alters ins Gespräch. Oder um es genauer zu sagen: Die Frau kommt mit ihm ins Gespräch. Brünhofer selbst mag nämlich gar nicht reden, er hat sogar leicht soziophobische Züge, aber als österreichischer Intellektueller besitzt er genug Formbewusstsein, um auf den Smalltalk einzugehen. Wobei sich der Smalltalk ziemlich bald zu einem höchst intimen Gespräch über die Liebe entwickelt. Catrin, die sportliche Frau mittleren Alters, will nämlich alles, aber auch wirklich alles von dem berühmten Autor über die Liebe und über geglückte Beziehungen wissen. Und so nimmt das Gespräch von Bahnhof zu Bahnhof an Fahrt auf.

Um Fußball geht es nur am Rande

Glattauers leichtfüßiger Stil verhindert, dass der Roman zu einem peinlichen Liebesautor-in-Schaffenskrise-redet-über-die-Liebe-Geplänkel wird. Er wird nicht zuletzt deshalb zum Lesevergnügen, weil seine Autoren (der echte und der literarische) weder ihr Thema noch die Hauptfigur allzu ernst nehmen. Das macht Glattauer so gut, dass man selbst einen Schriftstellerroman über einen Schriftsteller in einer Schaffenskrise mit Vergnügen liest.

Was machen eigentlich Fußballer, wenn sie in eine Krise geraten? Christoph Kramer, einst beim Bundesligisten Borussia Mönchengladbach, war von 2014 bis 2016 Nationalspieler und 2014 Mitglied des Weltmeisterteams. Inzwischen verdingt er sich als TV-Experte – und als Schriftsteller. Bücher von Fußballern sind meistens noch peinlicher als Bücher von Schriftstellern über Schaffenskrisen. Zumal erstere in der Regel selten von den Kickern selbst geschrieben werden.

Christoph Kramer hingegen ist es gelungen, einen Coming-of-Age-Roman („Das Leben fing im Sommer an“, Spiegel-Bestseller Belletristik Hardcover Platz 7, Kiepenheuer & Witsch, 252 Seiten, 23 Euro) zu schreiben, in dem es nur am Rande um Fußball geht. Im Zentrum steht vielmehr die erste Liebe des 15-jährigen Chris aus der Nähe von Solingen (dem Heimatort Kramers).

Chris ist unsterblich in Debbie verliebt. Und diese scheint die linkischen Annäherungsversuche ihres Verehrers nicht nur zu genießen, sondern die Gefühle sogar zu erwidern. Über einen Zeitraum von drei Tagen entfaltet Kramer in diesem Roman das Liebesdrama von Chris’ erstem Kuss bis zu seinem ersten großen Liebeskummer.

In keiner Weise peinlich

Das ist mit Geschick und Einfühlungsvermögen erzählt – ein Roman, dessen emotionale Achterbahnfahrt einer ersten Liebe viele Leserinnen und Leser nachvollziehen können. Vermutlich hätte das Buch nicht sonderlich viel Aufmerksamkeit bekommen, wäre Christoph Kramer nicht Christoph Kramer. Aber: Es ist auch in keiner Weise peinlich.

„Das Leben fing im Sommer an“ trägt autobiografische Züge. Christoph Kramer arbeitet bereits an seinem nächsten Roman. Hoffen wir, dass er nicht von der Schaffenskrise eines schriftstellernden Fußballers handelt.