Auch bei den Ärzten nimmt die Bürokratie zu statt abgebaut zu werden. (Symbolfoto) Foto: H_Ko - stock.adobe.com/soundexpert

Viele Patienten, wenig Zeit, zunehmende Bürokratisierung – und nun auch noch das. Beim dem, was sich kürzlich in seiner Arztpraxis ereignet hat, dachte Kai-Ulrich Mauch, er sei Kandidat bei „Verstehen Sie Spaß?“.

Winterzeit ist Krankheitszeit: Gerade als ins Ärztezentrum Zimmern massenhaft Patienten einfielen und die Praxis mit Krankheitsfällen beim eigenen Personal zu kämpfen hatte, kündigte sich ein Besucher an.

 

Besuch kündigt sich an

Das Regierungspräsidium Tübingen beziehungsweise die Abteilung für Eich- und Beschusswesen meldete an, der Praxis in eineinhalb Tagen einen Besuch abzustatten. Ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt und kurzfristig noch dazu, fand Kai-Ulrich Mauch und bat deshalb darum, den Termin zu verschieben.

Dieser sei nicht verhandelbar, habe es daraufhin geheißen. Immerhin: Auf eine Mitarbeiterin der Praxis, die dem Besuch zur Verfügung stehen sollte und die Mauch zu diesem Zeitpunkt nicht entbehren konnte, wurde von Abteilungsseite verzichtet – allerdings hörbar missgestimmt, wie Mauch unserer Redaktion erzählt.

Missstand moniert

Der Besucher habe bei dem Termin dann alles ganz genau inspiziert und schließlich angesichts der zwei Personenwaagen festgestellt: Das seien handelsübliche Waagen. Die entsprächen nicht der Gesetzeslage, wurde moniert. Waagen in Arztpraxen – auch für Personen – müssten eichfähig sein.

Acht Wochen nach dem Besuch erreichte Mauch ein Schreiben bezüglich einer begangenen Ordnungswidrigkeit mit der Aufforderung, einen dafür Verantwortlichen zu benennen. Mauch „outete“ sich als „Schuldiger“. Zudem besorgte er für die Praxis zwei neue geeichte Waagen. Diese, der Besuch des Prüfers und das Bußgeld hätten ihn letztlich insgesamt rund 1300 Euro gekostet, erzählt der Arzt kopfschüttelnd.

Reine Schikane?

Und wie oft verwendet er die Waagen? Da winkt Mauch nur ab. „Die brauchen wir fast nie.“ Die werde nur verwendet, wenn man einen Check-up bei einem Patienten mache und der nicht genau wisse, wie viel er wiege, oder einen Wert nenne, der augenscheinlich unwahrscheinlich erscheine. „Aber selbst wenn wir sie benutzen, reicht uns ein Näherungswert. Die Abweichung von 300 bis 600 Gramm zu einer geeichten Waage ist überhaupt nicht relevant.“

„Wir sind dermaßen überreguliert“

Neben dem finanziellen Aufwand ist bei Kai-Ulrich Mauch vor allem große Verständnislosigkeit geblieben. So etwas habe er in 20 Jahren noch nie erlebt. „Die Politik schreit nach einer niederschwelligen Grundversorgung auf dem Land. Wieso wird uns das Leben dann so schwer gemacht? Wir sind dermaßen überreguliert“, sagt er kopfschüttelnd.

Das ende nicht mit dieser Erfahrung. Auch die angestrebte Digitalisierung erschwere die Arbeit in den Arztpraxen. Bis die elektronische Arbeitsunfähigkeitserklärung funktioniert habe, seien zehn Monate ins Land gegangen.

Nun habe man sich auf das E-Rezept eingestellt, die Erstellung dauere aber fünfmal so lang wie die eines „normalen“ Rezepts. Und wenn man Teil des Hausarztprogramms sei und statt zu ihm beispielsweise zum Kollegen Andreas Mink gehe, sei das technisch bisher gar nicht umsetzbar. „Das alles müssen wir irgendwie im laufenden Betrieb erarbeiten, obwohl die Zeit ohnehin schon knapp ist.“ Vom Thema Datenschutzerklärung wolle er gar nicht erst anfangen, sagt er und winkt ab.

Fachangestellte fehlen

Sorgen habe man außerdem genug, etwa, was die Medizinischen Fachangestellten angehe. Vier langjährige gute Mitarbeiter hätten gekündigt und nicht etwa in eine andere Arztpraxis gewechselt, sondern gleich die Art der Arbeit. Eine habe ihm erzählt, sie sei mehr als nur einmal nach Arbeitsschluss in Tränen ausgebrochen, weil der Job sie so belastet habe, sagt Mauch. Das sei schlimm.

Kai-Ulrich Mauch ist seit 25 Jahren niedergelassener Arzt, seit 22 Jahren in Zimmern. 2012 wurde die Arztpraxis in Villingendorf als Zweigstelle übernommen. An beiden Standorten sind nun fünf Ärzte tätig: die Fachärzte Kai-Ulrich Mauch, Eva Mauch und Andreas Mink sowie zwei Ärzte, die sich in Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin befinden. Zudem arbeiten insgesamt zehn MFA in den beiden Praxen.

Immer weniger Zeit für die eigentliche

Kai-Ulrich Mauch musste zwei Nachmittage pro Woche für Büroarbeit freischaufeln. Arbeitsplanung, Vorstellungsgespräche und Co. – alles lande auf seinem Tisch. Dass die Bürokratie in jeder Branche zunimmt, weiß er dabei und findet diesen Zustand unerträglich.

Für die eigentliche Arbeit bleibe damit immer weniger Zeit. Wenn dann auch noch eine nicht geeichte Waage zum Politikum werde, falle eine Hoffnung auf besser, weniger bürokratische Zeiten schwer.