Christian Spuck, designierter Intendant des Staatsballetts, hat in Berlin viele Gespräche mit Tänzern geführt. Wie sich eine Absage anfühlt, weiß er aus eigener Erfahrung.
„Lontano“ heißt Christian Spucks letztes Ballett für seine Kompanie in Zürich nach dem Orchesterwerk Ligetis, zu dem getanzt wird. Titel und Musik, die Entfernung hörbar macht, passen perfekt zur Situation des Ballettdirektors, der Ende der Spielzeit Zürich verlassen wird, um das Staatsballett in Berlin zu übernehmen.
Tatsächlich weit entfernt von seiner aktuellen Wirkungsstätte war der scheidende Ballettdirektor und Choreograf schon am Tag nach der Premiere im Januar. In Amsterdam bereitete er die Übernahme seiner viel gelobten Produktion „Messa da Requiem“ mit dem niederländischen Nationalballett vor.
Unterwegs in drei Städten
Während bei Publikum und Spucks Team in Zürich erste Abschiedstränen fließen, ist er selbst in einem ganz anderen Modus. „Ich bin momentan in drei Städten, also in Zürich, Amsterdam und Berlin unterwegs“, sagt der Choreograf am Telefon, während sein Blick, wie er beschreibt, aus dem Hotelzimmer auf verschneite Grachten geht. Ein schönes Panorama, das ihm neue Energie gebe. „Die Arbeit macht an allen drei Orten viel Spaß, aber das Reisen kostet sehr viel Kraft“, sagt Christian Spuck, „zum Glück habe ich überall gute Teams; hier in Amsterdam stemmen drei Assistenten die Hauptarbeit.“
Wunsch nach Veränderung
In Berlin, wo Spuck bereits in dieser Saison der kommissarischen Ballettintendantin Christiane Theobald beratend zur Seite steht, hat er bereits ein kleines Büro bezogen. „Ich bin so beschäftig und herausgefordert, in Berlin alles rechtzeitig auf die Gleise zu bringen, dass ich diesen Abschiedsschmerz noch gar nicht spüre“, sagt Spuck in Richtung Zürich. „Der wird aber bestimmt noch kommen. Denn ich liebe die Stadt, das Opernhaus, das Ballett Zürich.“
Trotzdem ist sich Christian Spuck sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. „Es ist gefährlich für die Kunst, wenn man sich zu wohlfühlt. Dass ich mich verändern wollte, war für mich ein wichtiger Grund, nach Berlin zu gehen. Dort die große Verantwortung zu übernehmen, ist sehr aufregend.“ Statt 35 Tänzer wie in Zürich hat das Berliner Staatsballett mehr als 80 Tänzer. Dass die Intendanz dort zuletzt ein Schleudersitz war und einzelne Stimmen es dem Mann aus Zürich nicht zutrauen, eine große klassische Kompanie zu führen, macht ihm keine Angst. „Nach meiner Ernennung in Zürich hat man mir auch gesagt, dass ich der Falsche bin“, sagt Christian Spuck. Bei seiner letzten Premiere in Zürich präsentierte er eine Kompanie in Topform, die in Stücken von Choreografen aus drei Generationen gut aussah.
Spuck will viele Tänzerinnen und Tänzer übernehmen
Ein gutes Dutzend Tänzerinnen und Tänzer werden ihm von Zürich nach Berlin folgen. „Darüber freue ich mich, weil es eine Konstante mitbringt“, sagt Christian Spuck. Viele aus dem Ensemble, die mitwollten, seien auf ihn zugekommen. In Berlin erwartet die Tänzer ein klassischeres Repertoire, das muss passen. Auch mit den Tänzerinnen und Tänzern dort hat Spuck in den vergangenen 18 Monaten viele Gespräche geführt, zig Vorstellungen, Proben und Trainings besucht. „Ich habe das sehr ernst genommen und mich bei jeder Person gefragt, ob es mir gelingt, sie in ihrer Karriere voranzubringen“, sagt der designierte Berliner Ballettintendant, der für einen derartigen Wechsel verhältnismäßig viele Tänzer übernehmen will.
Wie sich jemand fühlt, der bei einem Wechsel aussortiert wird, weiß Christian Spuck aus seinen Anfängen in Stuttgart nur zu gut. Reid Anderson hatte den Gruppentänzer, der später elf Jahre lang Hauschoreograf des Stuttgarter Balletts sein sollte, 1996 auf seiner Streichliste und ihm die Nichtverlängerung seines Vertrags bereits mitteilen lassen. Nur weil die Ballettmeister Kurt Speker und Melinda Witham sein choreografisches Talent erkannt hatten und sich für ihn einsetzten, durfte er bleiben. „Bedingung war, dass ich mir die Haare, die ich mir für ein Stück von Marco Santi blau gefärbt hatte, wieder umfärben musste“, sagt Christian Spuck beim Blick zurück.
Schwierige Suche nach klassisch versierten Choreografen
Beim Blick nach vorn sieht er das Repertoire des Staatsballetts, das er neu aufbauen will. „Die großen klassischen Produktionen werden wir auf alle Fälle weiterspielen“, betont Spuck, „die füllen die Deutsche Oper und sollen das auch weiterhin tun.“ Die Suche nach Choreografen, die ein solches Repertoire in die Zukunft weiterdenken und fortführen könnten, so Spuck, sei leider nicht einfach.
Mit der „Messa da Requiem“ wird sich Christian Spuck am 14. April beim Staatsballett Berlin als Choreograf vorstellen. Vorher kommt das Stück im Februar in den Niederlanden heraus. Die ehemalige Zürcher Operndirektorin Sophie de Lint, in derselben Funktion in Amsterdam tätig, hat sich die erste Übernahme gewünscht. Auch die Kompanien in Helsinki und Toronto wollen „Messa da Requiem“ tanzen. „Dieses Stück wird mich noch ein Weilchen begleiten“, freut sich der Choreograf über eine Konstante in einer Zeit zwischen Abschied und Aufbruch.
Spucks Tanzspuren – von Stuttgart über Zürich nach Berlin
Stuttgart
Christian Spuck war der letzte Tänzer, den die Stuttgarter Ballettdirektorin Marcia Haydée anstellte. Deren Nachfolger Reid Anderson machte Spuck 2001 zum Hauschoreografen. Mit zwanzig Uraufführungen, darunter die Handlungsballette „Lulu“, „Der Sandmann“ und „Das Fräulein von S.“, prägte Spuck ein Jahrzehnt lang das Repertoire. Für Gauthier Dance entstand die Monteverdi-Produktion „Poppea//Poppea“.
Zürich
2012 wechselte Christian Spuck nach Zürich und gab dort mit „Romeo und Julia“ seinen Einstand. An der Spitze der mit 35 Tänzern größten Kompanie der Schweiz gelang dem Choreografen mit Produktionen wie „Messa da Requiem“ und „Die Winterreise“ viel beachtete Erfolge.
Berlin
Von der Spielzeit 2023/23 an leitet Spuck mit dem rund 80-köpfigen Staatsballett Berlin die größte deutsche Kompanie. Sasha Waltz und Johannes Öhman hatten Ende 2020 nach 17 Monaten ihre gemeinsame Intendanz in Berlin vorzeitig beendet; seitdem leitet Geschäftsführerin Christiane Theobald kommissarisch das Staatsballett. Davor stand Nacho Duato von 2014 bis 2018 an dessen Spitze – und im steten Kreuzfeuer der Kritik: Zu viele eigene alte Choreografien, zu wenig neue Impulse, hieß es.