Von der Praxis auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Wer Bad Wildbad kennt, kommt an einem Namen nicht vorbei: Thomas Käppler.
Einst als Sportarzt etabliert, agiert er heute – obwohl eigentlich längst im Rentenalter – weiterhin als der letzte klassische Badearzt seiner Zunft sowie als einer der wenigen verbliebenen Allgemeinmediziner vor Ort. Doch als wäre die medizinische Versorgung einer ganzen Region nicht schon Aufgabe genug, tauscht Käppler regelmäßig die Praxisräume gegen die Bretter, die die Welt bedeuten. Als Vorsitzender des Fördervereins des Königlichen Kurtheaters zeichnet er für ein im wahrsten Sinne des Wortes fulminantes Programm verantwortlich. Ein Kraftakt, der nur mit eiserner Disziplin und einer gehörigen Portion Leidenschaft zu bewältigen ist.
Völlig neue Herausforderung
Völlig neue Herausforderung Als ihm vor über zehn Jahren der heutige Ehrenvorsitzende Eckhardt Peterson das Amt des Vorsitzenden des Kurtheaters übergab, freute er sich auf den bewussten „Kostümwechsel“. Neben Hobbys wie Klavierspielen, Tennis oder Oldtimerfahren bot die Theaterleitung eine völlig neue Herausforderung.
Dabei sieht Käppler durchaus Parallelen zwischen seinen beiden Lebenswelten. In beiden Positionen besetzt er die Führungsposition. Während er als Arzt oft kurzfristig Krankheiten erkennen und behandeln muss, ist im Theaterverein langfristige Planung gefragt. Das verbindende Element? Die Heilung. „Ja, und Kultur ist auch eine Medizin. Wenn Sie einmal zwei Stunden in einem Theater sitzen und zwei Stunden abschalten können, ist das Medizin für die Seele.“
Kontrast könnte kaum größer sein
Kontrast Der Kontrast zwischen dem Alltag in der Praxis und dem Abend im Theater könnte dabei kaum größer sein. Schmunzelnd zieht er den Vergleich: „Ich wünschte mir häufig, die Sprechstunden wären nicht so ausverkauft, also voll, und die Patienten würden sich nicht im Wartezimmer drängeln müssen oder sogar die Treppe hinunter stehen. Im Theater wünsche ich mir, es wäre öfter ausverkauft und die Leute würden Schlange stehen.“
Klares Ziel Als Käppler 1990 nach Bad Wildbad kam, bot das geschichtsträchtige, 1865 erbaute Kurtheater einen traurigen Anblick: Ein Bauzaun sicherte ein zerfallenes Gebäude. Käppler zögerte nicht, wurde Mitglied im Verein und kaufte symbolisch einen Stuhl. Die darauffolgende Restaurierung ließ das Haus in neuem Glanz erstrahlen. Mit seiner Amtsübernahme vor zehn Jahren setzte er sich ein klares Ziel: „Das alte Gebäude durfte kein Museum sein, es musste mit Leben gefüllt werden. Damals dominierten die Rossini-Festspiele, und viele dachten, ‚da gibt es doch nur Oper‘“. Käppler und seine Mitstreiter brachen diese Strukturen auf und fächerten das Programm breit und hochkarätig auf.
Emotionen „Emotional für mich ist immer wieder, wenn Besucher, die erstmalig ins Theater treten, die Decke anschauen und staunend, ohne Worte sind. Und emotional ist auch, wenn bei Veranstaltungen am Ende die Zuschauer aufspringen, in Standing Ovations gehen und Zugabe rufen.“ Dabei geht es ihm auf der Bühne nicht um persönliche Eitelkeiten. Den Applaus überlässt er gerne den Künstlern: „Den Applaus bekommen ja die Künstler, nicht ich. Ich kann nur einen kurzen Weg dahin bahnen, aber der Beifall für den Künstler ist das, was ich am meisten genieße.“
Gleichzeitig sitzt ihm stets der kritische Blick auf die Finanzen im Nacken, denn ein leeres Haus bedeutet ein Minus. Umso dankbarer ist er den vielen Spendern, die durch kleine und große Zuwendungen Reparaturen und Neuanschaffungen überhaupt erst möglich machen.
Von 5 bis 23 Uhr
Eiserne Disziplin Wie schafft ein Mann im Rentenalter dieses immense Pensum? Die Antwort lautet: Struktur, Teamwork und eine starke Partnerin. „Mein Arbeitstag ist schon lang, aber ohne eiserne Disziplin sind solche Aufgaben, die Übereinstimmung von ärztlicher Tätigkeit und Vereinsvorsitzender des Kurtheaters, nicht zu bringen.“ Käpplers Tag beginnt um 5 Uhr morgens. Bereits kurz nach halb sieben sitzt er in der Praxis, um noch vor dem offiziellen Start der Sprechstunde den Papierkram zu erledigen, sowohl für die Patienten als auch für das Theater. Nachmittags geht der Marathon weiter und Schluss ist für den umtriebigen Mediziner meist erst gegen 23 Uhr. „Die Arbeit am Theater bringt mir durch die vielen Wochenenden, wohlwollende Kritik meiner Ehefrau Inga ein, die selbst bei den Veranstaltungen den Ausschank macht. Aber durch die belegten Wochenenden bestehen keine anderen Erholungsmöglichkeiten. Ohne eine Partnerin wie sie an meiner Seite wäre diese Arbeit gar nicht möglich.“
Analoger Austausch Wie viele Traditionsvereine blickt auch das Kurtheater auf eine alternde Struktur. Viele Mitglieder der ersten Stunde sind verstorben, jüngere Generationen zieht es in die digitalen Welten der sozialen Medien. Doch Käppler lässt sich nicht entmutigen. Er sieht das Theater als einen Ort des analogen Austauschs und zieht einen optimistischen Vergleich: „Schon vor Jahren hieß es: ‚Bücher sind tot, es lebe nur noch der ‚Kindle‘, aber das hat sich Gott sei Dank nicht bewahrheitet. Ähnlich wird es mit den Theatern gehen.“ Sowohl für seine Praxis als auch für das Theater sucht er gemeinsam mit seinem Stellvertreter Gerd Müller aktiv nach Nachfolgern und blickt der Zukunft positiv entgegen.
Künstlerisch sucht Käppler im Programm weder das rein Spektakuläre noch das ausschließlich Berührende: „Ich suche Künstler, Theaterstücke, Auftritte, die möglichst viele Menschen berühren, um sie näher an und ins Theater zu führen.“ Er selbst schaltet am besten bei klassischer Klaviermusik oder wirklich guter Comedy ab.
Dieses Jahr hat er zudem eine Neuerung gewagt: Coverbands stehen auf dem Programm – inspiriert von einer Doors-Coverband, die ihn vor Jahren begeisterte.
Gesprächsstoff Die Wildbader schätzen ihren Doktor, und die Kombination aus Mediziner und Kulturmanager sorgt regelmäßig für Gesprächsstoff. „Die Patienten sprechen mich natürlich an, fragen mich häufig, wie ich das überhaupt alles schaffe, weil sie selbst sehen, wie voll meine Praxis ist. Und ich werde auch auf der Straße angesprochen, bezüglich meiner roten Lackschuhe auf der Bühne.“ Diese markanten Schuhe sind Käpplers optisches Markenzeichen geworden, wenn er vom legeren Praxis-Outfit in den schwarzen Anzug schlüpft. Käppler stellt fest: „Das Kurtheater wurde 1865 ursprünglich für die Kurgäste erbaut, ein historischer Umstand, der spürbar nachwirkt. Während Kulturbegeisterte aus Freiburg, Heidelberg, Stuttgart oder Pforzheim in Scharen anreisen, bleibt die Resonanz aus der eigenen Bevölkerung und selbst aus den Reihen der Gemeinderäte überschaubar.“
Er hält das Juwel mit aller Kraft am Leuchten: „Deshalb mein Appell an die Wildbader... Kommt mal in unser schönes Theater, ihr werdet staunen, welches Juwel es in unserer Stadt gibt.“