Die nur fünf Zentimeter großen Gelbbauchunken haben in Süddeutschland ihre weltweit letzten bedeutenden Vorkommen. Foto: privat

Das Land will die stark gefährdete Amphibienart vor dem Aussterben bewahren. Doch es gibt Streit über das richtige Konzept im Staatswald – dabei spielen ausgerechnet die Pfützen in Rückegassen die zentrale Rolle.

Spaziergänger im Wald regen sich gerne über sie auf, Naturschützer haben ein gespaltenes Verhältnis zu ihnen, und Förster ebnen sie deshalb schnell wieder ein oder decken sie mit Reisig zu: Wir sprechen von den Rückegassen im Wald mit ihren oft tiefen Rillen. Für die Gelbbauchunken dagegen können die Pfützen, die sich dort bilden, den Unterschied zwischen Leben und endgültigem Aussterben ausmachen.

 

Denn die nur fünf Zentimeter großen Tiere, die in Süddeutschland ihre weltweit letzten bedeutenden Vorkommen haben, legen dort gerne im Frühjahr ihren Laich ab. Wie der Gelbbauchunken-Papst Martin Dieterich von der Universität Hohenheim jüngst in einem Forschungsprojekt herausgefunden hat, sind diese Pfützen ideal, weil darin keine Räuber vorkommen wie der Bergmolch oder bestimmte Libellen. In speziell angelegten Biotopen dagegen würden die Eier und Kaulquappen der Gelbbauchunke ab dem zweiten Jahr fast ausnahmslos gefressen, so Dieterich. Die Rillen ahmen dabei im Kleinen den Auwald nach, wo die Gelbbauchunke früher in kurzzeitig überfluteten Gebieten beste Bedingungen vorgefunden hat.

Kritik an zu wenig Pfützen und zu wenig Fläche

Schon vor mehr als vier Jahren hat der Landesbetrieb Forst BW deshalb seine besondere Verantwortung für diese Art erkannt und eine Arbeitsgruppe mit Vertretern auch des Naturschutzes gegründet, die ein Konzept für den Staatswald erstellen soll. In einer Pilotphase bis Juli dieses Jahres hat man manches in neun Forstbezirken schon ausprobiert, in diesem Winter soll es nun richtig losgehen. Das Engagement für die Amphibien wird von allen Seiten gelobt. Und doch gibt es Knatsch.

Martin Dieterich ist der Kritiker, und er moniert zwei Punkte im geplanten Konzept. Erstens hält Dieterich das Ziel, pro 100 Hektar Wald nur zwei beziehungsweise in Schutzgebieten nur vier Pfützen anzulegen, für viel zu wenig. Vielmehr sollten pro 100 Hektar zwei bis vier Rückegassen mit zusammen rund 40 Pfützen erhalten bleiben, die dann im Herbst aber wieder – Stichwort Räuber – eingeebnet werden müssten. Zweitens seien laut seiner Forschung 43 Prozent der Staatswaldfläche geeignet für die Gelbbauchunke, im Konzept sollen jetzt aber nur knapp 20 Prozent berücksichtigt werden.

Mit dem jetzigen Konzept von Forst BW, so Dieterich, könne man den Erhaltungszustand der Gelbbauchunke jedenfalls nicht verbessern, sondern maximal stützen. Das sei aber zu wenig: „Die Art droht auszusterben.“ In einem umfangreichen Leitfaden hat er gemeinsam mit seinem Mitarbeiter Felix Schrell für die Forstwirtschaft seine Kenntnisse zusammengefasst.

Forstministerium sieht nur eine Einzelmeinung

Der Professor für Naturschutz an der Uni Hohenheim vermutet, dass Forst BW unter anderem artenschutzrechtliche Bedenken hat: Denn laut der EU-Gesetze dürfen streng geschützte Tiere wie die Gelbbauchunke nicht getötet werden. Das aber könne beim Befahren der Rückegassen mit schweren Fahrzeugen passieren – deshalb wolle Forst BW womöglich lieber nicht so viele Biotope anlegen. Das rechtliche Problem existiere tatsächlich, aber Dieterich hält die Befürchtung für falsch: Bei seinen Untersuchungen habe er festgestellt, dass viele erwachsene Tiere das Befahren überlebten. Und lieber einige Tiere stürben als die ganze Art. Er plädiert deshalb für ein pragmatisches Vorgehen. Es sei doch positiv, dass ausnahmsweise die ganz normale Bewirtschaftung eine Tierart nicht bedrohe, sondern fördere. Das gelte es zu nutzen.

Das Forstministerium als vorgesetzte Behörde von Forst BW will sich trotz zweimaligen Nachhakens inhaltlich nicht zu den Kritikpunkten äußern. Die Position von Martin Dieterich sei eine „Einzelmeinung“, die von der Arbeitsgruppe nicht aufgegriffen worden sei, heißt es lapidar aus dem Ministerium. Das wiederum hat Dieterich verärgert. Weder sei seine Position „einzeln“, weil sie etwa von den Regierungspräsidien oder auch von der Landesanstalt für Umwelt mitgetragen worden sei. Noch seien seine Aussagen eine „Meinung“, sondern sie stützten sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse.

Naturschützer drängen auf baldigen Start

Johannes Enssle, der Chef des Nabu-Landesverbandes, saß selbst nicht in der Arbeitsgruppe, kennt aber die Ergebnisse. Die Kompetenz von Martin Dieterich sei unstrittig, so Enssle. Er wolle sich aber nicht auf eine Seite schlagen. Für ihn sei jetzt entscheidend, dass Forst BW endlich mit dem Konzept beginne – sollte es sich als wirksam herausstellen, könne man die Fläche in den nächsten Jahren immer noch erweitern.

Vom Umweltministerium ist ebenfalls wenig zu erfahren. Der Entwurf des Konzeptes sei noch in der Abstimmung, sagt Sprecher Matthias Schmid; man könne deshalb noch nichts dazu sagen. Er verweist aber auf einige Dutzend Projekte der letzten Jahre, die der Gelbbauchunke zugutegekommen seien. Gerettet haben sie die Art bisher nicht.

Die Gelbbauchunke

Gefährdung
Die kleine Gelbbauchunke gilt als stark gefährdet und ist deshalb streng geschützt. Ihr Bestand geht zurück, weil ihr Lebensraum schwindet; auch der Klimawandel mit häufigeren Trockenheiten dürfte Auswirkungen haben. Eine Rolle könnte auch der Waschbär spielen, der eine Methode entwickelt hat, die giftige Haut der Unke zu entfernen, und sie deshalb mittlerweile als Beute nutzt.

Art
Die Tiere können ein recht hohes Alter erreichen. Wegen ihrer einzigartigen Einfärbung des Bauches lassen sich Tiere leicht wiedererkennen – eine 26 Jahre alte Gelbbauchunke wurde 2021 dokumentiert. Die Weibchen legen ab April kleine Laichpakete in verschiedene Gewässer; so erhöhen sie die Chance, dass Nachwuchs heranwächst, auch wenn einzelne Pfützen austrocknen.