Die Architektin Natalia Romik bei der Untersuchung jener „Josefs“-Eiche, in der sich während des Zweiten Weltkriegs zwei Brüder versteckten. Der ausgehöhlte Baum steht noch heute im polnischen Wiśniowa. Foto: JM/District Centre of Culture and Tourism in Wiśniowa, 2021

Wie Juden in Gräbern, Kanalisationen und Kellern Schutz vor den Nationalsozialisten suchten: Die Architektin und Künstlerin Natalia Romik zeigt erstmals außerhalb Polens ihre eindrucksvolle Ausstellung „Architekturen des Überlebens“.

Ungefähr in der Mitte der zwei abgedunkelten Zonen des Ausstellungsraums prangt an einer Schautafel eine Sentenz des polnisch-jüdischen Historikers und Publizisten Emanuel Ringelblum: „Wenn ein Jude sich auf der ‚arischen Seite‘ wiederfand, hatte er zwei Möglichkeiten – an ‚der Oberfläche‘ zu bleiben oder unterzutauchen.“ Ringelblum war der vielschreibende Gründer eines Geheimarchivs im Warschauer Getto, mit dem er das jüdische Leben und die Gräueltaten der Nazischergen für die Nachwelt mit Tausenden Dokumenten festhielt.

 

Er wurde 1944 ermordet. Auch Ringelblum musste sich wie so viele andere Juden immer wieder vor den nationalsozialistischen Okkupatoren verstecken, was zunächst einmal logisch erscheint. Doch so einfach ist es nicht: denn es ging bei diesem „Untertauchen“, das Ringelblum erwähnt, seltener um das Simulieren einer falschen, möglicherweise „arischen“ Identität, was es sicher auch gab.

Veränderte Perspektiven

Vielmehr mussten sich Menschen physisch ein Versteck suchen, und das oft nicht nur für wenige Stunden, bis vielleicht eine Razzia zu Ende gegangen war, sondern für Wochen oder gar Monate. Die Not und die Strategien der verfolgten Juden bei der Suche nach geeigneten Verstecken stellt die übliche Sicht auf die sichtbare Architektur auf den Kopf. Wer die faszinierende Ausstellung „Architekturen des Überlebens. Geschichte – Kunst – Forensik“ von Natalia Romik im Jüdischen Museum in Frankfurt besucht, sieht die gebaute Welt fortan differenzierter, er kann gar nicht anders.

Mag sein, dass man in Häusern und Wohnungen geborgen lebt; in Kellern, Höhlen, Erdlöchern und Gräbern aber überlebt man, wenn man Glück hat, körperlich durchhält und nicht vor lauter Angst stirbt. Selbst in der stinkenden Lemberger Kanalisation suchten und fanden Verfolgte Schutz vor den Nationalsozialisten.

Die polnische Architektin, Künstlerin und Historikerin Natalia Romik fand heraus, dass sich während der deutschen Besatzung von Mai 1943 bis Juli 1944 mehrere Dutzend Jüdinnen und Juden in einem Seitentrakt des Abwasserkanalsystems verborgen hielten, um nicht deportiert zu werden. Und selbst eine hohle, gut 650 Jahre alte Eiche wurden von zwei Brüdern so geschickt mit Querbalken zu einem Aufenthaltsort ausgebaut, dass sie zeitweise im Baum im Grunde verschwinden konnte. Die Balken dienten als Treppe.

In der polnischen Gemeinde Wisniowa recherchierte Natalia Romik mit Unterstützung eines Botanikers und mit Endoskopkamera und Hebebühne ausgestattet, welchen Raum die Brüder tatsächlich zur Verfügung hatten. Und Romik erfuhr von den Dorfbewohnern von dem weiteren Schicksal des Duos. Zwei ältere Damen, schon pensioniert, konnten sich erinnern, sogar an den Namen: Dawid und Paul Denholz. Sie hatten den Krieg tatsächlich überlebt und waren in die USA ausgewandert, Romik besuchte die Tochter des einen in Übersee.

Gefahr drohte nicht zuletzt auch von Seiten der einheimischen Bevölkerung, vor Denunzianten. Praktikable Verstecke mussten so angelegt sein, dass man sie zu bestimmten Tageszeiten unerkannt verlassen konnte, wobei die einheimischen Helfer sich ihr Schweigen nicht selten bezahlen ließen. Doch es gab auch zahllose selbstlose Unterstützer. Unter ihnen war die Familie Kobylec aus Siemianowice Slaskie in Oberschlesien.

Von dem Versteck in ihrem Haus, in dem 30 Juden überlebten, gibt es heute so gut wie keine Spur mehr, man hat das Gebäude vor Jahren saniert und verändert. Während des Zweiten Weltkriegs versteckte die Familie die Menschen im Keller, dafür baute sie unter ihrer Küche ein konstruktiv anspruchsvolles Gewölbe aus. Eine Lüftung gab es auch.

Die Bauarbeiten an solchen Verstecken mussten zudem geräuscharm und heimlich erfolgen, um keinen Verdacht bei Nachbarn zu wecken. Die Familie Kobylec installierte zudem eine Warnanlage: Wenn Bekannte ins Haus kamen, leuchtete im Versteck ein Birnchen in einer bestimmten Farbe. Betrat ein Unbekannter das Haus, warnte eine andere Lämpchenfarbe vor einer möglichen Bedrohung, so das Ergebnis der Recherche von Natalia Romik.

Ein dreidimensionales Modell des Fluchtkellers ist in der Frankfurter Schau eines der wenigen real präsenten Objekte, vieles wird auf Videos, auf Skizzen und mittels geschriebener Texte in Vitrinen erzählt und akribisch genau dokumentiert. Doch das stört nicht. Im Gegenteil: Man versenkt sich in Briefe, Aufzeichnungen und Fotos, durch das gedimmte Licht kann man ansatzweise etwas von der klaustrophobischen Atmosphäre erahnen, in der die Gepeinigten ausharren mussten. Schätzungen zufolge überlebten etwa 50 000 Juden, die sich im besetzten Polen versteckten, den Zweiten Weltkrieg.

Und wenn man den Blick hebt, schaut man gebannt auf zum Teil mannshohe Skulpturen, die im Dunkel wie magisch leuchten. Natalia Romik ließ eine Schranktür, eine Schwelle oder einen Teil des erwähnten Eichenstamms abformen und die Abdrücke von einem Profi mit Silber belegen. So wird das Prosaische geadelt, verwandelt sich das Alltägliche, Unscheinbare in dieser düsteren Architektur des Überlebens in: Kunst.

Info

Ausstellung
Die multimediale Ausstellung „Natalia Romik. Architekturen des Überlebens“ ist bis zum 1. September im Jüdischen Museum Frankfurt, Bertha-Pappenheim-Platz 1, zu sehen. Näheres zu den Öffnungszeiten und Ticketpreisen unter www.juedischesmuseum.de

Katalog
Anlässlich der ersten Präsentation in Deutschland dieser Schau erscheint ein Katalog in einer deutschen und einer englischen Ausgabe im Hatje Cantz Verlag: Architekturen des Überlebens. Reflexionen zur Ausstellung Hideouts von Natalia Romik, Berlin 2024, 148 Seiten, 34 Euro.