Auf dem Hof der Familie Häberle leben viele hunderte Schafe, darunter 300 Lämmer. Für die geht es bald wieder auf die Weideflächen in der Region. Und das ist nicht die einzige Veränderung, die ansteht.
Wer aktuell am Hof der Familie Häberle vorbei läuft, hört sie schnell: die über 800 Schafe. Vor allem die jungen Lämmer und die Mutterschafe blöken, um sich in der Herde wiederzufinden, erklärt der 36-jährige Landwirt Philip Häberle. „Die Lämmer sind alle zwischen Anfang Februar und Anfang März geboren“, so Häberle. Um die 300 seien es. 70 Prozent der Schafe bekämen zwei Lämmer. Und seine Frau Nina stellt gleich etwas klar: „Das sind keine Osterlämmer“. Auch wenn die um die Osterzeit geboren worden seien, sei das ein Mythos.
Zwar landet bei vielen Menschen traditionell Lammfleisch auf dem österlichen Festtagsteller. Die Tiere symbolisieren Reinheit. Und zu Jesu Zeiten war es zum Passah-Fest das Opfertier. Doch die Lämmer, die zu Ostern gegessen werden, seien viel früher geboren, erklärt Nina Häberle. Ihr, ihrem Mann und den drei Töchtern liegen ihre Schafe sehr am Herzen. Das merkt man schnell, wenn sie über sie erzählen.
Beitrag für die Gemeinschaft „Jedes Schaf ist anders“, meint ihr Mann. Und genau deshalb werde es nie langweilig. Auch die drei Mädels Johanna (10), Paulina (7) und Karolin (4) haben keine Berührungsängste mit den Tieren. Besonders die Lämmer nehmen sie gerne auf den Arm, auch wenn manche für die kleine Karolin etwas zu schwer sind. Die Tiere geben viel zurück, meint Philip Häberle. Er sei gern für sie da. Und: „Wegen Geld macht man es nicht“. Seine Frau sieht auch einen Beitrag für die Gemeinschaft. Denn die Schafe beweideten viele Naturschutzflächen in der Umgebung und erhielten so die Kulturlandschaft.
Sechs Hütehunde Philip Häberle erklärt, dass das einen Beitrag zur Artenvielfalt leiste, weil manche Tiere und Insekten diese offenen Landschaften bräuchten. Seine Schafe beweideten Flächen rund um Simmozheim, in Neuhausen oder den auf dem Venusberg in Aidlingen. Bald gehe es wieder los – sobald die Vegetation bereit sei und die Temperatur stimme. Er mache mit seinen Schafen alle Wege zu Fuß. Dabei seien seine sechs Hütehunde immer an seiner Seite. Sonst ist er alleine. Während er die Schafe hütet, hütet seine Frau daheim die Kinder.
Rassen kreuzen Seine Herde teilt er in drei Gruppen auf, um auch kleiner Flächen beweiden zu können. Entweder zäunt er die Fläche ein oder er ist selbst dabei. Häberle hat hauptsächliche Merinolandschafe, aber auch Tiere der Rasse Coburger Fuchsschaf, Texel oder Tiroler Bergschafe. Letztere wolle er mit den andern kreuzen. Denn die anderen seien groß, die Tiroler Bergschafe aber mütterlicher. „Und das heißt weniger Arbeit für mich“, erklärt er.
Fleisch und Fell verkaufen Hauptsächlich verkaufen die Häberles das Fleisch der Tiere, ab und an auch ein Fell. 200 Lämmer verkauften sie pro Jahr. Geschoren werden die Schafe auch. Aber für die Wolle gebe es keinen Absatzmarkt, meint Nina Häberle. Sorge bereite ihre auch das Freihandelsabkommen mit Neuseeland. Von dort komme viel Fleisch, aber zu anderen Standards produziert.
Gefahr eines Risses ist ständige Belastung
Und über allem stehe der Wolf. Zwar hätten sie mittlerweile höhere Zäune. Die Gefahr eines Risses sei aber eine ständige Belastung für Tier und Mensch.
Überbordende Bürokratie Eigentlich waren auf dem Häberle-Hof einmal Charolais-Rinder heimisch. 2019 hat die Familie aber auf Schafe umgestellt. Erstens, weil sie keine Mezgermeister mehr gefunden haben. Und es seien immer mehr Auflagen gekommen, so Nina Häberle. Sie hätten für die Rinder ein Mistlager für 250 000 Euro bauen müssen. Und dann wäre trotzdem nicht sicher gewesen, ob der Betrieb so hätte weitergehen dürfen. Die überbordende Bürokratie stört sie allgemein. Auch die wegfallende Steuervergünstigung auf den Agrar-Diesel ärgert sie.
Eigene Linsen und Öle Denn sie kümmern sich nicht nur um die Schafe. Die Häberles bauen auch Linsen sowie Leinsamen an und produzieren Öle aus Leinsamen und Raps – alles nach Bio-Standard. Und weil da Spritzmittel verboten seien, bekämpften sie das Unkraut maschinell, so Philip Häberle. Dafür brauche es dann auch mehr Diesel. Und der sei nun teurer. Auch von einer Bio-Zertifizierung für die Schafe seien sie abgerückt. Zu viel Aufwand und zu wenig nutzen, so die Begründung – obwohl sie sich an die Standards hielten.
Betrieb übernehmen Trotz allem macht der Familie ihre Arbeit Spaß. Und zwar so sehr, dass sie den Hof von Philips Eltern Walter und Doris in diesem Jahr übernehmen. Die gäben den Betrieb aus Altersgründen ab, so der Sohn. Sein Vater werde trotzdem weiter mithelfen, genau wie er schon als Kind immer dabei gewesen sei. Er habe seinen Job als Mechatroniker schon 2017 gekündigt und sei seither voll auf dem Hof dabei.
Ein „Kulturschock“ In seinem alten Beruf hat Philip auch Nina kennengelernt. Die kommt ursprünglich aus Fellbach. „Voll das Städterkind“, beschreibt sie sich. Das erste Mal schlachten sei ein „Kulturschock“ gewesen. Aber dann habe sie immer mehr mit geholfen. „Ohne sie würde es nicht gehen“, meint Philip. Der Erfolg gehe auf ihr Konto. Und auch die drei Töchter seien voll dabei. Wenn die Lämmer kommen, wollten die sogar nachts geweckt werden, erzählt die Mutter. Nächstes Jahr kämen vielleicht noch 50 Lämmer mehr, meint Philipp Häberle. Dann sei das Limit für den Familienbetrieb aber erreicht.