Spazieren zu großartigen Villen von heute und liebevoll umgebauten Einfamilienhäusern von 1930 – an spektakulären Aussichtspunkten mit Blick auf Stuttgart.
Unser Architektur-Spaziergang führt hinauf auf den Haigst und ist dieses Mal recht kurz, dafür aussichtsreich und vielfach mit ausgezeichneten Bauten gespickt.
Und wer nicht gerade in Degerloch wohnt, hat bei der Anfahrt die Gelegenheit, wieder einmal die „Zacke“ zu nutzen oder eine U-Bahn, die auch schon eine Menge interessante Aussichten auf die Stadt bieten.
Altbau trifft Neubau – Jugendhaus Helene P.
Den Auftakt macht ein öffentliches Gebäude, das Kinder- und Jugendhaus Helene P., Obere Weinsteige 9, an der stark frequentierten Bundesstraße. Die meisten Stuttgarter fahren regelmäßig an diesem interessanten Gebäude-Ensemble vorbei, doch die wenigsten kennen es wirklich.
Exemplarisch wurde hier aufgezeigt, wie man auch an einer herausfordernden Lage Altes und Neues so erhalten und neu hinzufügen kann, damit sich junge Menschen wohlfühlen. Das bestehende Jugendhaus, ursprünglich eine Apotheker-Villa von 1870, wurde kernsaniert und erweitert.
Im völlig konträr zum Altbau entworfenen Neubau sind drei unabhängig funktionierende Nutzungen möglich, die wiederum mit dem bestehenden Gebäude über das Untergeschoss mit Mehrzweckraum, Cafeteria und Küche verbunden sind.
Dort können sich die Jugendlichen treffen, austauschen und informieren. Wie hinter einem Wall sind die jungen Leute im Innenhof vor dem tosenden Straßenverkehr im Stadtteil Degerloch geschützt. Dazu gibt es noch einen Bolzplatz, Sitzmöglichkeiten im Freien – und eine richtig tolle Aussicht in den Kessel der Stadt.
Im Rücken der der Neubau, der vorwiegend aus Stahlbeton mit begrünten Dachflächen besteht. Die geneigten Außenflächen wurden mit Metall- und Faserzementplatten verkleidet. Für den spannenden Entwurf zeichnete vor gut 20 Jahren das Architekturbüro Kauffmann, Theilig und Partner verantwortlich, als Auszeichnungen kamen alsbald der Preis „Beispielhaftes Bauen Stuttgart 2002-2007“ der Architektenkammer Baden-Württemberg sowie der 1. Preis Initiative Wohnen im Kinderland Baden-Württemberg 2008 in die Vitrine.
Hinter dem Namen „Helene P.“ des Kinder- und Jugendhauses verbirgt sich übrigens eine Degerlocher Berühmtheit, Helene Pfleiderer (1911-1994), geborene Epple, eine sehr großzügige Frau, die sich zeitlebens für bedürftige Familien engagierte. Helene Pfleiderers Vater war Gustav Epple, ein Bauunternehmer aus Botnang, ihre Mutter Else Epple eine Tochter des königlich-württembergischen Brunnenmeisters Samuel Zimmermann. Baumeisterlicher Hochadel sozusagen. Das Bauunternehmen ihres Vaters wurde nach dem Zweiten Weltkrieg eines der größten in Süddeutschland.
Betonhaus F9
Vom Kinder- und Jugendhaus geht es nun über die ebenfalls aussichtsreiche Josefstraße hinab in den Haigst, eine besondere Ecke in Stuttgart. Für viele ältere Degerlocher gehört der Stadtteil nicht ganz zum Stadtbezirk Degerloch dazu, was auch daran liegen mag, dass die Gemarkungsgrenze immer wieder gewechselt habe und Teile des Haigst mal zu Stuttgart und mal zu Degerloch gehört hätten. Erst im Jahr 1960 wurde der Haigst dann vollständig zu Degerloch gezählt.
Der Haigst ist eine begehrte Wohngegend, mit vielen alten Stadtvillen und einigen ambitionierten Architekturprojekten. Nachdem wir von der Josefstraße in die Lohengrinstraße einbiegen, erreichen wir nach wenigen Schritten die Meistersingerstraße, wenden uns nach links und erreichen bald die Freischützstraße.
Rechterhand befindet sich ein auffälliges Einfamilienhaus, es trägt die Hausnummer 9. In der nicht allzu breit angelegten, dicht besiedelten Freischützstraße fügt sich der 2016 erstellte Betonbau geschmeidig und geradezu bescheiden ein in das nachbarliche Ensemble von älteren Wohnbauten.
Die anthrazitfarbene Fassade sowie die großen Fensterflächen ganz ohne Sichtschutz faszinieren immer wieder Passanten, die stehen bleiben und den mehrstöckigen Bau auf vergleichsweise kleiner Fläche bewundern und kommentieren. Johanna Maibach-Zoll und ihr Mann Tom-Philipp Zoll schätzen die Offenheit und mutige Entwürfe. Beide sind Architekten und leben mit ihren Kindern in ihrem im Jahr 2017 mit dem renommierten Hugo-Häring-Preis ausgezeichneten Heim, das sie selbst entworfen haben.
Am F9, wie das Haus heißt, kann man ein Stück Stuttgarter Bau- und Wohngeschichte studieren. Nach jahrelanger Suche hat das Architektenpaar endlich einen Bauplatz gefunden, doch auf einem lediglich 270 Quadratmeter kleinen Grundstück sollte ein entsprechend schmales Gebäude für eine fünfköpfige Familie her. Die baurechtlichen Vorgaben waren typischerweise streng. Ein Flachdach wurde nicht genehmigt. Am Ende aber fanden die Architekten und das Baurechtsamt den besten Kompromiss, der den radikalen Entwurf zwar veränderte, aber nicht verhinderte.
Der Haigst ist ein Stadtteil in der Halbhöhe, der schon immer eine bevorzugte Stuttgarter Wohnlage war. Die ersten großbürgerlichen Haigster zogen Ende des 19. Jahrhunderts in die Höhe. Obwohl die Bewohner gut betucht waren, ist bis heute ein dörflicher Charakter spürbar, was auch der Nähe zu den Weinbergen geschuldet ist.
Die Bebauung ist dicht. Wer hier einmal wohnt, zieht nicht so schnell weg, sodass jeder stadtplanerische Eingriff oder Neubau schwerwiegende Irritationen auslösen kann. Doch beim F9 scheinen alle – Nachbarn wie Passanten – positiv beeindruckt zu sein. Geht doch.
Doppelhäuser von Gottlob Schaudt
Apropos . . . der Spaziergang führt wieder retour aus der Freischützstraße rechts in die Meistersingerstraße. Die nächsten Straßenschilder, auf die man bitte achten sollte, lauten: Rienzistraße, Kauzenhecke. Dann trifft man auf die Alte Weinsteige und hält sich links. Vorsicht vor der Zacke, der lokalen Spezialität in Gelb.
Wenige Meter weiter findet sich auf der linken Straßenseite das vor dem Ersten Weltkrieg errichtete und bis heute prächtig thronende Häuser-Ensemble mit Jugendstil-Elementen des Architekten Gottlob Schaudt.
Der Architekt hat eine prominente Urenkelin – die in Berlin lebende Architektin Almut Grüntuch Ernst hat in Berlin ein ehemaliges Frauengefängnis in ein vielfach ausgezeichnetes Hotel mit Spitzenrestaurant namens Wilmina umgebaut. Auch dieses Gebäude steht unter Denkmalschutz.
Der Ausblick ist schon von hier aus gut, noch eindrucksvoller ist er allerdings vom Santiago-de-Chile-Platz auf der gegenüberliegenden Aussichtsplattform. Hier liegt einem die Stadt wie eine träge Katze schnurrend zu Füßen. Der Platz hat ebenfalls einen architektonischen Bezug. Seit Ende der 1980er Jahre gibt es nämlich ein Chilenisches Konsulat in Stuttgart, Honorarkonsul war der bekannte Architekt Georg Kieferle.
Auf seine Initiative hin wurde der Platz auf dem Haigst in Santiago-de-Chile-Platz umbenannt. Das war 2006. Kieferle hat außerdem die chilenischen Figuren gestiftet, einen Moai von der Osterinsel, die Büste der Nobelpreisträgerin für Literatur Gabriela Mistral und einen Stein aus dem Maipo-Tal. Ein einzigartiger und sehr stuttgarterischer Ort.
Villa Kieferle
Doch der Spaziergang ist noch längst nicht zu Ende. Zurück in den Haigst. 2021 ist der vielfach preisgekrönte Architekt und Kosmopolit Georg Kieferle gestorben, mit 91 Jahren, der noch im hohen Alter täglich arbeitete.
Sein Wohnhaus? Natürlich in bester Lage, auf dem Haigst 2E. Die außergewöhnliche Villa wurde von Georg Kieferle 1963/64 im internationalen Stil errichtet und steht auf der Kulturdenkmalliste.
Villa am oberen Berg
Nun geht es wieder leicht bergauf, rechterhand sieht man in den Taleinschnitt des Stuttgarter Südens. Am oberen Berg in einer lichten Linkskurve steht etwas einsam eine helle Villa, deren Bewohner eine grandiose Aussicht genießen.
Der Architekt Alexander Brenner gründete 1990 sein Atelier in Stuttgart. Er unterrichtete an verschiedenen Hochschulen, seine Arbeiten wurden vielfach von der Architektenkammer und dem Bund Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) ausgezeichnet.
Brenners „Haus am Oberen Berg“ war für den Europäischen Architekturpreis Mies van der Rohe Award 2009 nominiert. Brenner baut in der Regel spektakuläre Häuser, die niemanden kalt lassen. Exklusivität und Wertigkeit sind Kennzeichen seiner Architektur.
Aussichtsplattform und Umbauwunder im Elsaweg
Einen halben Kilometer weiter gibt es den nicht minder charmanten Gegenentwurf zu bewundern, ein Steinwurf von einer ebenfalls sehr reizvollen Aussichtsplattform am Leonorenweg entfernt.
Im Elsaweg 29 steht das Haus Holzer. Das Umbauprojekt des Architekten Thilo Holzer (der in der Nähe sein Büro und sein Wohnhaus hat) und der Bauherrschaft ist eines von 24 Gewinnern des Preises der Architektenkammer Baden-Württemberg „Beispielhaftes Bauen 2019-2023“ in Stuttgart.
Kaum zu glauben, dass es sich bei diesem Haus um ein verwohntes Einfamilienhaus aus dem Jahr 1929 handelt. Unzählige An- und Umbauten haben das ursprüngliche Gebäude ziemlich schlecht dastehen lassen.
Ohne einen erfahrenen Architekten mit guten Umgestaltungsideen wäre das Projekt sicher gescheitert. Doch das Haus im Elsaweg ist ein gutes Beispiel für das Potenzial, das sanierungsbedürftige Bausubstanz in dichter Bebauungslage und herausfordernder Umgebung bietet.
Der Spaziergang auf den Spuren preisgekrönter Architektur und Architekten neigt sich nun seinem Ende entgegen. Vom Elsaweg sind nur noch wenige Minuten bis zur Josefstraße und dem leichten Aufstieg hinauf zur Stadtbahnhaltestelle in Degerloch.
Info
Länge
Der Spaziergang ist 2,5 Kilometer lang.
An- und Abfahrt
Mit der Zacke zur Endstation Degerloch oder mit der U-Bahn zur Haltestelle Degerloch. Zurück geht es entweder wieder zur U-Bahn-Haltestelle „Degerloch“ oder mit der Zahnradbahn Station „Haigst“. Zu Fuß führen auch mehrere Wege hinunter in die Stadt. Man kann etwa bei der Brenner-Villa einen Spazierweg hinunter in die Stadt gehen.
Einkehrmöglichkeiten
Der Haigst ist eine reine Wohngegend – also Butterbrot schmieren und Trinkfläschchen einpacken und dann an den Aussichtsplattformen mit Tee anstoßen. Der keine Stullen mag – in der Degerlocher Einkaufsstraße finden sich einige Eisdielen, Supermärkte und Bäckereien. Wer frühzeitig seinen Spaziergang plant und gern sehr gut isst, kann auf der Weinsteige bei der Wielandhöhe von Vincent Klink einkehren und Sterneküche genießen.
Geeignet für
Menschen, die gut gemachte Einfamilienhäuser und spektakuläre Aussichten schätzen.