Der Bundesbeauftragte für Schienenverkehr trifft im Kloster Horb auf Roland Morlock vom Bahnkundenverband. Theurer weist die Forderung der Länder beim 49 Euro-Ticket nach mehr Bundesgeld zurück und wirft ihnen „Zweckentfremdung“ vor.
Helmut Loschko im lila T-Shirt und Festivalbändchen an den Handgelenken umarmt Michael Theurer (FDP) in Anzug und Krawatte – den Bundesschienenbeauftragten und Staatssekretär, nennt ihn „meinen Freund.“ Theurer lächelt, als ihn Loschko als „Kloster-Retter“ lobt.
Freundschaftliche Stimmung. Friedenstage. Und ein Roland Morlock, der als Landesvorsitzender des Deutschen Bahnkundenverband der Bahn und Theurer ordentlich Kontra gibt.
Theurer ist Horbs Ex-OB und jetzt Bundesschienenbeauftragter. Bei seinem Auftritt im Rahmen der Friedenstage fährt er eine Attacke gegen die Länder. Sie fordern mehr Bundesmittel für das 49-Euro-Ticket.
Trauen sich Länder nicht, Preis für D-Ticket erhöhen?
Theurer: „Das Ticket wurde mit der Ministerpräsidentenkonferenz beschlossen. Wir haben gesagt: Der Bund gibt 1,5 Milliarden Euro. Die Ministerpräsidenten haben einen Einführungspreis von 49 Euro vorgeschlagen. Für den Nahverkehr sind die Länder der Aufgabenträger. Wenn sie sich jetzt nicht trauen, aus Inflationsgründen eine gewisse Anpassung zu beschließen, ist das wie die Katze, die um den heißen Brei herum schleicht.“
Dann wird Theurer noch deutlicher: „Es gibt Länder, die nur fünf Prozent der Bundesmittel auch für den Nahverkehr ausgeben. Das ist eine Zweckentfremdung.“
Stecken die Länder Bundesgeld für Nahverkehr woanders hin?
Ausdrücklich nimmt Theurer das Ländle von dieser Kritik aus: „In Baden-Württemberg gibt es die geringste Zweckentfremdung der Mittel. Verkehrsminister Hermann steckt 98 Prozent dieser Gelder in den Nahverkehr.“ Er betont aber auch, dass Ende 2024 die Kosten für das D-Ticket „spitz“ abgerechnet werden. Und sagt: „Die Länder und alle sollten kräftig die Werbetrommel rühren. Noch sechs Millionen Neukunden – und die Finanzsorgen dürften vorbei sein.“
Bahnchaos. Drohende Streckensperrungen auf den Hauptverkehrsstrecken. Roland Morlock: „Da ist der Bund auf die Deutsche Bahn reingefallen. Die verdient ihr Geld mit dem Fernverkehr. Und es werden jetzt bei der Generalsanierung nur die Fernverkehrsstrecken saniert. Dabei nutzen viel mehr Bahnkunden den Nahverkehr in den ländlichen Regionen. Und hier sind die Schienen teilweise in noch schlechterem Zustand.“
Fällt der Bund auf Bahn rein?
Theurer: „Korridore wie die Riedbahn zwischen Mannheim und Frankfurt sind zu 120 Prozent überlastet – seit Jahrzehnten. Die Teams der Bahn sind mit Hochdruck daran, jeden Tag die Störungen zu beheben. Egal, ob Signale, Weichen oder was auch immer. Deshalb haben sie überhaupt keine Zeit mehr für die Instandhaltungsmaßnahmen.“
Nächstes Zoff-Thema. Gäubahn.
Morlock bezweifelt den Sinn des Pfaffensteigtunnels. Unter anderem die Führung über den Flughafen: „Nur 100 Fahrgäste – so gab der Bahn-Experte beim Filderdialog zu – wollen aus dem Süden direkt zum Flughafen. Diesen 100 Fahrgästen hätte man auch das Umsteigen zumuten können.“
Brauchen wir den Pfaffensteigtunnel überhaupt?
Zweifel auch an den Gründen für den Bau. Morlock: „Er soll für den Deutschland-Takt gebaut werden. Dabei ist Stuttgart 21 gar kein Taktknoten. Da fahren die Züge die ganze Stunde über ab.“
Theurer: „Man kann sicherlich über die objektiven Kriterien, die Bauprojekte für den Bundesverkehrswegeplan brauchen, streiten. Der Pfaffensteigtunnel wird der Region südlich von Stuttgart den Deutschland-Takt ermöglichen. Der Bund finanziert ihn. Fakt ist auch: Nur der Pfaffensteigtunnel ist die dauerhafte Lösung, damit die Gäubahn nicht in Vaihingen endet. Die Projektpartner von Stuttgart 21 hätten eine Alternative bauen können. Das haben sie aber seit Jahren nicht getan.“
Theurer betont, dass der Pfaffensteigtunnel „noch finanziert“ sei bei 1,5 Milliarden Euro Baukosten und der Bau 2026 starten könnte.
Wird die Gäubahn zweigleisig ausgebaut?
Morlock kommt dann auf den Rest der Gäubahn zu sprechen. Sein Verband vertritt nicht nur die Fahrgäste, sondern auch die Güterverkehrsunternehmen. Er fordert einen durchgängigen, zweigleisigen Ausbau bis auf Tuttlingen-Hattingen.
Theurer: „Das lässt sich nicht mit zwei Milliarden Euro machen.“
Morlock weist auf Schwächen der augenblicklichen Ausbauplanung auf der Gäubahn hin: „Warum wird bei Sulz nur ein einspuriger Tunnel gebohrt, und die jetzige Gäubahn als zweite Spur soll abgebaut werden?“
Theurer: „Es gibt noch Haken und Ösen. Aber ich bin dran, diese Haken und Ösen beim Gäubahn-Ausbau südlich zu glätten.“
Wie lange dauert der Gäubahn-Ausbau?
Michael Theurer erzählt noch eine Anekdote zum Gäubahn-Ausbau. Der Bundesschienenbeauftragte: „Als Horbs OB war ich auch Vorsitzender der IG Gäubahn. Wir waren in dieser Zeit auf Vermittlung von Hans-Joachim Fuchtel beim damaligen Bahn-Chef Rüdiger Mehdorn. Wir sprachen über die Doppelspurinseln. Mehdorn sagte damals: „Vor 2020 werden wir das nicht hinbekommen.“ Ich bin aufgestanden, hab ihm die Hand ausgestreckt und fragte ihn: „Schlagen Sie ein?“ Er war ganz überrascht. Das muss vor 2009 gewesen sein. Jetzt werde ich wohl im Februar nächsten Jahres die erste Doppelspurinsel auf der Gäubahn bei Horb-Neckarhausen mit eröffnen.
Scheitert S-Bahn Verlängerung bis Horb am Chaos im Digitalen Knoten Stuttgart?
Die große Angst der Horber und der südlichen Anrainer: Sie hoffen auf eine S-Bahn Verlängerung, wenn die Gäubahn-Kappung kommt. Klappt aber nur, wenn der digitale Knoten in Stuttgart 2025 funktioniert.
Theurer: „ Ich will hoffen, dass er funktioniert. Ich bin nur nicht sicher, wann. Wenn wir dieses weltweit einzigartige Pilotprojekt hinbekommen, dann wird das ein Exportschlager.“
Bahnexperte Morlok mahnt: „Das soll ja höhere Auslastungen und Zugkapazitäten durch ECTS schaffen. Das System hat aber eine Schwäche: Wenn sich ein Zug um mehr als zwei Minuten verzögert, braucht das digitale System noch länger als die bisherige Technik, um sich davon im Betriebsablauf zu erholen.“
Der Bundesschienenbeauftragte: „Die Ingenieure haben versprochen: Wir kriegen das hin.“
Macht das Projekt Zukunft weiter?
Nach zweieinhalb Stunden ist das „Heimspiel bei Freunden“ von Michael Theurer vorbei. Noch ein Foto mit Helmut Loschko, der Theurer als OB bei einer Ausstellung im Kloster zeigt. Loschko: „Ich erinnere mich noch an deinen ersten Vortrag bei den Friedenstagen. Das heute hat mich inspiriert, die Friedenstage im nächsten Jahr wieder zu machen – wenn das unter dem neuen Kulturmanagement geht. Und wenn es Mitstreiter gibt.“