Inspiriert vom Pantheon in Rom, steht The Royal Exchange heute in starkem Kontrast zu den gläsernen Hochhäusern im Norden Londons. Foto: Luisa Rombach/Luisa Rombach

Architektur to go: Von viktorianischen Gerichtsgebäuden zum historischen Markt – ein Spaziergang durch den Nordosten Londons lohnt sich für Fans älterer Architektur.

Beim Wort „London“ denken viele Menschen an Baumonumente wie Big Ben, Buckingham Palace oder das London Eye. Doch die britische Hauptstadt hat viel mehr architektonische Highlights zu bieten. Ein Spaziergang durch den nordöstlichen Rand des Stadtzentrums bietet sich besonders für all jene an, denen es alte Architektur besonders angetan hat.

 
Architekturspaziergang durch den Nordosten Londons, von der National Gallery zum Borough Market. Foto: STZN/Yann Lange

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich besonders im Zentrum der britischen Hauptstadt viel getan, was zeitgenössische Architektur angeht. Die Skyline Londons wird heute auch von Gebäuden wie „The Shard“ von Renzo Piano oder dem liebevoll „The Gherkin“ (Die Essiggurke) genannten Wolkenkratzer von Norman Foster und Ken Shuttleworth im Finanzzentrum geprägt. Das Motto: Viel Glas und hoch hinaus. Wer es etwas beschaulicher und älter, aber nicht weniger beeindruckend mag, sollte diesen etwa zweieinhalbstündigen Spaziergang ausprobieren.

1. Los geht’s bei der National Gallery

Imposant von innen wie von außen – die National Gallery am Trafalgar Square. Foto: Luisa Rombach/Luisa Rombach

Der Spaziergang beginnt am Trafalgar Square. Zentral gelegen macht er sich gut als Startpunkt und bietet dabei tolle Ausblicke. Auf der einen Seite sieht man in der Ferne Big Ben, auf der anderen Seite des Platzes thront die National Gallery (62 Trafalgar Square). Das klassische Gebäude mit der Kuppel behaust eine der wichtigsten Kunstsammlungen des Landes und wurde von William Wilkins entworfen. Außerdem ist die Galerie – wie alle staatlichen Museen in Großbritannien – für Besucher kostenlos.

2. Vielfältiger Einzelhandel beim Covent Garden Market

In der großen Halle in der Mitte des Markts treten oft Straßenkünstler oder Musiker auf. Foto: Luisa Rombach/Luisa Rombach

Danach geht es über die Charing Cross Road und King Street weiter zum Covent Garden Market (Covent Garden). Die historische Markthalle ist namensgebend für den gesamten angrenzenden Stadtteil. In dem neoklassischen Gebäude wurden früher vor allem Lebensmittel verkauft. Heute gibt es hier vor allem viele Restaurants und Cafes, aber auch Schmuck und hochwertige Dekoartikel werden hier verkauft. Die 1828 vom Architekten Charles Fowler erbaute Halle ist in verschiedene Abteilungen verteilt, die über kleine Seitengassen miteinander verbunden sind und so den Trubel der Besucher entzerren.

Reizvolle Kontraste bietet das Royal Opera House, das an den Covent Garden Market angrenzt. Foto: Luisa Rombach/Luisa Rombach

Nicht entgehen lassen sollten sich Architekturfans außerdem das Royal Opera House (2 Bow Street), das an den Platz angrenzt. Schauplatz für Opern und Theaterstücke, besticht das Gebäude mit dem Kontrast zwischen neo-klassischer Architektur und extravaganten Glas- und Eisenelementen.

3. Kurze Pause mit Ausblick in den Victoria Embankment Gardens

Verschnaufpause im Grünen in den Victoria Embankment Gardens. Foto: Luisa Rombach/Luisa Rombach

Wem anschließend nach etwas Ruhe ist, der macht sich entlang der Southampton Street auf in Richtung Themseufer. Dort geben die Victoria Embankment Gardens (Villiers Street), ein Park mit Blick auf das Wasser und die gegenüberliegende Flussseite, Gelegenheit für eine Pause im Grünen mit spektakulärem Ausblick. Zu sehen ist vor allem die Gegend um die Southbank, die mit ihren Betonbauten vor allem von Gebäuden des Brutalismus der 1960er und 1970er-Jahre geprägt ist und einen Kontrast zum bisher Gesehenen bildet.

4. Barocke Extravaganz in Form der St. Mary le Strand

Seit der Verkehrsberuhigung in Ruhe betrachtbar: St. Mary le Strand. Foto: Luisa Rombach/Luisa Rombach

Danach geht es entlang des Lancaster Place in Richtung Strand – eine wichtige Verbindungsstraße im Zentrum Londons, an der es entsprechend hektisch zugehen kann. Umso schöner, dass die Gegend rund um die Kirche St. Mary le Strand (Strand Aldwych) seit einiger Zeit verkehrsberuhigt ist. So lässt sich das barocke Gebäude in Ruhe bewundern.

Das extravagante Äußere wurde zur Zeit der Erbauung im 18. Jahrhundert stark kritisiert und James Gibbs, der als leitender Architekt tätig war, äußerte Unzufriedenheit mit manchen der Veränderungen, die die Auftraggeber durchsetzten. Gibbs hatte ursprünglich einen Glockenturm nach italienischem Vorbild einbauen lassen wollen, stattdessen wollten die Architekten einen Kirchturm.

5. Viktorianische Neugotik imposanten Ausmaßes

Das Justizgebäude ist ein viktorianischer Traum aus Türmchen und Winkeln. Foto: Luisa Rombach /Luisa Rombach

Nur wenige Meter den Strand hinauf stehen The Royal Courts of Justice (204 Strand) – Zuhause des High Courts, einem der wichtigsten Gerichte in England und Wales. Das imposante viktorianische Gebäude mit neugotischen Zügen dominiert diesen Abschnitt der Straße und wurde vom Architekten George Edmund Street entworfen. Die Frontfassade ist so groß, dass sie sich kaum mit einem Blick einfangen lässt und bietet mit ihren vielen Türmchen und eleganten Fensterbögen schier endlosen Anlass zum Bestaunen.

6. Ruhe im historischen Zentrum der Justiz

Ein Ruhepol, in dem man sich leicht verirren kann – der Bezirk Temple im Herzen Londons. Foto: Luisa Rombach /Luisa Rombach

Angesichts des Trubels am Strand und der darin übergehenden Fleet Street kaum zu glauben und deshalb umso schöner ist die kleine Oase, die die Gegend Temple bildet. Nur wenige Meter von den Royal Courts of Justice entfernt betritt man über die Middle Temple Lane eine Reihe von Hinterhöfen, deren Zentrum die Temple Church (Temple King’s Bench Walk) bildet. Von den Tempelrittern im 12. Jahrhundert gebaut, ist bis heute unklar, wer genau sie entworfen hat.

Doch die eigentliche Hauptattraktion bei diesem Stopp ist Temple selbst. Als historisches Zentrum der Justiz in Großbritannien sind hier noch immer viele Anwaltskanzleien angesiedelt. Ganz anders als auf der Fleet Street ist es hier jedoch ruhig, geradezu gespenstig still. Hübsche Backsteinhäuser und Innenhöfe bieten eine willkommene Abwechslung von der Hauptstadthektik. Wer eine Pause braucht, kann sich für eine Weile in den vielen kleinen Höfen verlaufen.

7. Neobarockes Krongericht

Ein Schimmer von Gold ist auf der Kuppel zu erkennen: Justitia thront über The Old Bailey. Foto: Luisa Rombach/Luisa Rombach

Jetzt geht es zurück in Richtung Fleet Street, derer man bis zur Limeburner Lane folgt. An deren Ende steht The Old Bailey (19 Old Bailey), das Krongericht Großbritanniens, in dem Kriminalfälle verhandelt werden. Wer einen Blick auf die Kuppel erhascht, wird ganz oben Justitia thronen sehen. Das neobarocke Gebäude vom Architekten Edward W. Mountford wurde im frühen 20. Jahrhundert eröffnet.

8. Ikonisches Wahrzeichen des englischen Barocks

Viel britischer geht es kaum – Roter Bus, schwarzes Taxi und Saint Paul’s Cathedral im Hintergrund. Foto: Luisa Rombach/Luisa Rombach

Über die Newgate Street und die Warwick Lane kommt man zu einem der ikonischsten Gebäude Großbritanniens. St. Paul’s Cathedral (Saint Paul’s Churchyard) mit seiner monumentalen Kuppel ist wahrlich kein Geheimtipp und doch zu beeindruckend, um bei einem Spaziergang nicht wenigstens kurz anzuhalten. Im englischen Barockstil im Jahr 1657 vom Architekten Christopher Wren entworfen, ist sie eine der größten Kirchen der Welt.

9. Ein Pantheon im Herzen Londons

Zentral The Royal Exchange, mit seinem größeren Nachbarn, der Bank of England, links daneben. Foto: Luisa Rombach/Luisa Rombach

Nur einen kurzen Spaziergang die Canon Street hinab und die Queen Victoria Street hinauf liegt im Schatten der Bank of England, The Royal Exchange (Threadneedle Street, Royal Exchange). Sehr viel kleiner als sein zehn Stockwerke hoher, neoklassizistischer Nachbar, wurde das heutige Einkaufszentrum im Stil eines Pantheons gebaut. Blickt man frontal auf das von John Soane entworfene Gebäude, ragen im Hintergrund die gläsernen Hochhäuser des Londoner Nordens in den Himmel und demonstrieren die architektonische Vielfalt, die in der britischen Hauptstadt auf engstem Raum zu finden ist.

10. Schlemmen in historischen Hallen

Ein Fest für Fans der Kulinarik und der Architektur – Borough Market. Foto: Luisa Rombach/Luisa Rombach

Wem inzwischen der Magen knurrt, wird der letzte Halt auf dem Spaziergang gefallen. Die King William Street hinab geht es über die London Bridge hinüber auf die andere Flussseite. Wer den Blick dabei nach links wendet, wird mit einer tollen Aussicht auf die Tower Bridge belohnt. Endpunkt des Spaziergangs und eine der besten Adressen für Streetfood in London ist der historische Borough Market (8 Southwark Street).

Von den Architekten Greig and Stephenson über einen Zeitraum von 20 Jahren komplett renoviert, ist Borough Market einer der ältesten Märkte Londons. Direkt an Bahngleisen gelegen, prägen Viadukte aus Backstein die Optik. Hier gibt es alles, was das Herz begehrt. Frische Austern, gutes Brot, Paella, Currys, englischen Käse – hier wird jeder fündig und satt. Der perfekte Ort, um eine Entdeckungstour durch den Nordosten Londons ausklingen zu lassen.

Die Route

Länge
Die Strecke zwischen der National Gallery und dem Borough Market beträgt 5,3 Kilometer. Wem gegen Ende die Füße wehtun, nimmt nach dem vorletzten Stopp die U-Bahn (Haltestelle Monument) bis zum Borough Market und spart sich so den letzten Kilometer. Wer die komplette Strecke zu Fuß läuft, sollte bei gemütlichem Tempo etwa zweieinhalb Stunden einplanen.

An- und Abreise
Mit dem Zug ist man über Paris in etwa sechs Stunden in London. Vom Stuttgarter Flughafen aus bieten verschiedene Airlines mehrmals täglich Direktverbindungen in die britische Hauptstadt an, mit denen man in etwa zwei Stunden in London ist.

Einkehren Wem bereits vor Ankunft beim Borough Market der Magen knurrt, holt sich bei einem der zahlreichen gastronomischen Angeboten beim Covent Garden Market (The Apple Market, Covent Garden) eine kleine Stärkung.

Geeignet für Liebhaber alter Architektur und all jene, die auch stille Ecken in London entdecken wollen.