Luigi Spina (links) und ein Komplize beim Graben des Tunnels Foto: SWR/NBC/National Archives

Marcus Vetters Dokumentarfilm „Tunnel der Freiheit“ in der ARD schildert, wie ein paar Privatleute aus dem Westen im Sommer 1962 die DDR untergraben.

Stuttgart - Wie gräbt man einen Tunnel? Einen Tunnel in der Stadt, unter Straßen und Häusern durch? Aber im Geheimen, so dass niemand oben von der Aktion etwas mitbekommt? Mit Muskelkraft, mit dem Spaten, so, wie man im Garten ein Loch ausheben würde. Nur dass man nicht im Stehen arbeitet, sondern auf dem Rücken liegend. Das ist den paar Männern vorab auch klar, von denen Marcus Vetter in seinem Dokumentarfilm „Tunnel der Freiheit“ erzählt – von Männern, die im Sommer 1962 wortwörtlich die DDR untergraben.

 

Einige Zeit nach dem Bau der Mauer ist auch den größten Optimisten klar, dass dies eine dauerhafte Abschottung ist. Aus dem Westen Berlins kann man noch Besuche im Osten machen, die DDR-Bürger aber dürfen nicht mehr über die Grenze. Domenico Sesta und Luigi Spina, zwei italienische Studenten an der Westberliner Hochschule der Künste, merken, dass ihr Freund und Kommilitone Peter Schmidt, der nun im Osten festsitzt, mit der Situation überhaupt nicht klarkommt. Sie planen den Fluchttunnel.

Wo soll die Luft herkommen?

Die Härte der Arbeit steht ihnen klar vor Augen. Manches andere wird ihnen erst klar, als sie graben. Ihnen bröselt die Erde auf den Kopf. Den Tunnel klein zu halten, wird nicht reichen, sie müssen abstützen. Vetter kann da schnell die Spannung eines fiktionalen Thrillers erzeugen. Sesta und Spina lernen immer wieder die richtigen Leute kennen, angehende Ingenieure helfen bei der Planung des Stützwerks, der Sohn eines Sägewerkbesitzers kann die benötigten Balken beschaffen. Aber immer wieder tauchen neue Probleme auf. Im Tunnel ist schon nach dreißig Metern kaum noch Atemluft vorhanden. Eine Konstruktion aus Ofenrohren und einem großen Ventilator schafft notdürftig Abhilfe, aber bald ist das nächste Problem da: Die Erde wird seifenweich, immer mehr Decke bricht herab. Über ihnen, irgendwo zwischen Straßenasphalt und Tunnel, ist ein Wasserrohr gebrochen.

Der 1967 in Stuttgart geborene Marcus Vetter hat ganz am Anfang seiner Karriere, 1999, lange vor „Das Herz von Jenin“ (2008), „Der Chefankläger“ (2013) und „Das Versprechen“ (2016) schon einmal in „Der Tunnel“ von diesem Projekt erzählt. Viele Interviews von damals hat er übernommen (Sesta und Spina leben beide nicht mehr), aber ordnet das Material nun mit all seiner Erfahrung viel raffinierter.

Angst vor diplomatischen Verwicklungen

Wie im ersten Film nutzt Vetter Originalaufnahmen, aber das alte Material ist nun digital besser aufbereitet. Im Auftrag des US-Senders NBC haben Kameraleute das gefährliche Projekt gefilmt. Zunächst wollte CBS drehen, aber davon hatte das US-Außenministerium Wind bekommen. Es fürchtete diplomatische Verwicklungen, übte Druck aus, CBS zog zurück. Aber politische Bedenken waren nicht immer nur hinderlich.

Als die Buddler den Wasserrohrbruch den Berliner Behörden meldeten, begriffen die zwar, was los war. Aber sie konnten weder Hilfe versagen noch das Projekt auffliegen lassen. Man fürchtete, so erklärt Egon Bahr, damals Pressechef des Senats, was die konservativen Medien daraus gemacht hätten, wäre die Fluchthilfe an Westberliner Politikern und Ämtern gescheitert.

Tunnel der Freiheit. ARD, Mittwoch, 23 Uhr, bereits online in der Mediathek