Wie das Stuttgarter Büro asp Architekten versucht, ressourcenschonend und gestalterisch exzellent Gebäude neu- und umzubauen – vom Stadion bis zum Betriebshof. Ein Besuch.
Vielleicht weil es der schwäbischen Mentalität so entgegen kommt, hat das Bauen und Umbauen mit wieder verwerteten Materialien einen – auch von politischen wie wirtschaftlichen Entscheidern geförderten – Schub bekommen. Die Staatssekretärin im baden-württembergischen Ministerium für Landesentwicklung und Wohnen, Andrea Lindlohr, sagt: „Die Wiederverwertung von Bauteilen ist heute noch zu langwierig und kompliziert, Bauwillige müssen jedes Vorhaben individuell mit den Behörden abstimmen. Damit Bauen und Sanieren nachhaltiger wird, entwickeln wir deshalb zusammen mit der Wissenschaft einen technischen Leitfaden für die Wiederverwendung tragender Holz- und Stahlbauteile. So bringen wir das zirkuläre Bauen aus der Nische in die Breite.“
In Stuttgart stehen schon einige solcher Projekte, und die haben so gar nichts offensichtlich Ökiges, oder wie man meinen könnte, billig Patchworkhaftes an sich, wie ein Blick beispielsweise auf Bauten des Stuttgarter Büros asp Architekten zeigt. In Bad Cannstatt ist der mit dem Hugo Häring Preis des Bundes deutscher Architektinnen und Architekten ausgezeichnete Betriebshof zu nennen, der zwischen Straße, Schienenverkehr, Supermärkten und einem Wohnviertel einen markanten Stadtbaustein darstellt und das Viertel deutlich aufwertet.
Der Betriebshof wertet die Nachbarschaft auf
Der Betriebshof in der Deckerstraße von asp Architekten ist in vielerlei Hinsicht interessant. Die Bauaufgabe bestand darin, Bestehendes nicht abzureißen, sondern umzubauen und zu ergänzen, das einstige Tiefbauamt fit zu machen für die Zukunft als Garten- und Friedhofsamt. Dafür wurde, um den Lärm für das angrenzende Wohnviertel zu minimieren, eine nutzbare Gartenmauer errichtet. Und der massive Sockel für den darüberliegenden Holzbau stammt aus ressourcenschonendem Beton.
Schon wer an der Haltestelle Kienbachstraße auf die Stadtbahn wartet, hat einen guten Blick auf den auch ästhetisch gelungenen Bau mit seiner natürlich vergrauenden Holz-Fassade. Bei dem Umbau und der Erweiterung wurden zudem alle Materialien roh belassen, die heimischen Hölzer zum Beispiel unbehandelt verwendet.
Auch dies ist ein wichtiger Kreislaufgedanke, dass Material möglichst nicht verklebt, verleimt, gestrichen oder anderweitig behandelt wird, weil es sonst als Sondermüll entsorgt werden muss und nicht weiter verwendet werden kann. Eine ruppige Ästhetik oder wie der Architekt Cem Arat bei einem Gespräch in seinem Büro – einem umgewidmeten Backsteinindustriebau im Stuttgarter Osten – sagt: „Anderes Denken führt zu einer anderen Ästhetik.“
Das gilt übrigens für das erweiterte Fußballstadion, die MHP Arena. Der französische Anthropologe Marc Augé prägte einst den Begriff der sogenannten Nicht-Orte (non-lieux). Diese Nicht-Orte seien Augé zufolge von Menschenhand geschaffene Orte, die – im Unterschied zu traditionellen oder symbolträchtigen Orten wie Kirchen oder zentralen städtischen Plätzen – von einem Fehlen an Geschichte und Identität geprägt sind.
Orte, an denen Menschen sich vielleicht für eine bestimmte Zeit aufhalten, aber mehr auch nicht. Und deswegen verwaisen diese Orte auch schnell wieder, wirken wie Leerstellen. Nicht-Orte können Autoraststätten sein, Freizeitparks, Hallen oder auch Sportstadien.
Ein Stadion im Wandel
Doch im Falle von Stadien greift diese Definition meist zu kurz. Wenn von Stadien gesprochen wird, so generieren Besucher und Fans bestimmte Bilder aus der Vergangenheit. Stadien sind aber Erinnerungsorte, an denen sich möglicherweise legendäre Spiele, möglicherweise auch besonders traurige Niederlagen oder großartige Turniere ereignet haben und im Kollektivgedächtnis beispielsweise einer städtischen Gesellschaft haften geblieben sind.
So wie das Stadion in Stuttgart-Bad Cannstatt, das in erster Linie mit der Fußballmannschaft des Traditionsvereins VfB Stuttgart assoziiert ist. Über die vergangenen Jahrzehnte erfuhr dieses Stadion viele Wandlungen und Modernisierungen, auch der Name der Arena änderte sich. Doch der Ort ist überaus kommunikativ, er ist aufgeladen mit Erinnerungen und Gefühlen, positiven wie negativen.
Beim Umbau musste genau diese identitätsstiftende Funktion eines Stadions als Erinnerungsort und Veranstaltungsraum gleichermaßen respektiert werden und in ästhetisch überformt werden. Das Recycling von Baustoffen hat demnach nicht nur im Sinne einer klimagerechten Kreislaufwirtschaft einen nachhaltigen Effekt, Stichwort: Wiedererkennbarkeit.
Es wurde eines jener ikonischen Bullaugen, welche lange Jahre für die Außenfassade der alten Arena markant waren, gerettet – und das Fenster erhielt einen besonderen Platz innerhalb der neuen Haupttribüne. Das große Glasrund wurde als Blickfang in die neugestaltete Players Lounge der MHP Arena eingebaut und schafft Bezüge zu vergangenen Zeiten.
Und dass geschichtsträchtige Architektur nicht nur gesehen, sondern auch haptisch erfahren werden kann, wird ebenfalls beim Stadion deutlich. Das Alte steckt und wirkt im Neuen. So kam ressourcenschonender Beton zum Einsatz, das abgebrochene Material wurde zum nahe gelegenen Stuttgarter Hafen transportiert, aufbereitet und zu hundert Prozent wieder in der Arena in Bad Cannstatt verbaut.
Weiterverwenden als blanke Notwendigkeit
Ganz ohne Beton indes geht es oft nicht, etwa bei Unterkellerungen, oft auch ist es ein Thema des Brandschutzes wie beim Stadion auf der Waldau. „Beim GAZI-Stadion denken wir darüber nach, so viele Bauteile aus Holz wie möglich zu verwenden“, sagt der Architekt Cem Arat.
Gemeinsam mit den Tragwerksplanern wurde auch ein Konzept erstellt, wie die alten Tribünen wieder zu verwenden sind. Die Stahlbetonfertigteile der Gegentribüne sollen zu Beginn der Bauarbeiten vor Ort abgebaut, in Einzelteile zerlegt und als Sitztribünen für Sportanlagen kleinerer Vereine wiederaufgebaut werden.
Das Weiterverwenden hat nun nicht unbedingt mit Geldsparen zu tun, sondern mit blanker Notwendigkeit. „Wir müssen den Lebenszyklus eines Gebäudes maximal möglich verlängern“, sagt Cem Arat. „Ziel ist es, so dauerhaft und flexibel zu bauen, dass man die Gebäude auch nach hundert Jahren und länger noch nutzen kann.“
Technik und Material sparen
Auch nicht mit Material aasen, um so die Nutzung eines Gebäudes möglichst flexibel zu halten etwa. „Hinter uns liegt eine Zeit, in der Material als Ressource nichts bedeutet hat“, sagt Arats Kollege Architekt Markus Weismann, „heute können wir es uns angesichts der zunehmenden Ressourcenknappheit einfach nicht mehr leisten, verschwenderisch mit Material umzugehen.“
Und an Technik zu sparen. „Wichtig ist unsere Komfortstandards zu hinterfragen“, sagt Markus Weismann, „sich zu fragen, brauche ich das wirklich oder komme ich auch mit weniger Technik aus.“ Das betrifft etwa das Thema Kühlung und die Frage, ob die Temperatur in Bürogebäuden im Sommer immer bei 22 Grad liegen muss, wenn es draußen 30 Grad warm ist. Kann ich die Kühlung beispielsweise durch Nachtauskühlung regulieren? So wie man es etwa von Altbauten, Schulen etwa, mit sehr dicken Mauerwerk und hohen Räumen kennt, in denen auch im Sommer erträgliche Temperaturen herrschen.
Die Stadtplaner sind auch gefragt
„Zirkuläres Bauen funktioniert nur, wenn auch die Planung zirkulär ist“, sagt Markus Weismann. „Durch die Frage, welche Materialien und Bauteile wie und wo weitergenutzt werden können, verändert sich der gesamte Bauprozess.“ Damit im großen Stil Graue Energie weitergenutzt und dadurch dadurch CO2-Emissionen gespart werden können, ist nicht nur der einzelne Bauherr gefragt, sondern auch die Stadtplanung. Cem Arat: „Auch städteplanerisch ist der zirkuläre Gedanke wichtig, die Gesellschaft muss sich fragen, was kann man umnutzen, weiternutzen.“
Deshalb ist es sinnvoll, einen alten Bau wie das Breitling Gebäude am Marktplatz umzubauen als abzureißen und neu zu bauen. Arat: „Schneller mag das Abreißen und Neubauen gehen, aber günstiger ist es auf keinen Fall.“ Allein schon, wenn man Transportkosten und den Energieaufwand betrachtet, vom CO2-Verbrauch, der immer nicht bepreist wird, weil sonst das Bauen nach Meinung vieler Experten komplett unbezahlbar würde. Hier musste das Betonskelett nicht abgebaut, abtransportiert werden und ein neues Betonskelett musste auch nicht erstellt werden – „das spart 60 Prozent im Rohbau“.
Freilich verlängert sich durch so ein Umnutzungsgebot die Planungsphase, und auch die kostet den Bauherren Geld. Dennoch kann sich der erhöhte Planungsaufwand auch wirtschaftlich lohnen. „Das Bauen in Kreisläufen ist ein Mehraufwand, in den es sich lohnt zu investieren.“, sagte Kerstin Müller vom Planungsbüro Zirkular im Gespräch mit unserer Zeitung. „Gebäude werden so langlebiger, umnutzbar und reparierbar.“
Ihr Büro berät auch Büros, die auf diese Weise arbeiten wollen und hier in einem Lernprozess sind. „Da fällt gerade im Vorprojektstadium mehr Arbeit an“, so Kerstin Müller, „dafür geht es dann im Verlauf der Ausführungsplanung oft schneller.“
Noch sind es häufig ambitionierte, formal gelungene Bauten, die kreislauffähig neu entworfen oder umgebaut werden, denen ein langes Leben zu prognostizieren ist und denen man einen Rück- oder Umbau nicht wirklich wünscht. Investorenbauten indes sind immer noch häufig mit Material gebaut, das nach Rückbau auf den Sondermüll muss.
Was nicht unwahrscheinlich ist, da es sich oft um Gebäude handelt, denen man gewünscht hätte, sie wären lieber in dieser Form gar nicht erst gebaut worden. Doch auch diese Gebäude sollten, geht es nach dem Willen derer, die das „Abrissmoratorium“ unterzeichnet haben– also verlangen, dass möglich nichts neu-, sondern vor allem Altes umgebaut und umgenutzt werde.
Hätte die Stadt etwa bei der alten Kaufhalle, bzw. Sportarena an der Stuttgarter Königstraße, gegen den unter anderem die junge Architektenschaft von Architects for future protestiert hatte,so ein Abrissmoratorium durchgesetzt und den Rückbau verhindert, prangte dort nicht, nachdem der Investor pleite gegangen ist, eine riesige Baulücke.
Weitere Bilder von ressourcenschonenden Bauten in der Bildergalerie.