Die BR-Dokureihe „Traumhäuser“ zeigt keine Protzvillen, sondern zeitgemäßes Bauen: etwa ein Holzhaus am Hang von Stuttgarter Architekten.
Stuttgart - Ausgeträumt? Die aktuelle Debatte über die Existenzberechtigung des Einfamilienhauses setzt Möchte-gern-Häuslebauern wie auch altgedienten Eigenheimbesitzern mächtig zu. Ihr Traum von den eigenen vier Wänden, am liebsten frei stehend, hat Risse und Schatten bekommen. Ausgerechnet inmitten dieser Diskussion über ein Nationalheiligtum der Deutschen hat der Bayerische Rundfunk (BR) die sechste Staffel seiner Dokureihe „Traumhäuser“ gestartet. In jeder der acht Folgen steht ein Hausbau im Zentrum. Von der Planung bis zum Einzug ist die Kamera dabei und lässt das komplexe, zeit- und häufig nervenraubende Projekt Gestalt annehmen.
Die 2008 gestartete Reihe des BR schlägt dabei zwei Fliegen mit einer Klappe: Sie befriedigt das Quäntchen Voyeurismus, das in jedem steckt – wer schaut nicht gern in fremde Häuser? Und sie ist Ideen- und Impulsgeber für diejenigen, die selber bauen wollen. Deshalb verbinden die 45-minütigen Beiträge Reportage mit Service; auf der Sendungshomepage stehen Fotos, Grundrisse und Pläne bereit.
Einschaltquoten schnellen in die Höhe
Dreißig Stunden vor der Ausstrahlung ist die jeweilige Folge schon in den Mediatheken von ARD und BR abrufbar, wo auch alle Teile der bisherigen Staffeln dauerhaft bereitstehen. Ein Angebot, das gut genutzt werde, sagt Sabine Reeh, leitende Redakteurin im Programmbereich Kultur, die die Sendung verantwortet. Bei den ersten Folgen der neuen Staffel lägen nun aber die Streamingabrufe wie auch die Einschaltquoten „weit über Durchschnitt“.
Gut möglich, dass das an Corona liegt. Die Pandemie hat das Bewusstsein für die eigene Wohnsituation geschärft und bei nicht wenigen die Sehnsucht nach mehr Platz und einem Stückchen Grün vor der Haustür gesteigert. Sicher hat auch die Debatte übers Einfamilienhaus die Aufmerksamkeit für das Format erhöht – aber genauso den Rechtfertigungsdruck: Ist eine Sendereihe, die von „Traumhäusern“ erzählt, überhaupt noch zeitgemäß?
Gesellschaftlich sinnvolle Hauskonzepte
Sabine Reeh kennt solche Fragen, die nicht zuletzt der Titel der TV-Reihe evoziert. Der ist zwar knackig und verheißungsvoll, führt aber auch in die Irre, denn er wecke „ Assoziationen an protzige Eigenheime in dörflichen Randlagen“. Tatsächlich sei für viele Zuschauer „die frei stehende Villa auf der grünen Wiese das Traumhaus schlechthin“, sagt die BR-Architektur-Expertin. Genau diese Variante, die derzeit in der Kritik steht, haben die Macher der Sendung, die von einer Fachjury beraten werden, gar nicht im Visier. Sie wissen um die Problematik des flächen- und ressourcenfressenden wie Mobilität erzeugenden Wohntraums. „Mutter-Vater-Kind auf einer Parzelle – davon wollen wir weg. Unser Ziel ist es, immer wieder städtebaulich und gesellschaftlich sinnvolle Hauskonzepte vorzustellen“, so Reeh.
Die innovativen Wohnprojekte sind von einem Architekturbüro geplant und sollen eine „hochwertige Gestaltung“ aufweisen, wobei hier der Spielraum freilich viel weiter gefasst ist als etwa bei Architekturauszeichnungsverfahren. Vor allem sollen die Häuser immer auch eine „besondere Geschichte“ erzählen. Die einzelnen Staffeln setzen thematische Schwerpunkte wie „Ökologie und Energieeffizienz“ oder „Wohnformen der Zukunft“. Im „Traumhäuser“-Fundus sind Mehrgenerationenhäuser und Baugemeinschaftsprojekte genauso vertreten wie Beispiele für Nachverdichtung und das Bauen im Bestand. Gerade spannende Umbauten und Modernisierungen oder gelungene Nachverdichtungen würde man gerne häufiger vorstellen, doch hier stoße die Redaktion, die per Ausschreibung bei Verbänden, Kammern sowie durch Werbung in Medien an ihre Projekte kommt, immer wieder an Grenzen. Solche Beispiele gebe das Bewerberfeld häufig nicht im gewünschten Umfang her, berichtet Reeh.
Beispiele für gutes Bauen im Bestand scheinen rar
„Zeitgemäßes Wohnen für jeden Lebensabschnitt“ lautet die Klammer der aktuellen Staffel: Eine junge Architektenfamilie etwa baut sich mit viel Eigenleistung ein minimalistisches Holzhaus und trägt so zur Dorfbelebung bei; ein älteres Paar haucht in Niederbayern einem 200 Jahre alten Einödhof ein zweites Leben ein. Genauso mutig sind die Pläne der Schmuckers aus Berlin. Das Ehepaar will im Ruhestand in seine Lieblings-Urlaubsregion umsiedeln. Dafür greifen sie auf die Expertise des Stuttgarter Büros Yonder – Architektur und Design zurück.
Hürden, Umwege, Sackgassen
Das „Holzhaus am Steilhang“ in Oberreute im Westallgäu (16. März, 22.45 Uhr) illustriert, dass Träume sich im Laufe ihrer Verwirklichung wandeln (müssen) – in diesem Fall, weil das Grundstück extrem abschüssig und felsig ist und weil der Bürgermeister wenig hält von allem, was von der voralpenländischen Bautradition abweicht. Nach dem Veto des Gemeinderats müssen sich Architekten und Bauherren daher von der originellen Idee eines aufgeständerten Holzwohnturms nach Jägersitz-Art, der mit sich ändernden Bedürfnissen von oben nach unten wachsen soll, verabschieden. Die Folge führt Hürden, Umwege und Sackgassen vor Augen, schlussendlich entsteht dennoch das, was die Schmuckers wollten: ihr Traumhaus.
Architektur-Reihen im Bayerischen Fernsehen
Sendung Der BR zeigt die Reihe „Traumhäuser“ bis 13. April dienstags um 22.45 oder 22.50 Uhr. Die Folgen sämtlicher Staffeln sind in den Mediatheken von BR und ARD abrufbar. Die Sendungshomepage stellt alle Projekte mit Fotos, Texten und Plänen vor: www.br.de/traumhaeuser.
Ableger Ebenfalls in der Mediathek: der Ableger „Traumhäuser wiederbesucht“. 25-mal lautete die Frage: Was ist nach zehn Jahren aus den Häusern des Ursprungsformats geworden?
Pläne Die vierteilige Dokureihe „Drunter und Drüber – Wie Städte nachhaltig wachsen können“, die in einer kürzeren Version bereits auf Arte zu sehen war, stellt Beispiele aus aller Welt für vertikale Nachverdichtung in den Städten vor. Die Sendetermine stehen noch nicht fest.