Das Atomkraftwerk Bugey zählt zum Kraftwerkspark des französischen Konzerns EDF. Foto: Imago/Thomas Rathay

Der französische Staat muss Électricité de France (EDF) aus einer katastrophalen Finanzlage retten. Ein Grund für die Misere sind dessen Atomreaktoren.

„Ich glaube zutiefst an die Zukunft der EDF“, beteuerte der französische Wirtschaftsminister Bruno Le Maire am Donnerstag. Dem nationalen Stromkonzern geht es schlecht, so schlecht wie noch nie. Am Vortag hatte die Regierung in Paris seine Verstaatlichung zu 100 Prozent (heute 83,9 Prozent) verkündet. „Angesichts von Krieg und kolossalen Herausforderungen müssen wir unsere energetische Souveränität garantieren“, erklärte Premierministerin Élisabeth Borne zur Begründung.

 

Le Maire sprach von der Notwendigkeit, die „energetische Unabhängigkeit“ seines Landes abzusichern. Angesichts der weltweiten Gas- und Ölknappheit sei er gewillt, die Kontrolle über die nationale Energiepolitik zurückzugewinnen. Wie das Wirtschaftsministerium bekannt gab, wird EDF-Chef Jean-Bernard Lévy deshalb zurücktreten, „sobald sein Nachfolger gefunden“ sei. Der 65-jährige Konzernboss, seit acht Jahren an der EDF-Spitze, hätte an sich Ende 2023 in Rente gehen sollen.

Der Druckwasserreaktor in Flamanville kostet sechsmal mehr als geplant

Die komplette Verstaatlichung der EDF offenbart indessen in erster Linie ihre desolate Finanzlage. Der zweitgrößte Energiekonzern der Welt hinter China Energy ist heute schlicht nicht mehr in der Lage, seine Existenz aus eigener Kraft zu sichern. Das in Frankreich überall präsente Unternehmen mit 165 000 Angestellten war einst der industrielle Stolz der Nation gewesen, ein mächtiger, oft selbstherrlicher Staat im Staat, der sich von der Regierung nicht gern reinreden ließ und über den zweitgrößten AKW-Park der Welt mit 57 Reaktoren herrschte. Jetzt muss Lévy zugeben, dass sein Unternehmen allein nicht mehr über die Runden kommt. Die zuvor schon horrende Konzernschuld ist binnen Jahresfrist um 40 Prozent auf 61 Milliarden Euro hochgeschnellt. Die Unterhaltskosten für die Atomkraftwerke – von denen derzeit die Hälfte wegen Korrosionspannen und Wartungsarbeiten stillsteht – steigen monatlich. Nicht besser ergeht es der neuen AKW-Generation: Der Druckwasserreaktor EPR in Flamanville (Normandie) kostet nun 19 Milliarden Euro, sechsmal mehr als geplant.

Präsident Emmanuel Macron hat selbst zur Finanznot der EDF beitragen. Er kündigte im Februar dieses Jahres den Bau von 14 neuen Reaktoren an, darunter sechs EPR, die in etwa fünfzehn Jahren ans Netz gehen sollen und allein über 50 Milliarden Euro kosten werden. Zudem dekretierte er eine Energiepreissperre, die nicht nur Privatkonzerne wie Total trifft, sondern auch EDF: Sie ist heute gezwungen, Strom teilweise unter dem Gestehungspreis weiterzugeben. Wenn das sich nicht rasch ändere, werde EDF „das Jahr nicht überleben“, warnte das Personalkomitee CSE im Juni. Das war nicht der erste Alarmruf gewesen. Die Regierung hatte die EDF schon im Frühling mit 3,1 Milliarden Euro rekapitalisieren müssen. Die Verstaatlichung von gut 16 Prozent börsengehandelter EDF-Titel dürfte den Staat nochmals fünf Milliarden Euro kosten.

Auch die Aktieninhaber haben viel Geld verloren: Bei der Teilprivatisierung von EDF im Jahr 2015 war das Papier noch 33 Euro wert; gegenwärtig sind es noch neun Euro.

Diese Zahlen belegen die finanziellen Motive der Verstaatlichung. Ein energiepolitischer Kurswechsel dürfte damit nicht einhergehen. Wie die im Amt bestätigte Premierministerin Borne diese Woche in ihrer Regierungserklärung klarmacht, setzt Frankreich weiter auf einen CO2-freien Energiemix aus Atom und Erneuerbaren, darunter 50 Offshore-Windparks. „Unsere Energiewende läuft über die Atomkraft“, umschrieb Borne die Energiepolitik ihrer Regierung, die vollumfänglich dem bisherigen EDF-Kurs entspricht.