Barak Marshall (rechts) bei Proben zu „The Blue Brides“ mit den Gauthier Juniors Atticus Dobbie und Garance Goutard-Dekeyser Foto: GD/Barak Marshall

Barak Marshall ist neuer Artist in Residence von Gauthier Dance. Für die Juniors erarbeitet der Choreograf „The Blue Brides“. Er erklärt, wo die stilistische Vielfalt seiner Stücke wurzelt.

Falscher Ort, falsche Zeit? Eine kräftige Männerstimme, den alten Swing-Hit „Istanbul (not Constantinople)“ schmetternd, dringt aus dem Studio von Gauthier Dance am Löwentorbogen, dabei soll hier eine Tanzprobe stattfinden. Der Choreograf Barak Marshall ist da, um mit dem Nachwuchs der Theaterhaus-Kompanie sein neues Stück „The Blue Brides“ für die nächste Premiere zu erarbeiten; „Dream Team“ heißt die zweite Bühnenproduktion der Gauthier Juniors.

 

Die schöne Singstimme gehört, wie sich beim Betreten des Probenraums zeigt, dem Choreografen selbst. Ist Barak Marshall im Studio, könnte die Musikanlage ausbleiben. Eigentlich. Doch der Choreograf, der nebenbei eine Karriere als Sänger verfolgt, braucht seine Stimme nun dazu, um den Tänzern Anweisungen zu geben – und dem Gast eine kurze Einführung ins Stück.

Sprechende Gesten und viel Puste sind gefragt

Bräute, die ihre Zukünftigen ins Jenseits befördern? „Keine Sorge, es ist lustig!“, entgegnet Barak Marshall dem wohl zu skeptischen Blick der Reporterin. Klezmer-Klänge, Orientalisches mischen sich in die Musik, die den Tänzern neben sprechenden Gesten viel Puste abverlangt. Die stilistische und erzählerische Buntheit, die bereits aus „At the River Styx“ sprach, Marshalls erstem Stück für die Junioren, prägt auch den Bräute-Blues.

Die Leichtigkeit, mit welcher der US-israelische Choreograf durch Kulturen tanzt, hat bei Gauthier Dance Eindruck hinterlassen. Seit dieser Saison ist Barak Marshall neben Hofesh Shechter der zweite Artist in Residence der Kompanie, gleich drei Uraufführungen steuert er in seiner ersten Stuttgarter Spielzeit bei. Viel Stuttgarter Luft also für den Choreografen aus Los Angeles, der die Arbeit mit Gauthier Dance genießt. „Das ist eine der besten Repertoire-Kompanien in Europa. Die Tänzer sind Kraftwerke und tolle Talente“, sagt Marshall, und weiter: „Man spürt in dieser Stadt eine große Liebe zum Tanz, und es ist schön, Teil davon zu sein.“

Barak Marshall kam spät zum Tanz

Gauthiers neuer Resident-Künstler hat spät, nach einem Studium der Sozialtheorie und Philosophie, zum Tanz gefunden. Und das, obwohl er als Sohn der israelischen Tänzerin und Choreografin Margalit Oved quasi im Theater aufwuchs und den Sommer auf europäischen Festivals in Edinburgh oder Spoleto verbrachte. „Meine Mutter wollte, dass ich selbst herausfinde, was gut für mich ist“, erklärt Barak Marshall und fügt an: „Für einen jungen Amerikaner war Tanz keine Wahl.“

Barak Marshall (Mitte) bei Proben mit den Gauthier Juniors Foto: GD/Jeanette Bak

Zur ersten Wahl wurde der Tanz für ihn dann zufällig, Auslöser war der Tod einer Tante. „Sie war wie eine zweite Mutter für mich, und als sie plötzlich starb, wusste ich nicht, wohin mit meiner Traurigkeit. Ich ging ins Studio. Ich weinte, ich bewegte mich. Jemand, der mich beobachtete, hat mich ermuntert, weiterzugehen.“ So entstand Marshalls erstes Tanzstück „Aunt Leah“, das 1998 als Sieger aus dem Choreografiewettbewerb des Suzanne Dellal Centres in Tel Aviv hervorging.

Jede Situation ist im Tanz einzigartig

Eine Karriere in Israel folgte. Barak Marshall war unter anderem Hauschoreograf der Batsheva Dance Company und leitete das Inbal Dance Theatre, bei dem seine Mutter als Tänzerin einst ein Star war. Wäre ein solcher Quereinstieg auch in Europa möglich? „In Israel trägt der Tanz nicht die Bürde einer langen Tradition. Es gibt keine Regeln, jede Situation ist einzigartig“, sagt Barak Marshall, nach der besonderen Vitalität des israelischen Tanzes gefragt. Und er fügt an: „In Israel muss man kämpfen, um zu überleben. Das Risiko, jung zu sterben, ist groß. Der Tanz transportiert den Wunsch, das Leben zu genießen.“

Nicht nur diese intensive Körperlichkeit findet sich bei Barak Marshall. „Ich suche in meiner Kunst nach der Schönheit, der Hoffnung und dem Humor im menschlichen Schicksal“, sagt der Choreograf. So will er in „The Blue Brides“ die dunkle Seite der Institution Ehe zeigen, ihr Risikopotenzial aber auch mit Witz beleuchten. „Naive, nette Mädchen bringen sich in Gefahr“, sagt Barak Marshall. „Auch für diejenigen, die Regeln befolgen, geht es nicht immer gut aus. Nur wer die Regeln hinterfragt, kann alles erreichen.“

Als die Eltern erkranken, kehrt er in die USA zurück

Gängige Erzählungen im Tanz gegen den Strich bürsten? Auch so könnte man sich dem Werk Barak Marshalls nähern. Und vielleicht auch seiner Karriere. 2016 zog er zurück in seine Heimatstadt Los Angeles. „Meine Mutter erkrankte damals an Demenz, mein Vater an Parkinson, und ich wollte mich um sie kümmern.“ Vor einem Jahr starb dann der Vater, und man ahnt, dass sein choreografierender Sohn in „At the River Styx“ im turbulenten Reigen von Tod und Wiederauferstehung auch die eigene Trauer spiegelte.

Konflikte auf allen Seiten

Gerade nicht leicht für einen, der aus den USA und Israel kommt. Hier die Wahl Trumps, die, so fürchtet Marshall, die Demokratie beschädigen könnte; in Israel ein aufgeheizter Krieg statt Mut zum Kompromiss. „Ich bin mir sicher“, sagt der Künstler, „dass die Mehrheit der Menschen auf beiden Seiten in Frieden leben will, auch wenn das im Moment niemand laut ausspricht.“

Info

Termin
Die Gauthier Juniors tanzen „The Blue Brides“ erstmals am 23. Januar bei der „Dream Team“-Premiere. Das Programm umfasst Virginie Brunelles Uraufführung „High Moon“, Alejandro Cerrudos „Lickety-Split“ sowie Nacho Duatos „Jardi Tancat“. In zwei Audio-Beiträgen spricht Eric Gauthier mit Choreografen und Tänzern. Weitere Shows folgen vom 24. bis 26. Januar.

Projekte
Diese Saison wird Barak Marshall als neuer Artist in Residence von Gauthier Dance eine Uraufführung zum Theaterhaus-Geburtstagsabend „Fireworks-Project“ beisteuern (Premiere ist am 30. April) und das abendfüllende Tanztheater „Barker“, das die Junioren beim Colours-Festival in der Sporthalle tanzen.

Wurzeln
Marshalls Mutter kommt aus Aden im heutigen Jemen. Er sei damit aufgewachsen, mit den Händen zu reden, erklärt der Choreograf seine Vorliebe für sprechende Gesten, seine Arbeit sei wie eine Ganzkörper-Gebärdensprache. Sein Opa väterlicherseits stammt aus Berlin und hat in Amerika seinen Namen Schmeißer in Marshall abgewandelt. In der Familie des Vaters wurde deutsch und jiddisch gesprochen.