Eine Gruppe Kinder erlebte mit, wie der US-Präsident in ihrem Klassenzimmer von den Anschlägen des elften September erfuhr. Ein Film schaut nun nach, was aus den Kids wurde.
Stuttgart - Als der US-Präsident George W. Bush jr. am 11. September 2001 die erste Nachricht von den Terrorattacken auf US-Boden erhält, sitzt er gerade bei einem Schulbesuch vor Grundschulkindern, ein Lesebuch in der Hand. Ein Mitarbeiter tritt auf ihn zum flüstert ihm etwas ins Ohr, der Präsident erstarrt, zieht den Termin aber durch, sichtlich abwesend. Der Moment des Flüsterns, Bushs Gesicht, das surreale Zusammentreffen von epochalem Weltereignis und ganz kleinem Graswurzel-Politikbetrieb bleibt jedem lange im Gedächtnis, der diese Bilder sieht. Der Rest der Szenerie aber verschwimmt, die Kinder und ihre Lehrerin sind bloß undeutliche Staffage. Wir wissen, dass sie wohl dagewesen sein müssen. Aber wir haben verständlicherweise keine Vorstellung von ihnen.
Die kanadische Filmemacherin Elizabeth St. Philip hatte die schöne Idee, nachzuschauen, was aus den Kindern geworden ist. Ihr Dokumentarfilm „Die Klasse von 09/11“ führt uns in die Kleinstadt Sarasota in Florida, wo George W. Bush jr. die zweite Klasse der Emma E. Booker Elementary School besucht hatte. Das Städtchen Sarasota besteht sehr klar getrennt aus einem Teil für weißhäutige und einem Teil für dunkelhäutige Einwohner – in den USA noch immer nichts auffallend besonderes. Der rund zehn Straßenblocks lange schwarze Teil Sarasotas hat die höchste Polizeipräsenz des Ortes und all jene sozialen Schieflagen, die zu einer neuen Rassismusdiskussion im Lande der angeblichen Chancengleichheit geführt haben.
Musterkinder und die Schulkrise
„Die Klasse von 09/11“ erzählt noch einmal detailliert, wie der Präsidentenbesuch im Jahr 2001 verlief. Bushs Auftauchen in Sarasota war nicht das Ergebnis eines Griffs in die Lostrommel. Die Lernerfolge afroamerikanischer Kinder liegen weit hinter denen weißer Kinder zurück, viele öffentliche Schulen sind katastrophal unterfinanziert. Wer es sich leisten kann, schickt seine Kinder lieber auf Privatschulen, was das soziale Klima an den öffentlichen Schulen immer schwieriger macht.
Die Emma E. Booker-Grundschule hatte sich erfolgreich die Förderung der Lesekompetenz von Kindern aus bildungsfernen Haushalten auf die Fahnen geschrieben. Landesweit schnitten ihre Schüler bei Tests hervorragend ab. Präsident Bush saß da also sehr gezielt bei einem „Na also, geht doch“-Termin in Sarasota. Anders gesagt: die Kinder dieser Klasse waren dem afroamerikanischen Durchschnitt ihrer Generation bereits ein, zwei Schritte voraus. Erste grundlegende Weichenstellungen schienen schon mal geklappt zu haben.
Beeindruckend mutige Menschen
Was Elizabeth St. Philip nun aber an jungen Erwachsenenleben vorgefunden hat, fächert die Probleme des schwarzen Amerika auf: prekäre Jobs, extreme Brüche in der Biografie, Gewalterfahrung, Konflikte mit dem Gesetz. Der Film wird nicht pathetisch, aber auch nicht tadelnd. Man kann nur staunen, dass man auch über die Lebenswege dieser Kinder mitten hinein geführt wird in die von der Black-Lives-matter-Bewegung bewusst gemachten Problemzonen. Was dabei sehr beeindruckt: der Mut der Protagonisten, ihre Zähigkeit, ihre sehr amerikanische Bereitschaft, sich durch Widrigkeiten durchzukämpfen und Niederlagen allenfalls als Lernerfahrung zu akzeptieren.
Ein wenig anders, ein wenig besonders scheinen die Kids dieser Klasse also schon vorher gewesen zu sein. Nun, durch den 11. September 2001, haben zumindest einige der Kinder und ihre Lehrerin ein ganz besonderes Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt.
Ausstrahlung: Arte, 7. September 2021, 20.15 Uhr. Bereits vorab hier in der Arte-Mediathek abrufbar – bis zum 5. Dezember 2021.