„Die Arbeit als Hausarzt ist einfach erfüllend“, findet Friedrich Müller. Foto: Schneider

Mit 66 Jahren geht der Sulzer Hausarzt Friedrich Müller im Juni in den Ruhestand. Einen Nachfolger hat er mit Mehmet Dutlu schon gefunden. Jetzt blickt er zurück und erklärt, warum er die Arbeit mit seinen Patienten als eine wahre Berufung empfunden hat.

Friedrich Müller blickt auf eine lange Zeit zurück. 28 Jahren ist er der Hausarzt zahlreicher Sulzer gewesen, Ende Juni geht er in den Ruhestand.

 

„Ich bin die meiste Zeit in Sulz gewesen“, zieht der gebürtige Rheinländer Fazit. Nach einigen Jahren in Berlin habe es ihn an den Neckar verschlagen.

Ein vielfältiger Beruf

Wo er sich auch bestens eingelebt hat. „Von meinem Haus sind es drei Minuten zur Praxis und drei zum Bahnhof“, skizziert er die gute Infrastruktur der Stadt.

„Ich kann es nur jedem empfehlen, Hausarzt zu werden“, wirbt der künftige Rentner für seinen Beruf. Trotz des absehbaren Endes arbeite er jeden Tag noch voll durch. „Es ist einfach ein enorm breites Spektrum an Patienten und Krankheitsbildern“, kommt er auf die Vielfalt seines Berufsstandes zu sprechen.

Er kennt seine Patienten

So hätte er sich beispielsweise nie vorstellen können, sein ganzes Leben lang nur Magenspiegelungen vorzunehmen. Aber so hat Müller seine Patienten zum Teil ein ganzes Leben lang begleiten können.

„Ein 20-Jähriger hat mal gesagt, dass er nie einen anderen Arzt als mich gehabt hätte“, veranschaulicht er das mit einem Augenzwinkern. Das führe auch dazu, dass man das soziale, familiäre und berufliche Umfeld seiner Patienten sehr gut kenne.

„Ich brauche die Begegnung“

„Du bist der Lotse im Gesundheitswesen, musst aber auch mal Seelsorger sein“, verdeutlicht er die verschiedenen Anforderungen, die jeden Tag einzigartig und abwechslungsreich machen.

Für ihn ist jeder Patient der wichtigste, bei dem er ganz Auge und Ohr sei. „Ich brauche den Kontakt und die persönliche Begegnung“, beschreibt er das, was ihm daran Freude bereite. Allerdings sehe er Anzahl der Patienten schon kritisch.

Demografischer Wandel ist spürbar

So gebe es im Kreis Rottweil 20 freie Hausarztsitze, in Baden-Württemberg seien 927 Sitze nicht besetzt. „Prognosen gehen davon aus, dass in fünf Jahren altersbedingt 2000 weitere fehlen werden“, gibt er einen Ausblick in die Zukunft.

Das würde für die verbliebenen Praxen zusätzlich eine enorme Arbeitsbelastung bedeuten. „Der Worst Case ist, dass sich dadurch viele entschließen aufzuhören, auch wenn sie noch nicht im Rentenalter sind“, befürchtet er.

Ein kompliziertes System

Dennoch brennt er für seinen Beruf. „Die Arbeit als Hausarzt ist einfach erfüllend“, hält er fest. Und einer, der das genauso sieht, ist Mehmet Dutlu, der momentan noch in einer Praxis in Rangendingen tätig ist, aber am 1. Juli die Nachfolge von Müller in der Holzhauser Straße 39 antreten wird.

Wie blickt der 66-Jährige mit seiner Berufserfahrung auf das Gesundheitssystem? „Erklären Sie das mal einem Ausländer“, meint er mit einem bitteren Unterton. „Beim dritten Satz kommen Sie ins Stocken.“

Eine Versicherung für alle

Denn schließlich gebe es in Deutschland sowohl gesetzliche als auch private Krankenkassen. Für 2025 listet der Spitzenverband Bund der Krankenkassen 94 verschiedene Kassen auf. „Eigentlich braucht es nur eine einzige, in die alle einzahlen“, befindet Müller. Alles andere mache das System nur unnötig kompliziert.

Die Privaten Krankenkassen gehörten abgeschafft, auch sollten alle Bürger gemeinsam in eine Rentenkasse zahlen. „Da bin ich Sozialist“, hält er fest.

Die Frage nach dem Tod

Ein gutes Zeugnis stellt er hingegen der voranschreitenden Digitalisierung aus. Die habe anfangs zwar auch ihre Probleme gehabt, funktioniere jetzt aber einigermaßen. „Die elektronische Patientenakte ist sinnvoll“, erklärt er. Denn früher habe man oft nicht gewusst, ob die Leute vorher bei einem Facharzt waren. „Jetzt sind alle Berichte gebündelt“, sagt er.

Neben seiner Tätigkeit als Arzt war Müller auch viele Jahre im Bergfelder Kirchengemeinderat aktiv. „Das Gebot der Nächstenliebe ist Vorbild für die ganze Menschheit“, kommt er auf die universelle Ethik, die sich so auch in vielen anderen Religionen findet zu sprechen. Auch die Frage, was nach dem Tod komme, sei für Religionen zentral, befindet der Mediziner.

Große Radtour steht an

Ob es ihm in der Rente nun langweilig werde? „Wohl kaum“, überlegt er. Denn zuerst stehe eine Radtour von Sulz nach Ulm an, wo er sich mit einigen Studenten treffe. Dann ginge es ins Taubertal und schließlich wieder zurück an den Neckar.

„Wenn es regnet, nehme ich das Rad notfalls in den Zug“, spielt er sogleich die Schlechtwetter-Alternative durch. Aber die sportliche Bewegung sei gut für Körper und Geist und halte einen fit, erklärt er.

Neben Wanderungen habe er dann aber auch viel Zeit mit der Kamera durch die Gegend zu ziehen, zu lesen oder sich in Kunstgeschichte zu vertiefen, spannt Müller ein weites Feld auf.