Brigitte Grigat verbringt ihre Freizeit seit mehreren Jahren als Granny-Au-pair im Ausland und betreut dort Kinder Foto: Anne-Sophie Stolz

Andere Kultur, wuseliger Familienalltag: Zwei Rentnerinnen erzählen, warum sie als Au-pair im Ausland arbeiten, statt zu Hause in der Komfortzone zu bleiben.

Wenn Andrea Kemmler ihre Koffer packt, fühlt es sich jedes Mal, als ginge sie auf eine Expedition zum Mond. Zwar heißen die Ziele Kairo, Washington oder Stavanger. Aber die 69 Jahre alte Rentnerin aus Bad Waldsee macht dort keinen Urlaub. Sie ist seit Beginn ihres Ruhestandes vor fünf Jahren immer wieder als so genannte Granny-Au-pair unterwegs – sie lebt also für mehrere Monate im Ausland in einer Gastfamilie und betreut deren Kinder. „Man weiß wirklich nie, was einen da erwartet. Aber das wusste Neil Armstrong ja auch nicht, als der sich zum Mond aufgemacht hat“, erklärt Andrea Kemmler ihren Mond-Vergleich.

 

Als Rentnerin nun einfach die Füße hochlegen, kam für sie nicht in Frage

Und obwohl sie jedes Mal mit „ordentlich Bammel“ am Flughafen sitzt, sind normale Urlaube nichts für sie. „Ich habe mein Leben lang immer wieder neue Herausforderungen gesucht.“ Andrea Kemmler arbeite als Schulsekretärin, als Hotelassistentin, als Gästeführerin bei den Passionsspielen in Oberammergau. Fast 50 Jahre lang, immer Vollzeit. Als Rentnerin nun einfach die Füße hochlegen, kam für sie da nicht in Frage. „Ich wollte in fremde Kulturen eintauchen. Und da ich keine eigenen Kinder und Enkel habe, reizt mich auch der Familienanschluss auf Zeit.“

Dass so ein Familienleben auch sehr anstrengend sein kann, weiß Andrea Kemmler inzwischen auch. Morgens alle Kinder rechtzeitig fertig machen und in den Kindergarten bringen, mittags auf dem Spielplatz toben, nächtlichen Kinderbesuch im schmalen Bett, wenn die Eltern mal unterwegs sind. „Das war schon eine große Umstellung“, gibt sie zu. Oft nutze sie ihre freie Zeit dann einfach nur, um sich auszuruhen, statt loszuziehen, um das fremde Land zu erkunden.

Im Gegensatz zu einer normalen Touristin bekomme sie dafür aber auch ganz andere Einblicke. „Ich war mit in einer Moschee, bin bei Familienfesten dabei, lerne andere Erziehungsstile kennen“, nennt Kemmler einige Beispiele. Vor allem aber spüre sie die Wertschätzung der Eltern und die Liebe, die ihr die Gastenkel auf Zeit entgegenbringen.

„Noch liebe ich einfach die Zeit bei meinen Familien“

Deshalb hält sie es nach so einem Auslandsaufenthalt meist auch nicht mehr lange aus zu Hause in Bad Waldsee. Schnell stöbert sie wieder auf dem Portal der Vermittlungsagentur von Granny-Au-pair nach einer neuen passenden Gastfamilie. „In meiner schönen, kleinen Wohnung sitzen und mich ausruhen, das kann ich immer noch, wenn mir das Reisen irgendwann zu anstrengend wird. Aber noch liebe ich einfach die Zeit bei meinen Familien.“

Auch Brigitte Grigat, 71, aus Baden-Baden, lebt regelmäßig für mehrere Monate als Gast-Oma im Ausland. Als sie sich vor sieben Jahren aus ihrem Beruf in der Finanzbranche in den Ruhestand verabschiedete, hat sie sich erst einmal einen VW-Bus gekauft und ist durch Europa gereist. Irgendwann aber hat es sie gestört, mehr unter anderen Reisenden zu sein, statt unter Einheimischen. Sie suchte nach Alternativen, meldete sich bei einem Workshop von Granny-Au-pair an und war sofort begeistert von dem Konzept.

Bei Telefonaten mit möglichen Gastfamilien merkte sie schnell, warum die Eltern gezielt nach älteren Au-pairs suchen. „Viele hatten schon Erfahrungen mit jungen Mädchen gesammelt. Aber gerade wenn die Eltern beruflich viel unterwegs sind und man auch mal mehrere Tage mit den Kindern allein ist, ist das schon viel Verantwortung“, erklärt Brigitte Grigat.

Als sie zu ihrer ersten Familie in der französischen Schweiz zog, reiste sie auch mit dem Auto an. „Das gab mir das Gefühl jederzeit meine Koffer packen und wieder gehen zu können“, sagt Brigitte Grigat. Nötig sei ein solcher Abbruch bislang allerdings nie gewesen. „Ich suche mir meine Familien schon genau aus und versuche, so viele Dinge wie möglich im Vorfeld zu klären.“ So seien Unterkunft und Verpflegung stets frei, meist auch ein Sprachkurs, wenn man den möchte. Ob es zusätzlich eine Monatsfahrkarte für den öffentlichen Nahverkehr oder Gutscheine fürs Museum oder das Schwimmbad gibt, sei dagegen verhandelbar.

Eine Granny-Au-pair ist keine Putzfrau

„Es ist auch wichtig klar zu machen, dass man für die Kinder da ist. Aber ich bin nicht die Putzfrau und auch keine echte Oma“, sagt Brigitte Grigat. Deshalb kommt es für sie auch nicht infrage, sich abends noch gemütlich mit den Eltern ins Wohnzimmer zu setzen. „Nach dem Abendessen ziehe ich mich in mein Zimmer zurück, dann wahre ich schon die Privatsphäre, damit wir alle auch mal für uns sein können.“ Diese Distanz ist für sie auch deshalb wichtig, weil sie sich immer bewusst ist, dass ihr Aufenthalt in den Familien irgendwann endet. „Ich habe alle meine Kinder wirklich sehr gern. Aber ich passe schon auch immer auf, dass ich nicht zu viel von mir gebe, damit der Abschied nicht zu schwer wird für alle.“

Kehrt sie von einem Auslandsaufenthalt zurück, veranstaltet sie zu Hause in Baden-Baden gern eine große Wieder-da-Party für ihre Freunde und Bekannte. Diese hätten sich schnell daran gewöhnt, dass sie immer mal wieder für mehrere Monate weg sei – und dann plötzlich wieder regelmäßig im Sportverein auftauche. „Viele finden es toll, was ich mache und hätten auch Lust darauf“, sagt Brigitte Grigat. Anders als bei ihr gäbe es aber bei den meisten ihrer Bekannten eben andere Ehemänner, eigene Kinder und Enkel, die dem Vorhaben im Weg stünden. Da kann man nicht einfach so für ein paar Monate verschwinden.

Brigitte Grigat dagegen ist gerade wieder auf der Suche nach temporärem Familienanschluss in der Ferne. Im November möchte sie gern wieder los, dann, wenn in Deutschland der Winter kommt. Vielleicht mal in die Sonne, nach Spanien, Portugal oder auch nach Südamerika. Vielleicht wird es aber auch ein ganz anderes Ziel. „Letztlich entscheidet aber die Chemie zur Gastfamilie. Schließlich mache ich keinen Urlaub.“

Im Alter als Au-pair reisen

Granny-Au-pair
 Vor 15 Jahren hatte die Hamburgerin Michaele Hansen die Idee, mit www.granny-aupair.com die weltweit erste Au-pair-Agentur für Frauen der Generation 50 plus zu gründen. Inzwischen gibt es auch noch weitere Agenturen, die ältere Au-pairs vermitteln – aber auch andere Möglichkeiten, um im Alter im Ausland etwas anderes zu machen als nur Urlaub. Die Seite www.wege-ins-ausland.de zeigt in der Rubrik „Senioren“ verschiedene Möglichkeiten auf, zum Beispiel im Bereich Freiwilligendienst, in der Entwicklungshilfe oder als Seniorenstudent.