Kann man sich in einem Bild verlieren? Nach dem Besuch des Artrooms von Künstler Dietmar Schönherr in Balingen steht fest: Man kann!
Wie stellt man sich das Atelier eines Künstlers vor? Als einen Raum voller kreativer Energie und Arbeit; eine Mischung aus Werkstatt und persönlichem Rückzugsort, gleichermaßen funktional wie inspirierend.
Betritt man das Atelier von Dietmar Schönherr, stellt man schnell fest, dass das Gedankenspiel nicht allzu weit von der Realität entfernt ist. Groß und licht ist er – der Raum auf dem Ceceba-Campus in Balingen, in dem er, wie er sagt, seinen Traum als Künstler leben kann. Die geradezu meditative Stille, die hier herrscht, wird bisweilen sanft durchbrochen. Von den Geräuschen der Welt da draußen, die in die Welt hier drinnen dringen. Es ist ein intensiv inszenierter Lebensraum, in dem sich vieles in offener und versteckter Weise aufeinander bezieht.
Das Offene – das sind die kreativen Spuren. Auf dem Boden ausgebreitetes Malervlies, Farbdosen, Pinsel. Und eine drei mal zwei Meter große, noch jungfräulich weiße Leinwand, bei deren Anblick den Betrachter unmittelbar die Frage umtreibt, ob der Künstler den Plan für das Werk schon im Kopf hat. „Ja“, sagt Dietmar Schönherr. „Was hier entstehen wird, weiß ich schon genau.“
Studium bei Markus Lüpertz
Bis er das erste Mal ausgestellt, seine Bilder der Öffentlichkeit präsentiert hat, hat er sich indes viel Zeit genommen. „Es war ein langer Prozess, bis ich sie gezeigt habe“, lässt Schönherr, der seit 35 Jahren malt und zeichnet, wissen. 2006 dann die erste Ausstellung, in dieser Zeit auch das erste Atelier. Und von 2017 bis 2020 ein dreijähriges Studium der Malerei bei Professor Markus Lüpertz an der Freien Akademie der Bildenden Künste in Kolbermoor.
Auch wenn er, wie jeder Kunstschaffende, seine Schwerpunkte hat, ist er dennoch nicht auf einen Stil festlegt. „Ich arbeite relativ vielfältig“, erklärt er und fügt an: „Diese Freiheit nehme ich mir.“ Das hat er nicht nur mit ganz Großen wie Gerhard Richter, Anselm Kiefer oder Picasso gemein. Auch der Literat Friedrich Schiller befand einst, dass Kunst nicht aus der „Notdurft der Materie“, sondern aus der Freiheit des Geistes ihre Regeln empfangen will.
Und als solche ist sie immer auch ein Spiegel; ein Ausdruck dessen, „wie es mir geht, wie ich mich fühle.“ „Ich male“, zeichnet Schönherr mit wenigen Worten ein Bild, das tief blicken lässt, „meine Seele.“
Fast 15 Jahre lang hat sich der Künstler surrealen Köpfen gewidmet. Das Expressiv-Abstrakte – vielschichtig im besten Wortsinn und eingebunden in einen langen, kreativen Prozess – spielt jetzt die tragende Rolle. Daneben steht die konstruktive Malerei. Diese Arbeiten, sagt er, „haben etwas Meditatives und erfordern eine ruhige Hand.“
An einem Bild dranzubleiben, es quasi in einem Zug zu vollenden, gelinge manchmal, aber nicht immer. Bisweilen komme er an einem bestimmten Punkt nicht weiter und lasse es dann eine Zeit lang ruhen. Nicht, ohne es immer wieder eingehend zu betrachten. „Ich nehme es raus, schaue es an. Und irgendwann macht es Klack.“ Bis dahin könnten allerdings schon mal ein, zwei Jahre ins Land gehen.
Einen „Plan“, verrät der Dietmar Schönherr, habe er indes sowohl bei den konstruktiven als auch bei den expressiv-abstrakten Arbeiten. Letztere entwickelten allerdings eine Art Eigenleben, Kopf und Farbe führen den Pinsel. „Und am Ende sehen sie dann anders aus als ursprünglich gedacht.“
Welchem Stil er sich wann widmet, ist unterschiedlich und abhängig von der jeweiligen Stimmungslage. „Oft arbeite ich an mehreren Bildern gleichzeitig“, lässt er wissen und verweist in diesem Zusammenhang auf Gerhard Richter, der folgenden Satz geprägt hat: „Malen ist eine andere Form des Denkens. Das wäre genauso, wie wenn man Einstein fragt: ‚Was denken Sie sich, wenn Sie Gleichungen machen?‘ Der denkt sich nichts dabei, der rechnet.“ Durch Sehen, Ausprobieren, Übermalen und Entscheiden, wird dabei deutlich, werden Gedanken in visuelle Form übersetzt.
Eine nicht unwesentliche Rolle spielt beim Malen das Unterbewusstsein. Wichtig ist es Dietmar Schönherr, dass die Werke eine gewisse Harmonie, ein Gleichgewicht aufweisen. In diesem Sinne ist der Künstler auch immer eine Art Dirigent, der mit seiner „Komposition“ letztlich zufrieden sein muss.
Sich „hineinfallen lassen“
Der Schaffensprozess ist die eine Seite der Medaille. Die andere ist der Rezipient, sprich der Betrachter. Er erkläre den Menschen nur ungern Bilder, gesteht Schönherr. Was er stattdessen raten würde? Sich in das Bild hineinfallen zu lassen. „Jeder hat Fantasie, eine individuelle Herangehensweise.“ Was im Umkehrschluss auch bedeute, dass man nicht alles, was handwerklich gut gemacht ist, persönlich ansprechend finde. „Das Schöne an der Kunst“, konstatiert er, „ist, dass sie jeder anders sieht.“
2024 hat Dietmar Schönherr mit der Collage eine neue Technik für sich entdeckt. Hintergrund war die Ausstellung „DREILAGIG“ im Tafelberg in Nürnberg. „Geschichte pur“, schreibt er auf Instagram über das mehr als 700 Jahre alte Gerberhaus und befand damals: Dieser besondere Ort verlangt einen thematischen Bezug.
Inspiriert vom sogenannten Hebammenzimmer, hat er in seinen Bildern deshalb Mullkompressen und Kompressionsbinden verarbeitet. Und von da an habe es ihn „gepackt“, mit Werkstoffen wie diesen zu experimentieren, sie zu „bändigen.“ Von Heu über Sand bis hin zu Stoffen kamen fortan ganz unterschiedliche Materialien zum Einsatz, die Bildern visuell wie haptisch einen besonderen Reiz verleihen.
Zu sehen sind diese nebst Werken anderer Stilrichtungen nicht nur in Ausstellungen wie zuletzt in München oder Nürnberg, sondern auch im Artroom, an den sich sein Atelier anschließt.
Kunst im Artroom in Balingen
Öffnungszeiten
Geöffnet ist der Artroom in der Rosenfelder Straße 3 in Balingen zu folgenden Zeiten: montags von 14 bis 18, freitags von 14 bis 18 und samstags von 10 bis 14 Uhr.Mehr zur Kunst von Dietmar Schönherr gibt es auf Instagram @schoenherr_art