Im Uhrzeigersinn: Der Edelkrebs ist vom Aussterben bedroht, der Bestand der beliebten Felchen ist stark eingebrochen, dagegen kehrt der Maifisch wieder in den Neckar zurück, und die Entwicklung des Dreistachligen Stichlings bleibt mysteriös. Foto: dpa

Erstmals seit 2014 hat das Land wieder eine Rote Liste für die 60 Fischarten im Südwesten vorgelegt: Ihnen setzen Klimawandel, invasive Arten und der Kormoran zu – gerade im Bodensee.

Zwei halbwegs gute Nachrichten sollen am Beginn stehen. Der Maifisch ist nach vielen Jahren, in denen er als verschollen galt, in den Neckar zurückgekehrt – die vielen neu gebauten Fischtreppen haben es möglich gemacht. Und was den liebsten Speisefisch im Bodensee, den Blaufelchen, angeht, so hat Jan Baer von der Fischereiforschungsstelle in Langenargen zuletzt wieder einige „gut gewachsene und besser genährte“ Exemplare entdeckt.

 

Grundsätzlich aber breitet sich deutlich mehr Schatten als Licht über den Wassern des Landes aus. Nach elf Jahren hat das Ministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz (MLR) wieder eine Rote Liste für die 60 Fischarten vorgelegt, die im Südwesten vorkommen. Fünf Arten mussten in ihrer Bestandskraft abgewertet werden: Der Edelkrebs, die Quappe, die Bachforelle, der Blaufelchen und der verwandte Gangfisch kommen teils deutlich seltener vor als noch 2014. Im Bodensee musste zusätzlich die Nase auf „vom Aussterben bedroht“ gesetzt werden.

Nur ein Viertel aller Fischarten ist noch ungefährdet

Nur zwei Arten sind vitaler geworden, der Bitterling und der Sandfelchen. Insgesamt ist die Bilanz deshalb bedrohlich: 39 der 60 Fischarten in Baden-Württemberg gelten mittlerweile als gefährdet, stark gefährdet oder als vom Aussterben bedroht. Umgekehrt sind nur 15 Arten, also ein Viertel, ungefährdet – dazu gehören Döbel, Hecht, Karpfen oder Zander.

Und das ‚halbwegs’ vom Anfang deutet an, dass es sogar für Maifisch und Felchen einen Haken gibt. Der Maifisch ist nämlich so selten geblieben, dass er in die höchste Gefährdungsstufe eingestuft wurde. Und auch die Felchen sind, obwohl sie seit zwei Jahren nicht mehr gefangen werden dürfen und obwohl junge Felchen gezüchtet und ausgesetzt werden, noch längst nicht übern Berg, wenn dieses schräge Bild gestattet sei.

Der Kormoran ist ein hochemotionales Thema nicht nur am Bodensee. Foto: dpa

Denn noch vor zehn Jahren wurde ihr Bestand auf mehr als eine Million Tiere im Bodensee geschätzt, vor fünf Jahren waren es nicht einmal mehr 300.000, heute dürften es nochmals deutlich weniger sein. Ihnen fehlen die Nährstoffe im See, und der Dreistachlige Stichling frisst ihnen zudem dieses wenige Futter weg und auch noch ihre Felcheneier. Es war ein Lichtblick, als der Stichling 2024 aus unbekannten Gründen einen massiven Einbruch erlebt hatte, aber das Problem habe sich nicht in Luft aufgelöst, sagt Fischexperte Jan Baer – denn 2025 habe sich der Stichling wieder gut vermehrt. Im Januar treffen sich die Anrainerstaaten des Bodensees, um zu entscheiden, ob die Schonzeit für die Felchen über 2026 hinaus verlängert werden sollte.

Drei zentrale Ursachen nennt der 105-seitige Bericht zur Roten Liste als Gründe für den Abwärtstrend. Erstens bedroht der Klimawandel viele Fische, weil Flüsse im Sommer austrocknen oder weil die Wassertemperatur zu hoch wird. Die Quappe etwa braucht im Winter eine Temperatur von vier Grad, um sich fortpflanzen zu können – im Bodensee fällt das Thermometer nur noch selten so tief. Derart rasant brechen die Bestände ein, dass sich die Quappe für den Bodensee sogar um zwei Stufen verschlechtert hat in der Roten Liste.

Zweitens machen invasive Tiere den heimischen Fischen und Krebsen den Lebensraum streitig; bei zehn Arten sind die Folgen besonders negativ. Dramatisch geht es etwa bei den Krebsen zu. Der Signal- und der Kalikokrebs, beide ursprünglich in Nordamerika zuhause, verdrängen immer stärker den Edel- und Dohlenkrebs und bringen zudem die Pest mit. Die heimischen Tiere haben kaum eine Chance.

Drittens holt sich der Kormoran, selbst eine geschützte Art, offenbar so viele Fische, dass der Nachwuchs ausbleibt. So leide die Äsche besonders unter dem Koromoran, sagt Jan Baer: „Im Untersee hatten wir hervorragende Bestände, jetzt gibt es nur noch Einzeltiere.“

Mit einer Drohne gegen den Kormoran

Seit Jahren wird heftig und sehr emotional um die Regulierung des Kormorans gestritten. Einzelne Abschussgenehmigungen gibt es, am Bodensee etwa werden jährlich rund 800 Tiere getötet. Im Januar startet nun ein einzigartiges Projekt: Per Drohne sollen die Eier mit Öl besprüht werden, damit die Altvögel sie nicht mehr ausbrüten. In Dänemark, sagt Ministeriumssprecher Sebastian Schreiber, habe man damit gute Erfolge erzielt, allerdings brüten die Kormorane dort am Boden und nicht in den Bäumen. An welchem Uferabschnitt die Drohne zunächst fliegen soll, sei noch unklar, so Schreiber.

André Schiwon, der Geschäftsführer des Landesfischereiverbandes, begrüßt das Vorgehen gegen die Kormorane jedenfalls und schießt kräftig gegen die Ornithologische Arbeitsgemeinschaft Bodensee (OAB), die dem Projekt kritisch gegenüber steht. Die Zahl der Brutpaare habe sich in zwei Jahren um 28 Prozent auf gut 1200 verringert, heißt es in einer Stellungnahme der OAB. Der Effekt der Drohne sei fraglich, zudem würden andere Vogelarten während der Brutzeit gestört. Schiwon sagt dagegen: „Das Verhalten des OAB erscheint uns wie der letzte verzweifelte Versuch, Sand ins Getriebe des dringend notwendigen Managements zu streuen.“

Wie auch immer: die Bekämpfung des Kormorans allein wird nicht dafür sorgen, dass sich die Fischbestände in Baden-Württemberg erholen. Man müsse viel weiter und großräumiger denken, sagt Jan Baer. So müssten an möglichst langen Uferabschnitten Bäume gepflanzt werden, damit das Wasser beschattet wird und nicht so stark aufheizt: „Gut ist aber, dass wir wissen, was zu tun ist.“ So habe sich bei der Durchgängigkeit der Flüsse schon sehr viel getan. Auch die Züchtung von Fischen wird bereits praktiziert. Wichtig sei an Bächen, dass die Landwirtschaft weniger Wasser entnehme, damit die Gewässer nicht austrockneten.

Tatsächlich intensivieren die Bodensee-Anrainer ihre Bemühungen. Teil des genannten Kormoran-Projektes ist auch, die Lebensräume von Fischen aufzuwerten. Im Blick stehen sechs Arten: Äsche, Nase, Strömer, Bitterling, Groppe und Bachneunauge. Finn Zenker vom Nabu Baden-Württemberg begrüßt dies, mahnt das Land aber an, bei allen Maßnahmen schneller voranzukommen. Er stellt sich ebenfalls vor den Kormoran: „Statt Flintenökologie brauchen wir mehr Strukturvielfalt in unseren Gewässern“, so Zenker.