Der Battert bei Baden-Baden gilt als Kletterparadies. Foto: Panico Alpinverlag/Ronald Nordmann

Erst wurden in Walldorf Katzen weggesperrt, jetzt trifft es Kletterfreunde bei Baden-Baden. Wenn es um den Artenschutz geht, ist das Karlsruher Regierungspräsidium nicht zimperlich.

Bernhard zieht kräftig. „Achtung, Seil kommt!“, ruft der 57-Jährige, aber da landet es schon auf Jonathans Kopf. Zum Glück hat der 29-Jährige noch seinen Helm auf. Gerade haben die beiden, Vater und Sohn aus der Nähe von Neustadt an der Weinstraße, die Klettertour mit dem schönen badischen Namen Brigande Feschd absolviert. Da erfahren sie von Uta Kollmann, dass es möglicherweise das letzte Mal ist, dass sie sich hier an der Badener Wand abgeseilt haben. Eine Schutzzone für den Wanderfalken werde eingerichtet. „Wir klettern sonst meistens im Pfälzer Wald“, sagt Bernhard. Da gebe es zwischen Kletterern und Naturschützern ein gutes Miteinander.

 

Die jahrelange Zusammenarbeit ist in Konfrontation umgeschlagen

Kollmann, 54, von Beruf Kunstlehrerin, ist Mitglied im Arbeitskreis Klettern und Naturschutz des Deutschen Alpenvereins (DAV) und hätte das bis vor Kurzem für das Gebiet Battert bei Baden-Baden wohl auch so formuliert. Doch jetzt ist die jahrelange Zusammenarbeit in Konfrontation umgeschlagen. Die Sportler sollen verschwinden, nicht aus dem gesamten Gebiet, aber von der Badener Wand, die sich nur wenige Hundert Meter hinter dem Alten Schloss Hohenbaden hoch über der Altstadt befindet und wo schon seit mehr als 100 Jahren geklettert wird. So will es das neue Schutzkonzept – zumindest nach allem, was bisher durchdrang. Am 9. November wird es die Regierungspräsidentin Sylvia M. Felder (CDU) öffentlich vorstellen.

Zu viel Trubel an der Wand

Der Grund für die Sperrung ist längst ausgeflogen. Es geht um ein Wanderfalkenpärchen, das alljährlich auf einem Felsvorsprung in der 50 Meter hohen Wand Nachwuchsarbeit betreibt – doch leider zuletzt mit durchwachsenem Erfolg. In den vergangenen 14 Jahren wurden im Schnitt nur 1,3 Jungvögel jährlich flügge, in etlichen Jahren gab es überhaupt keinen Bruterfolg. Das liege deutlich unter der Reproduktionszahl von 2,0, den die Arbeitsgemeinschaft Wanderfalken (AGW) beim Naturschutzbund (Nabu) in umliegenden Revieren ermittelt hat.

Den Grund für das mangelhafte Familienglück im Falkenhorst sehen die Naturschützer in „anthropogenen Störungen“, also in einer übermäßigen Freizeitnutzung durch den Menschen. Mit dieser Ansicht hat sich die AGW mittlerweile bei den Experten der oberen Naturschutzbehörde im Regierungspräsidium (RP) durchgesetzt. Auch die Vogelwarte Radolfzell nennt dies in einer fachlichen Stellungnahme als „wahrscheinlichste Ursache“. Andererseits: Im Jahr 2020, als die Coronapandemie besonders viele Menschen in die Natur und auch an die Badener Wand trieb, schlüpften dort trotz des Trubels gleich drei kleine Wanderfalken.

Man solle doch erst einmal untersuchen, ob natürliche Prädatoren wie der Uhu für die Bestandsdezimierung verantwortlich sind, findet der DAV. Doch im RP will man nicht mehr zuschauen, sondern endlich handeln. Dass die Karlsruher Behörde nicht zimperlich ist, wenn es um den Artenschutz geht, haben in diesem Jahr schon die Katzenhalter in Walldorf erfahren. Wegen brütender Haubenlerchen mussten sie ihre Freigänger vier Monate lang einsperren.

Ist die Sperrung nur der Anfang?

Jetzt trifft die Kletterer der Bannstrahl. Und auch die Wanderfreunde. Ein Ausguck des Schwarzwaldvereins auf Stadt, Rheintal und Berge ist nämlich ebenfalls betroffen. Dabei übten sich Kletterer und Wanderer schon bisher in Zurückhaltung. Ein großer Teil der Badener Wand war in den vergangenen Jahren während der Brutsaison von Anfang Januar bis Ende Juli gesperrt. Zweimal wurde die Sperrzone erweitert. Bisher trug der DAV alles mit. „Wir haben selbst die Absperrbänder gezogen“, sagt Kollmann. Doch dass künftig der gesamte Fels das ganze Jahr zur Tabuzone erklärt werden soll, trifft auf Empörung. Selbst die Baden-Badener Touristikchefin Nora Waggershauser warnt vor einem „zu radikalen Eingriff“.

Oder ist der Uhu schuld?

Man sehe sich doch ebenfalls dem Naturschutz verpflichtet, sagt Kollmann. Doch beim Nabu schüttelt man darüber nur den Kopf. „Es ist bedauerlich, dass der DAV als anerkannter Naturschutzverband offenbar doch vorrangig die Interessen der Kletterer vertritt“, sagt der Nabu-Landeschef Johannes Enssle. Der Battert sei Naturschutzgebiet, Bannwald und europäisches Flora-Fauna-Habitat. „Wir erwarten, dass in diesem Schutzgebiet der Schutz der Natur deutlich Vorrang vor dem Klettertourismus hat.“

Doch der DAV befürchtet, dass die Sperrung der Badener Wand nur der Anfang ist und bald der ganze Battert und weitere Klettergebiete im Land folgen. Der Nabu-Vorsitzende Enssle stellt jedenfalls schon einmal klar: „Dass hier überhaupt geklettert werden darf, ist bereits ein Zugeständnis.“