Flugziel: Mehr Umweltfreundlichkeit. Foto: dpa

Eigentlich verbindet man mit einem Flughafen nicht unbedingt das Wort umweltfreundlich. Der Stuttgarter Airport fliegt dennoch darauf: Es will sich zum Fairport wandeln.

Eigentlich verbindet man mit einem Flughafen nicht unbedingt das Wort umweltfreundlich. Der Stuttgarter Airport fliegt dennoch darauf: Es will sich zum Fairport wandeln.

Stuttgart - Der pensionierte Klimaforscher Hartmut Graßl (73) soll den Flughafen Stuttgart (Branchenkürzel: STR) auf dem Weg zum „fairport STR“ begleiten. Das ist eine Art von ökologischem Adelstitel, den die Flughafenchefs Georg Fundel und Walter Schoefer sowie der Aufsichtsratsvorsitzende Winfried Hermann (Grüne) ihrem Unternehmen verpassen wollen.

Den früheren Direktor des Max-Planck-Instituts für Meteorologie in Hamburg hat die Flughafen Stuttgart GmbH (FSG) jetzt in den fairport-Beirat 2014 geholt. Graßl hatte schon in den 1980er Jahren und dann in den Neunzigern wie kaum ein anderer vor den Folgen von Eingriffen des Menschen ins Klima gewarnt und Szenarien aufgezeigt.

Neben ihm hat die FSG jüngst weitere Wissenschaftler berufen, darunter den ­Physiker und Umweltökonomen Dietrich Brockhagen, Geschäftsführer der gemeinnützigen GmbH atmosfair, die das klimabewusste Fliegen durch freiwillige Ökoabgaben der Passagiere voranbringen will. Außerdem den Betriebswirtschaftsprofessor Hans-Dietrich Haasis von der Uni Bremen.

Der Beirat ist ein weiteres Signal für den neuen Ehrgeiz und die neue Marketingstrategie des Flughafens: Er will dauerhaft einer der leistungsstärksten und am nachhaltigsten wirtschaftenden Airports in Europa werden. „Er hat hier schon viel erreicht, aber der Weg in Richtung fairport STR ist noch ein langer“, sagt der Beiratssprecher Hans-Dietrich Haasis.

Die Flughafenchefs werden sicher nicht locker lassen. Denn seit die Landesregierung von Schwarz-Gelb zu Grün-Rot wechselte, haben es Fundel und Schoefer mit einem anderen Mehrheitsgesellschafter Land zu tun. Der Aufsichtsrat hat sich verändert, den Vorsitz dort hat mit Winfried Hermann nun ein grüner Verkehrsminister inne.

Seither haben Fundel und Schoefer, die unter dem CDU-Ministerpräsidenten Günther Oettinger eine Debatte über den Bau einer weiteren Start-und-Lande-Bahn angefacht hatten, offenbar eine höhere Ebene des Umweltbewusstseins erreicht. Das Unternehmen hat sich jetzt auch die ökologische Verträglichkeit auf die Fahnen geschrieben: beispielsweise durch die Verringerung von Energieeinsatz, Treibhausgasen und Lärm sowie besseren Schutz von Gewässern in der Umgebung. Auch der Einsatz von Vorfeldfahrzeugen mit Brennstoffzelle und die Einrichtung einer Tankstelle für solche Fahrzeuge, schon vor dem Regierungswechsel initiiert, passen bestens ins Schema.

Nach dem Regierungswechsel zündete die FSG eine neue Stufe. Nun kam der Marketingbegriff fairport auf. Der Beirat dafür ist preisgünstig, weil ehrenamtlich. Die FSG knausert aber nicht unbedingt mit Geld bei ihrer Selbstdarstellung, wie der von ihr gestiftete Aviation Award 2014 belegt. Er ist mit insgesamt 150.000 Euro dotiert. Die FSG kürt damit umweltfreundliche Ideen für die Luftfahrt. Es gingen 31 Bewerbungen aus aller Welt ein. Die Sitzung des Preisgerichts steht noch aus. Die Neuauflage des Preises im Jahr 2016 ist angedacht.

Geschäftsführung und grüner Minister ergänzen sich. Winfried Hermann lässt kaum eine Gelegenheit aus, um das Unternehmen positiv ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Als Anfang Dezember ein neues Blockheizkraftwerk in Betrieb genommen wurde, feierte Hermann diesen „Quantensprung in der Energieversorgung des Flughafens“. Die Kohlendioxid-Emissionen beim Strom- und Wärmeverbrauch sänken um rund 23 Prozent.

Inzwischen würde es kaum noch verwundern, wenn die FSG die Aufnahme in die Schutzgemeinschaft Filder beantragen würde, mit der sie sich über Jahrzehnte hinweg ein Ringen um den Filderboden und Diskussionen über besseren Lärmschutz lieferte. So ein Antrag, sagt die stellvertretende Vorsitzende Ingrid Grischtschenko lachend, liege nicht vor. Eine Großspende des Flughafens hat man auch nicht registriert. Aber auch Grischtschenko ist natürlich nicht entgangen, dass die FSG-Chefs am Aushängeschild „Bioflughafen“ arbeiten. Das habe begonnen, nachdem die FSG vor ein paar Jahren einen Energie- und Umweltspezialisten unter ­Vertrag genommen habe.

Grischtschenko, die den Grünen angehört, geht mit der Firmenoffensive vergleichsweise entspannt um. Die Flugzeuge und die von ihnen ausgehenden Luftschadstoffe und Lärmbelastungen seien das eine, der Flughafen als Gebäudeanlage sei das andere. Auf dem zweiten Sektor versuche der Flughafen fast schon verzweifelt, umweltfreundlicher zu werden. Das sei im Endeffekt aber positiv. Wenn dies einhergehe mit stagnierenden oder gar sinkenden Zahlen bei Fluggästen und Flügen, hätten die Menschen auf den Fildern einen Vorteil davon. Dass die FSG-Chefs den ökologisch angeratenen Verzicht aufs Fliegen empfehlen, könne man ja leider nicht erwarten.

Mit Grausen erinnert sich Grischtschenko daran, wie die Flughafenchefs und einige Billigfluglinien vor Jahren versuchten, einen „Bedarf an Flügen zu wecken, statt den unvermeidbaren Bedarf zu decken“ – bis die Passagierzahlen zurückgingen. Wäre die zweite Piste gebaut worden, hätte die Investition sich nicht als nachhaltig erwiesen. Grischtschenko: „Im Grunde müssten die uns ewig dankbar sein, dass unter unserer Mitwirkung ein betriebswirtschaftliches Desaster verhindert wurde.“

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