Tennisspieler Matteo Berrettini ist die Nummer sieben der Welt und Teil einer Generation, die ganz Italien glücklich macht. Jetzt ist er beim ATP-Finale in Turin am Start.
Stuttgart - Mit welcher Sportart hat Matteo Berrettini angefangen? „Fußball“, sagt er, „ich bitte Sie, ich bin Italiener.“ Und Römer. Als Berrettini ein Junge war, bewunderte er die kickenden Helden Francesco Totti und Daniele De Rossi – so wie die meisten Buben in der Ewigen Stadt. Er sagte seiner Mutter auch ganz offen, dass ihm das Tennisspielen keinen großen Spaß macht. Also reichte er seinen ersten Schläger an den jüngeren Bruder Jacopo weiter. „Genauso wie er immer meine Kleider bekam.“
Heute ist Matteo Berrettini trotzdem Tennisspieler – und sogar einer der besten der Welt. Als Nummer sieben der Rangliste spielt er beim ATP-Finale mit, das am Sonntag startet und wo sich nur die Topleute treffen – zum finalen Höhepunkt der Saison. Dass das Turnier in Turin stattfindet, versetzt Italien im Hinblick auf Berrettini in einen Ausnahmezustand. Nicht auszudenken, was los wäre, wenn sie das Finale nach Rom vergeben hätten. Für eine Woche hätte Berrettini wohl den Papst in die zweite Reihe des öffentlichen Interesses geschickt.
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Nun aber Turin, der 25 Jahre alte Römer sieht auch das als Geschenk an. „Meine Worte können nicht das Glück beschreiben, das ich in meinem Herzen fühle“, sagt er mit Pathos. 2020 war ein hartes Jahr für ihn, die Pandemie trug ihren Teil dazu bei. „Und jetzt stehe ich kurz davor, meine zweiten Finals zu spielen, ich kann es kaum glauben.“ Schon 2019 war er in London dabei.
Matteo Berrettini ist einer der großen Aufsteiger des Jahres 2021. In Stuttgart ist er bekannt, weil er 2019 das Turnier auf dem Weißenhof gewann. In diesem Jahr siegte er in Belgrad und im Londoner Queen’s Club. Er stand bei den Australian Open im Achtelfinale, bei den French Open im Viertelfinale und steigerte diese starken Grand-Slam-Auftritte noch mit der Finalteilnahme in Wimbledon. So gut war er bei einem Major-Turnier noch nie – fand im Endspiel allerdings seinen Meister in Novak Djokovic.
Kein Weltuntergang
Gegen die serbische Nummer eins der Welt zu verlieren, es war kein Weltuntergang, auch wenn es wehtat. Djokovic ist auch immer eines seiner Vorbilder gewesen, genauso wie Roger Federer. Mit ihm wurde der italienische Tennisstar ja auch schon verglichen. Für den Trainer der Schweizer Tennisikone, Ivan Ljubicic, steht jedenfalls fest: „Wir sprechen von einem außergewöhnlichen Kerl, auch wegen der Fähigkeit und der Tiefe, die er hat, Dinge zu diskutieren. Wie ihn kannte ich nur Roger. Matteo ist perfekt, er macht nur das Richtige.“
Gefürchtet sind vor allem Berrettinis Monstervorhand, seine Passierbälle, auch der Aufschlag kann sich sehen lassen. Da er stattliche 1,96 Meter groß ist und 95 Kilo auf die Waage bringt, sprechen sie in Rom gerne mal vom Mann mit dem Gladiatorenkreuz. Dabei ist Berrettini ein lustiger, aber auch sanftmütiger Zeitgenosse, der in Interviews fast ein bisschen schüchtern wirkt. Nicht aber auf dem Platz. Da kennt er keine Freunde, präsentiert sich aber als Sportsmann.
Es war so still
Gut vier Jahrzehnte war es still gewesen um das italienische Männertennis. Vielleicht hat man mal etwas von Andrea Gaudenzi gehört, aber das ist schon eine Weile her. Wenn es etwas im Stiefelstaat zu berichten gab, dann von den erfolgreicheren Frauen. Das ist jetzt anders – ganz anders. Der exzentrische Tennisspieler Fabio Fognini ist zwar schon 34 Jahre alt, er wurde aber im Herbst seiner Karriere immer besser. Aber vor allem deshalb befindet sich Italien im Tennishoch: Es liegt an Berrettini, dem 20 Jahre alten Supertalent Jannik Sinner und dem ein Jahr jüngeren Lorenzo Mussetti. Insgesamt befinden sich acht Italiener unter den Top 100 der Welt, das ist beachtlich. Aus Deutschland sind nur vier dabei.
Woran das liegt? Es gibt immer mehr Turniere in Italien, neben der ATP-Veranstaltung in Rom finden noch zahlreiche Wettbewerbe in den unteren Kategorien statt. Zudem hat der italienische Verband vor einigen Jahren Tennis ins frei empfangbare Fernsehen gebracht. Das hat auch zu einem Mitgliederzuwachs in den Vereinen geführt.
Dranbleiben lohnt sich
Wenn man dranbleibt, schafft man es bis ganz nach oben – so wie Berrettini. „Als ich wuchs und besser wurde, begann ich zu erkennen, wie das Leben eines professionellen Tennisspielers aussieht: zehn bis elf Monate um die Welt reisen“, sagt er – daran musste er sich erst gewöhnen. Doch hat er für dieses Vagabundenleben auch die richtige Partnerin gefunden. Es ist die kroatisch-australische Tennisspielerin Ajla Tomljanovic, derzeit die Nummer 45 der Welt. Alles richtig gemacht: Als Fußballer hätte Matteo Berrettini sie wohl gar nicht kennengelernt.
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