Neue Fassadenfarbe: Mehrfamilienhaus, gebaut in der Nachkriegszeit in der Stuttgarter Weissenhofsiedlung. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die Ersatzwohnhäuser aus den 1950ern in der Stuttgarter Weissenhofsiedlung, einst trist, wirken nun frisch. Was steckt hinter dieser Verwandlung ? Eine Bildergalerie gibt Einblicke.

Die einen hören Klagen über bröckelnde Mäuerchen, wenn sie Freunden und Verwandten beim Spaziergang Stuttgarts berühmteste Wohnsiedlung zeigen. Den anderen sind generell alle in der Nachkriegszeit entstanden Ersatzbauten in der Stuttgarter Weissenhofsiedlung ein Dorn im Auge.

 

Die Weissenhofsiedlung wurde 1927 unter der künstlerischen Leitung von Architekt und dem späteren Direktor des Bauhauses in Dessau, Mies van der Rohe, vom Deutschen Werkbund in Stuttgart als zentraler Bestandteil der Ausstellung „Die Wohnung“ errichtet.

Zerstörte Bauten in der Stuttgarter Weissenhofsiedlung

Im Zweiten Weltkrieg wurden im Herzen und am unteren Rande der Siedlung acht Einfamilienhäuser zerstört, darunter jene des Bauleiters Richard Döcker, zwei weitere Häuser wurden – ohne Not, sie waren sogar noch bewohnt – 1956 und 1957 abgerissen. Begeisternd gestaltet sind die Ersatzbauten nicht. Wer durch die Siedlung spaziert, würdigt sie selten eines geneigten Blickes.

Sie erinnern daran, wie in der Zeit nach dem Krieg eben meist eher nicht der von den Nationalsozialisten (sie wollten die Siedlung abreißen) verachtete und bekämpfte Stil der Neuen Sachlichkeit aufgegriffen und weiter entwickelt wurde.

Frisch restaurierter Ersatzbau aus den 1950ern in der Stuttgarter Weissenhofsiedlung. Foto: StZN

Neuer Blick auf die Stuttgarter Nachkriegshäuser

Bei einer Restaurierung 1981 bis 1987 hatte das Hochbauamt Farben für die Ersatzbauten festgelegt – jene mit Satteldach wurden ockerfarben gestrichen, jene mit Flachdach wurden hellgrau markiert, also farblich näher an die meisten in Weißtönen gestrichenen Originalbauten angeglichen.

Wer aber dieser Tage das Haus von Le Corbusier in der Rathenaustraße passiert, das Teil des Unesco-Weltkulturerbes ist, und in Richtung Scharoun-Haus geht, bleibt jetzt doch stehen. Man blickt auf die filigrane Säule und erkennt den zumindest angedeuteten Midcentury-Charme des Gebäudes in der Rathenaustraße 11, Baujahr 1956. Den hatte man zuvor nicht bemerkt. Die Sockelfassade ist in zartem Fliederton, vanillefarbig gestrichen die restliche Fassade.

Gemeinsam mit der Denkmalschutzbehörde und der baukulturell versierten und engagierten Wüstenrot Stiftung hat die Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft (SWSG) nun jüngst auch diesen Ersatzbau saniert, als Architekt in den Akten firmiert das Staatliche Hochbauamt II Stuttgart, Bauherrin war die Oberfinanzdirektion Stuttgart.

7 Fakten zur Weissenhofsiedlung

  • 1927 entstand die Siedlung in nur wenigen Monaten Bauzeit
  • 17 Architekten entwarfen die Mustersiedlung mit Ein- und Mehrfamilienhäusern, die bis heute vermietet sind
  • 21 Häuser, die 63 Wohnungen enthielten, sind entstanden
  • 55 Architekten und Innenarchitekten des In- und Auslands richteten die Häuser und Wohnungen ein
  • 1958 wurde die Siedlung unter Denkmalschutz gestellt
  • 2016 wurde das Doppelhaus von Le Corbusier und Pierre Jeanneret zum Weltkulturerbe ernannt, das Weissenhofmuseum hat dort seinen Sitz
  • 2019 hat die Stadt Stuttgart die Siedlung dem Bund abgekauft
  • 2027 soll das derzeit entstehende Weissenhof.Forum am Eingang der Siedlung als Info- und Besucherzentrum eröffnet werden

Seit Deutschlands prominentestes Mieterquartier vom Bund verkauft wurde und in die Hände der Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft (SWSG) überging, haben die Projektleiter eigentlich ständig Baustellentermine dort oben im Stuttgarter Norden. Jetzt, knapp ein Dreivierteljahr vor dem 100. Geburtstag der Siedlung, tut sich einiges, damit die Jubiläumsbesucher 2027 einen möglichst frischen Eindruck des Quartiers erhalten.

Flachdachbau mit Sonnenterrasse vom Stuttgarter Sonderbauamt

Flaniert man die Treppen hinauf, kommt noch ein Nachkriegshaus in den Blick, das bisher ein tristes Dasein fristete – der Bruckmannweg 12, erbaut 1959/1960. Architekt war das Staatliche Sonderbauamt Stuttgart, Bauherrin wiederum die Oberfinanzdirektion Stuttgart.

Es ist ein Flachdachbau mit großer Sonnenterrasse, dort sind Fassade und Dach saniert worden. Das Mietshaus erstrahlt in einem warmen Weißton und zeigt, dass die namenlos gebliebenen Architekten in der Nachkriegszeit in Stuttgart durchaus einige Maximen des Neuen Bauens schätzten.

Wie die Ersatzbauten aussehen, die auf Wiederentdeckung warten, ist in der Bildergalerie zu sehen.