Eine Neujahrsparty im Schweizer Nobel-Skiort Crans-Montana endet in einer Tragödie. Rund 40 Menschen sterben, 115 werden verletzt. Ein Brandopfer wird in Stuttgart behandelt.
Es ist kurz nach Mitternacht am Neujahrstag, als im mondhell erleuchteten Ferienort Crans-Montana ausgelassene Stimmung herrscht. Hunderte Menschen ziehen durch die engen Gassen im Zentrum des auf 1500 Metern Höhe gelegenen Dorfs nördlich des Rhônetals. „Es war ein wenig wie auf dem Times Square in New York“, schilderte der Berner Lokalpolitiker Raphaël Karlen die Situation gegenüber dem Züricher „Tages-Anzeiger“. Die Straßen seien voll gewesen, überall habe man Musik, Lachen und Feuerwerk gehört. Wenige Stunden später wird der Ort zum Schauplatz einer der größten Brand-Katastrophen in der Schweiz – mit geschätzt 40 Toten.
Bei dem Feuer in der Bar „Le Constellation“ sind nach Angaben der Polizei zudem rund 115 Menschen größtenteils schwer verletzt worden. Einige der Opfer verbrannten wohl bei lebendigem Leib, andere erstickten in dem beißenden Rauch oder wurden in der aufkommenden Panik niedergetreten. Viele erlitten außerdem Brandwunden, Brüche oder Quetschungen.
Wie viele gestorben sind, ist noch unklar
„Diese Nacht hätte festlich werden sollen, doch sie wurde zum Albtraum“, sagte der Präsident der Regierung im Kanton Wallis, Mathias Reynard. Die Ermittler gehen von einem Unglück aus. „Ein Anschlag kann absolut ausgeschlossen werden,“ sagte Generalstaatsanwältin Beatrice Pilloud bei einer Pressekonferenz am Donnerstag.
Um 1.30 Uhr am Donnerstagmorgen ging der Alarm bei der Polizei ein. In der Bar, die offenbar vor allem bei jungen Gästen beliebt war, wurde eine Silvesterparty gefeiert. Für viele Gäste gab es kein Entkommen vor den Flammen.
Der Polizeichef des Kantons Wallis, Frédéric Gisler, konnte die Frage, wie viele Menschen in dem Feuer-Inferno starben, am Donnerstagmorgen nicht beantworten. Bei einer Pressekonferenz sprach er mit belegter Stimme von „Dutzenden Toten“. Nach Medienberichten soll die Bar ein Fassungsvermögen von 300 Gästen gehabt haben.
Die Ermittler schließen einen Anschlag nach Zeugenbefragungen und ersten Ermittlungen aus, wie Gisler sagt. Die Explosionen, von denen Anwohner berichteten, hätten sich erst nach dem Brandausbruch ereignet. Das Feuer habe bei seiner Ausbreitung eine Verpuffung ausgelöst, sagte der für Sicherheit zuständige Staatsrat im Kanton Wallis, Stéphane Ganzer. Er berief sich dabei auf Zeugenaussagen und erste Ermittlungen.
Kerzen auf Champagnerflaschen könnten Brand ausgelöst haben
Zur Brandursache konnte die Staatsanwältin Beatrice Pilloud zunächst keine Angaben machen. Ebenso äußerte sie sich auf Nachfrage nicht dazu, ob die Bar über die korrekten Notausgänge verfügte und ob diese auch funktionierten.
Bei der Kantonspolizei war zunächst von einem „Brand unbekannter Ursache“ die Rede. Die Experten müssen nun in dem völlig ausgebrannten Untergeschoss und anderswo die Ursache suchen. Laut dem Schweizer Fernsehen SRF könnte grobe Fahrlässigkeit die Flammenhölle ausgelöst haben. Der Sender SRF wiederum bezieht sich auf den französischen Kanal BFMTV. Demnach hätten zwei junge Französinnen gesagt, in der Bar seien Kerzen auf Champagnerflaschen entzündet worden. Eine Kerze sei zu nahe an die hölzerne Decke geraten, die in Brand geraten sei. Das Feuer „habe sich innerhalb von Sekunden ausgebreitet“. Die Walliser Behörden bestätigten zumindest, dass es in der Bar zu einem sogenannten Flashover oder Feuersprung gekommen sein muss. In der Folge sei es zu einer oder mehreren Explosionen gekommen. Bei einem Flashover greift ein Feuer schlagartig auf mehrere Objekte über. Im Nu herrscht ein Vollbrand.
Roger Moore lebte mal in dem Ort
Crans-Montana ist einer der bekanntesten Touristenorte in den Schweizer Alpen und über Feiertage wie Weihnachten und Neujahr mit Tausenden Besuchern meist ausgebucht. Berühmtester Einwohner des mondänen Ferienorts war der James-Bond-Darsteller Roger Moore (1927–2017). In dem Bergdorf, das rund eine Million Übernachtungen pro Jahr zählt, finden 2027 die alpinen Ski-Weltmeisterschaften statt.
Eine Touristin aus Stuttgart hat das Unglück aus nächster Nähe erlebt: „Wir haben mit der Familie in unserer Ferienwohnung Silvester gefeiert“, sagte Christina Lutz. „Die Kinder von Freunden sind gestern Abend in der Bar gewesen. Ihnen ist zum Glück nichts passiert, aber sie haben offenbar viele Freunde verloren.“
Ob Deutsche betroffen sind, ist noch unklar
Der deutsche Außenminister Johann Wadephul (CDU) sprach den Opfern und ihren Familien sein Mitgefühl aus. „Ich bin zutiefst erschüttert über den tödlichen Brand in Crans-Montana in der Silvesternacht“, schrieb er auf X. Der Schweizer Bundespräsident Guy Parmelin, der sein Amt erst Stunden vorher angetreten hatte, zeigte sich ebenfalls bestürzt: „Was ein Moment der Freude sein sollte, verwandelte sich am Neujahrstag in Crans-Montana in eine Trauer, die das ganze Land und weit darüber hinaus erfasst hat“, schrieb er auf X. Seine für Donnerstagmittag geplante Neujahrsansprache verschob Parmelin aus Respekt vor dem Leid und der Trauer der Familien der Opfer.
„Wir haben eine Explosion gehört und dachten zuerst, es handle sich um Feuerwerk“, schildert Andrea Ecclesie seine Erlebnisse. „Danach sahen wir Menschen, die schrien und in Panik waren. Als wir rausgingen, sahen wir schon die Polizei.“ Die Polizei hatte das Gelände rund um die Bar weiträumig abgesperrt.
Es sei sehr wahrscheinlich, dass unter den Opfern ausländische Gäste seien, heißt es von der Polizei. Ob Deutsche betroffen sind, war zunächst unklar. „Bei uns in Crans tummeln sich viele internationale Gäste“, berichtet die Eigentümerin eines Chalets. Die Frau und ihre Familie hatten kaum fassbares Glück. Ihr Sohn wollte eigentlich mit Freunden in der Neujahrsnacht die unheilvolle Bar aufsuchen. Doch die Gruppe entschied sich anders, weil die Gaststätte nicht „cool“ sei.
Bar hat schlechte Bewertungen im Netz
Die Betreiber der ausgebrannten Bar äußerten sich zunächst nicht. Schweizer Medien betonen, dass die Bar auf Internetforen eine miese Note im Bereich Sicherheit erhalten habe: Das Lokal sei nur auf 6,5 von 10 Punkten gekommen, wie „20 Minuten“ berichtete.
Um den Überlebenden zu helfen, organisieren Polizei, Feuerwehr und Notdienste einen Großeinsatz: Im Minutentakt landen und starten Hubschrauben nahe dem weit abgesperrten Unglücksort. Ambulanzfahrzeuge jagen durch die engen Straßen. Die Schweizerische Rettungsflugwacht Rega ist mit acht Hubschraubern im Einsatz, dazu mit drei Ambulanzflugzeugen, die die schwer verletzten Brandopfer von Sion aus in Kliniken in der Schweiz und im benachbarten Ausland weiterverteilen. Mehr als ein Dutzend Opfer wurden in die auf Brandverletzungen spezialisierten Uni-Kliniken in Zürich und Lausanne gebracht.
Auch im Stuttgarter Marienshospital sollte ein Brandopfer behandelt werden. „Wir haben einen Patienten, den wir voraussichtlich nach Stuttgart fliegen, damit der Patient dort eine möglichst gute Behandlung für seine Verletzungen erhält“, sagte Philipp Simmen, der Leiter Helikopter-Einsatz bei der Rega-Zentrale in Zürich, am Donnerstagmittag.