In Empfingen herrscht Fassungslosigkeit: Ein 67-jähriger Grundstückseigentümer rastete am Dienstagnachmittag aus und schoss auf einen Linienbus. Ermittelt wird wegen versuchten Mordes. Beinahe wäre noch Schlimmeres passiert. Was bisher über den Mann und die Geschehnisse bekannt ist.
Mittwochmittag in der Wiesenstetter Straße in Empfingen: Die Straße ist immer noch abgesperrt. Der Linienbus steht auf der Wiese, die Reifen tief im matschigen Untergrund eingegraben. Auch die beiden Unfallautos stehen noch so wie am Vorabend. Alle Rollläden des Hauses, in dem der Mann wohnt, sind heruntergelassen. Vor dem Haus ist eine Reifenspur deutlich zu sehen. Eine gespenstische Atmosphäre.
Am Dienstagnachmittag wollte der Linienbus einer Unfallstelle ausweichen – zwei Autos waren zuvor gegeneinander gekracht – und fuhr über den Gehweg und schließlich über das Grundstück des 67-Jährigen. Wenige Meter weiter sank das Fahrzeug tiefer ein und blieb stecken – allerdings schon auf Gemeindefläche.
Erwachsene, Jugendliche und ein Kleinkind im Bus
Zehn Fahrgäste waren zu diesem Zeitpunkt im Bus. „Es waren Erwachsene, mehrere Jugendliche und ein Kleinkind im Bus“, antwortet Frank Weber, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Pforzheim in Absprache mit der Staatsanwaltschaft Rottweil. Allerdings: Die meisten waren außerhalb des Busses, weil sie beim Anschieben helfen wollten, als der Grundstücksbesitzer von der Terrasse seines Wohnhauses aus mit einer Pistole auf einen der Fahrgäste schoss. Der Fahrgast soll zuvor außerhalb des Linienbusses kniend nach dessen festgefahrenen Rädern geschaut haben und gerade wieder aufgestanden gewesen sein.
Weiterhin liegt laut Staatsanwaltschaft und Polizei der dringende Verdacht vor, dass der Schuss den Kopf des Fahrgastes um wenige Zentimeter verfehlte, heißt es in der Pressemitteilung. Die bisherigen Ermittlungen deuten darauf hin, dass insgesamt ein einzelner Schuss fiel.
Ob es die Kleinkaliber-Waffe war, mit der er bei den Kreismeisterschaften im Schießsport in diesem Jahr angetreten ist? „Weiteres zur Waffe können wir aus ermittlungstaktischen Gründen nicht sagen“, so Weber.
Wie knapp wurden die Betroffenen verfehlt?
Die Gerüchteküche brodelte am Dienstagabend. Befanden sich noch eine Mutter und ihr Kind im Bus? Verfehlte das Projektil nur haarscharf auch die beiden? Weber bestätigt, dass sich eine Mutter mit ihrem Kind im Bus befanden hätten. „Es trifft aber nicht zu, dass das Projektil nur unweit dieser beiden Personen einschlug.“
Eigenbrötler, Querulant und Dauernörgler
Doch warum rastete der Rentner so aus? Der Mann, der als Eigenbrötler bekannt ist, hatte sich wohl darüber geärgert, dass der Bus über sein Grundstück fuhr. Der Mann gilt im Ort als Querulant und Dauernörgler, aber dass er gleich zur Waffe greift, das hätten ihm diejenigen, die ihn kennen, nicht so zugetraut. Polizeilich war er bis zu diesem Zeitpunkt ein unbeschriebenes Blatt. „Der Beschuldigte ist ist bislang weder als Tatverdächtiger noch als notorischer Anzeigenerstatter in Erscheinung getreten.“
Letzteres hätte man vermuten können, war der 67-Jährige doch immer wieder durch Beschwerden gegenüber Nachbarn und dem Bauhof der Gemeinde aufgefallen – unter anderem wenn es um das Räumen von Schnee ging.
Aktiv im Schützenverein – Waffen im Haus gefunden
Der Ur-Empfinger soll allein in seinem Haus leben, schon eine Zeit lang im Ruhestand sein und sich auch nicht ins Dorfleben eingebracht haben. „Er ist nur im Schützenverein Empfingen“, sagt ein Insider. Das könnte den Zugang zu einer oder mehreren Waffen erklären.
Wurden weitere Waffen außer der Tatwaffe gefunden? Der Polizeisprecher antwortet: „Eine Hausdurchsuchung fand statt. Es wurden dabei auch Waffen gefunden, die Überprüfung der Waffen läuft. Bislang haben sich noch keine Hinweise auf einen illegalen Waffenbesitz ergeben.“ Der Schützenverein Empfingen war für eine Stellungnahme bisher nicht erreichbar.
Am Mittwoch wurde der Tatverdächtige auf Antrag der Staatsanwaltschaft Rottweil dem zuständigen Haftrichter vorgeführt, der Haftbefehl wegen versuchten Mordes erließ und in Vollzug setzte. Der 67-Jährige befindet sich seither in Untersuchungshaft. Die Ermittlungen der Kriminalpolizei dauern an. Zeugen werden weiterhin gebeten, sich unter der Rufnummer 07231/1 86 44 44 beim Kriminaldauerdienst zu melden.