Sprachen während des Sommergesprächs über das Thema Armut (von links): Wolfgang Sartorius (Vorstand Erlacher Höhe), Lilian Siebenlist und Rebekka Zinsser (beide Sozialdienst) und Wolfgang Günther (Abteilungsleitung Erlacher Höhe Freudenstadt). Foto: Erb

Gitarrenunterricht, ein Friseurbesuch oder ein Kaffee im Café – Arme sind von vielem ausgeschlossen. Und Corona hat es nicht einfacher gemacht. Die Erlacher Höhe versucht, zu helfen.

Freudenstadt - Am Tisch sitzt ein junger Mann. Zu seinem Schutz wird er als Herr Paul vorgestellt. Er ist Ende 20 und hat aufgrund der Corona-Pandemie seinen Job verloren. Danach ging es für ihn seelisch bergab, doch nun hat er einen Halt und neue Hoffnung gefunden. Mit Hilfe der Erlacher Höhe hat der junge Mann eine Ausbildung zum Pfleger begonnen. "Ich bin auf einem guten Weg. Ich bin der Erlacher Höhe sehr dankbar", sagt Herr Paul, der sich unter anderem für die Zukunft wünscht, eine Wohnung zu finden.

 

Ihm gegenüber sitzt Frau Beck. Auch ihr Name wurde geändert. Sie ist Anfang 50 und hat eine schwere Leidenszeit hinter sich. Frau Beck ist gelernte Verkäuferin. Sie hat aber auch schon als Tagesmutter gearbeitet und zuletzt geputzt. 2017 bekam sie die Diagnose Rheuma. Mit der chronischen Krankheit kann sie ihren Beruf nicht mehr ausüben. "Ich weiß selber nicht, was ich arbeiten kann. Es ist von Tag zu Tag anders. Manchmal kann ich meine Finger kaum bewegen", erzählt Frau Beck.

Wunsch, dass Menschen wieder mehr Acht aufeinander geben

Seit der Diagnose kämpft sie um die Erwerbsminderungsrente, doch bisher ohne Erfolg. Frau Beck wurde mittellos und wollte sich schließlich das Leben nehmen. Sie kam in eine Psychiatrie und landete über Umwege in Freudenstadt.

"Ich weiß noch nicht genau, wie es weitergeht. Jedoch hoffe ich bald, eine Wohnung zu finden", sagt sie. Sie wünscht sich zudem, dass die Menschen wieder mehr aufeinander Acht geben.

Wohnungssuche gestaltet sich schwierig

Herr Paul und Frau Beck wirken glücklich. Besonders Frau Beck strahlt fast die komplette Zeit. Ihr ist die Armut nicht anzusehen, doch auch heute noch bekommen in Armut lebende Menschen viele Vorurteile zu hören.

"Man wird schnell in eine Schublade gesteckt und abgestempelt", führt Frau Beck aus. So sei es schwierig, eine Wohnung zu finden, da viele Vermieter Arbeitslose nicht als Mieter wollen. Die gelernte Verkäuferin sagt dazu:" Ich zahle lieber die Miete als mir Essen oder Kleidung zu kaufen." Es ist schwierig, Armut neben dem finanziellen Aspekt du definieren. Auch Frau Beck zieht bei der Frage ihre Erfahrungen aus den Armenvierteln in Peru heran, wo sie eine Zeit lang gelebt hat. Doch Armut muss immer in Relation zum jeweiligen Land oder zur Region gesehen werden. Das sagt auch Wolfgang Sartorius, Vorstand der Erlacher Höhe, im Rahmen des Sommerpressegesprächs.

"Ich merke es an Freizeitaktivitäten. Ich würde gerne Gitarrenunterricht nehmen", sagt Herr Paul. Doch das ist für ihn finanziell nicht machbar. Frau Beck würde gerne mal wieder einen Kaffee trinken gehen oder sich schöne Schuhe kaufen. Doch sie muss immer wieder auf Schuhe vom Discounter zurückgreifen.

Wahrscheinlichkeit, in der Langzeitarmut zu landen steigt an

Es sind zwar bescheidene Wünsche, doch am Ende scheitern auch diese am Geld. Laut Erlacher Höhe stieg die Wahrscheinlichkeit, in der Langzeitarmut zu landen, deutlich an. "Einmal arm heißt für die meisten Menschen für sehr lange oder sogar für immer arm", sagt Sartorius. Wolfgang Günther, Abteilungsleiter für Freudenstadt, führt zudem aus: "Die Herkunft bestimmt immer noch sehr stark, wohin der Weg geht."

Sartorius machte auch deutlich, dass in der Pandemie nicht nur die schlechte gesundheitliche Versorgung sichtbar wurde, sondern auch Defizite bei der Bildung, insbesondere in Verbindung mit der Digitalisierung. Für viele arme Menschen gebe es keinen Zugang zu digitalen Angeboten. Dabei sei vor allem in der Pandemie viel in den Online-Bereich gelegt worden, auch von Seiten der Ämter.

Corona habe auch die Arbeit für die Erlacher Höhe erschwert, sagt Günther. Durch die vorübergehende Schließung der Tagesstätte sei für viele ein wichtiger Treffpunkt weggefallen. "Man glaubt gar nicht, wie viele einsame Menschen es gibt. Die Pandemie hat die Not sichtbar gemacht", so Günther.

Forderung einer Grundsicherung

Angesichts dieser Probleme fordert die soziale Einrichtung eine würdevolle Grundsicherung, eine Unterstützung bei der Anschaffung von digitalen Geräten und die Pflicht für Kommunen, sich stärker um die Obdachlosenunterkünfte zu kümmern.

Schließlich sei es auch jedem Bürger möglich, der Erlacher Höhe und somit den Betroffenen zu helfen – egal ob mit Geld, Sachspenden oder Zeit. So könne man sich in den Läden der Erlacher Höhe oder in den Tagesstätten engagieren, so Sartorius, der sich auch über helfende Friseure freuen würde. Und nicht nur er, auch Frau Beck würde sich darüber freuen.