Wolfgang von Meißner erklärt, wie man die Viruserkrankung vermeiden kann. (Symbolbild) Foto: Patrick Pleul/dpa

Ein Zeckenbiss kann gefährlich sein – wird dabei das FSME-Virus übertragen, drohen extreme Folgen. Mediziner Wolfgang von Meißner aus Baiersbronn erklärt, warum Impfen so wichtig ist.

Es ist so weit, die alljährliche Zeckenzeit läuft auf Hochtouren. Jedes Jahr sind hunderte Menschen von der Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) betroffen – einem Virus, das von Zecken übertragen wird. Die Folgen einer FSME-Erkrankung können denen eines Schlaganfalls gleichen, meint Wolfgang von Meißner, Arzt in der Gemeinschaftspraxis Hausärzte am Spritzenhaus in Baiersbronn.

 

Dabei ist er überzeugt, dies ließe sich in nahezu allen Fällen vermeiden, würde man sich impfen lassen. Wolfgang von Meißner erklärt im Gespräch mit unserer Redaktion, warum das Virus nicht unterschätzt werden sollte.

Wie hat sich das Impfverhalten der Patienten in Ihrer Praxis in den letzten Jahren bei FSME verändert?

Wir sehen in unserer Praxis keinen dramatischen Einbruch, aber eine auffällige Stagnation. Das Problem ist: Diese Stagnation passt nicht zur Risikolage. Die FSME-Fallzahlen bleiben hoch, die Risikogebiete nehmen eher zu, aber viele Menschen nehmen das Thema nicht mehr als dringend wahr. Bundesweit wurden 2025 laut Robert Koch-Institut 693 FSME-Erkrankungen gemeldet. Das war der dritthöchste Wert seit Beginn der Erfassung im Jahr 2001. In Baden-Württemberg liegt die FSME-Impfquote in den Risikogebieten nach RKI-Daten nur bei 17,2 Prozent. Das entspricht auch unserem Eindruck im Alltag: Die Erstimpfung gelingt oft noch, aber viele Patienten verlieren die Auffrischungen aus dem Blick. Genau dort entsteht die Lücke.

Warum unterschätzen viele Patienten die FSME-Gefahr?

Wir hören vor allem vier Begründungen. Erstens: Viele unterschätzen ihr persönliches Risiko. Häufig heißt es: „Ich bin doch kaum im Wald.“ Dabei kommen Zecken längst nicht nur im Wald vor, sondern auch im Garten, auf der Wiese, am Waldrand oder auf der Streuobstwiese. Zweitens: FSME wird oft mit Borreliose verwechselt. Das ist wichtig: Borreliose ist eine bakterielle Erkrankung und kann meist antibiotisch behandelt werden. FSME ist eine Viruserkrankung. Wenn sie ausbricht, gibt es keine ursächliche Therapie. Drittens: Nach den Pandemiejahren erleben wir bei manchen Menschen eine allgemeine Impfmüdigkeit. Viele möchten sich mit dem Thema Impfen einfach nicht mehr beschäftigen. Viertens: Die Auffrischung wird schlicht vergessen. Das ist kein böser Wille, sondern Alltag. Wenn es kein gutes Erinnerungssystem gibt, geht eine Impfung, die je nach Lebensalter und Impfstoff nur alle drei bis fünf Jahre fällig ist, schnell unter.

Welche konkreten Risiken entstehen aus einer Nicht-Impfung gegen die Viruserkrankung?

FSME ist deshalb so relevant, weil wir sie nicht gezielt behandeln können. Wir können bei einer Erkrankung nur Symptome lindern und Komplikationen versorgen. Dabei kann FSME zu einer Hirnhautentzündung, Gehirnentzündung oder Entzündungen des Rückenmarks führen. Bei manchen Patienten fühlt sich das an, wie nach einem schlimmen Schlaganfall. Dabei ist FSME verhinderbar, das ist das Verrückte: 98 Prozent der 2025 gemeldeten FSME-Erkrankten waren gar nicht oder nicht ausreichend geimpft. Das zeigt sehr klar: Die Impfung schützt.

Wird die durch Zecken übertragene Viruserkrankung in der Praxis eher als Kinder- oder Erwachsenenthema behandelt, und wie adressieren Sie unterschiedliche Altersgruppen?

Bei Kindern verlaufen FSME-Erkrankungen im Durchschnitt häufiger milder, harmlos sind sie deshalb aber nicht. Bei Kindern sprechen wir das Thema vor allem im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen und bei Familienimpfberatungen an.

Ab etwa 40 Jahren steigt das Risiko schwererer Verläufe deutlich, ab 60 Jahren noch einmal. Deshalb ist die FSME-Impfung gerade für ältere Erwachsene in Risikogebieten wichtig.

Kann man den schweren Verlauf vermeiden?

Wirksam vermeiden lässt sich der schwere Verlauf nur durch die rechtzeitige Impfung und die Grundimmunisierung aus drei Dosen. Wichtig zu wissen ist: Nach einem Zeckenstich folgt nach etwa ein bis zwei Wochen häufig eine grippeähnliche Phase mit Fieber und Abgeschlagenheit. Diese klingt meist ab. Erst nach einem kurzen beschwerdefreien Intervall kann es zur zweiten Phase mit Hirnhaut- oder Hirnentzündung kommen.