Barbara Münchau war erste Zootierärztin und erste Zoodirektorin im deutschsprachigen Raum – heute pflegt sie auf der „Arche Hochdorf“ weiter viele verschiedene Tiere, die es nötig haben. Im Gespräch mit unserer Redaktion erzählt sie, warum sie dafür auf vieles verzichtet.
„Wir haben kein Segelboot am Bodensee, wir haben Viecher“, pflegt Klaus Kohm zu sagen. Im Urlaub war er schon mehrere Jahre nicht mehr, Urlaub zu zweit mit seiner Frau Barbara Münchau ist schon lange tabu. Denn die Tiere auf ihrem Gnadenhof „Arche Hochdorf“ – auch „Kameldoc´s Tierfarm“ genannt – müssen versorgt werden.
Kameldoc, das ist der Spitzname von Münchau, die ihre Doktorarbeit in der Tiermedizin über die Zoohaltung der Gruppe von Kameliden – zu denen neben Trampeltiere auch Dromedare, Alpakas und Lamas gehören – geschrieben hat. Während vor allem Lamas und Alpakas in Deutschland auch als Hobby- und Therapietiere immer beliebter werden, hat Münchau einen ethischen Grundsatz für ihren Gnadenhof: „Wir nehmen nur Tiere auf, die es nötig haben, dass man sich um sie kümmert.“
Hürde durch „Puddingabitur“
Denn die pensionierte Tierärztin aus dem Ruhrgebiet, die gleichzeitig erste weibliche Zootierärztin im deutschsprachigen Raum war, ist Ärztin aus Leidenschaft. Schon im Alter von 14 Jahren wollte sie Verhaltensforschung von Tieren betreiben oder in die Tiermedizin gehen. Doch bis dahin musste Münchau einige Hürden überwinden. Zunächst galt ihr Gymnasialabschluss an einer Frauenoberschule – im Volksmund abwertend auch als „Puddingabitur“ bezeichnet – damals nicht als vollwertiger Hochschulreifeabschluss, den sie daher noch nachmachen musste.
Während der Prüfungsvorbereitung jobbte sie als Tierpflegerin im Duisburger Zoo – was sie derart beeindruckte, dass sie den Zoos später auch als Medizinerin treu blieb. Als sie zwei Semester in Wien studierte, hospitierte sie dort ebenfalls im Zoo und schaute sich die dortigen Operationsmethoden an.
Zoos waren früher Schaubetriebe
Die Zoos seien damals eher Schaubetriebe gewesen, sagt Münchau. „Die stellt man irgendwo hinter einen Zaun, da braucht man nicht viel“, sei die vorherrschende Meinung zur Zoohaltung von Kameliden gewesen. Für ihre Doktor-Arbeit suchte sie 80 Tiergruppen in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf und untersuchte deren Haltungsbedingungen.
Auf diese Weise fand sie heraus, dass Kleinkamele wie Lamas und Alpakas beispielsweise nachwachsende Schneidezähne haben, die sich in ihrer natürlichen Umgebung an Steinen, zwischen denen Futter wächst, abnutzen. Damit diese Zähne nicht zu groß werden, stellt Münchau Asthaufen auf, auf denen die Tiere herumkauen können.
Durchsetzen gegen Schlachter
Ihr weiterer Weg führte über eine Großtierpraxis, die Arbeit als Zootierärztin im Osnabrücker und eine halbe Assistenz-Stelle im Saarbrücker Zoo. Parallel musste sie oft auf dem Schlachthof die Fleischbeschau vornehmen und den Schlachtern vorhalten, wenn sie erkannte, dass das Schlachttier beispielsweise verbotenerweise gespritzt worden ist. In solchen Fällen musste sie sich „als Frau durchsetzen“, sagt sie.
Mit Kollegen gründete sie 1980 die Arbeitstagung für Zootierärzte im deutschsprachigen Raum für einen Austausch über Haltungsbedingungen und Behandlungen von Zootieren. Denn über Haus- und Nutztiere wusste man medizinisch viel, so Münchau, nicht aber über Giraffen, Kängurus, Eisbären und Lamas.
An Tierkrankheit angesteckt
1986 habe sie sich mit einer Tierkrankheit angesteckt, die man beim Menschen noch nicht kannte. Diese habe „an ihren Gelenken geknabbert“. Wegen der Folgen dieser Krankheit läuft Münchau heute teilweise auf Krücken.
Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere wurde Münchau als Direktorin an den Zoo nach Kaiserslautern berufen, wo sie zehn Jahre lang arbeitete. Der Zoo sei wegen schlechter Zustände von der Schließung bedroht gewesen, sagt Münchau. Dass sie 1992 Direktorin wurde, war nicht nur für sie persönlich ein großer Schritt, denn: „Damals waren Frauen in der Zooleitung absolut tabu.“
Gummistiefel zum Bewerbungsgespräch
Zum Bewerbungsgespräch habe sie Gummistiefel mitgebracht, da es in der Ausschreibung hieß, dass auch das Gelände begangen wird. „Das hat alle überzeugt, dass ich eine Praktikerin bin“, sagt Münchau. Als Direktorin habe sie „im Zoo gewohnt“ und hatte eine 60 bis 80 Stunden-Woche, fährt Münchau fort. Tiertransporte habe sie mit dem Lastwagen oft selbst durchgeführt und auch Gehege selbst aufgebaut – teilweise im Rahmen von einem Projekt mit Strafgefangenen, die während ihres Freigangs im Zoo arbeiteten. Auch Programme mit Kindern und behinderten Menschen gehörten zu ihren Aktivitäten.
Nach einer Zwischenstation im Marienhof Rottenburg, wo Jagdhunde ihre Tiere einmal überfallen haben, ist Münchau mit ihrem Mann schließlich in Hochdorf gelandet. Die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und behinderten Menschen führt sie in der Arche Hochdorf fort, genauso wie die Arbeit im Umwelt- und Naturschutz. „Wir sind im Unruhestand“, scherzt Münchau in Anspielung auf den eigentlichen Ruhestand. „Hast dich verschluckt, Josef?“, ruft sie zum Steinschaf, das gerade merkwürdige Geräusche macht. Ein leichter Wind zieht über den Hof – fast wie auf einem Segelboot am Bodensee.
Wissenswertes zu Trampeltieren
Höcker und Bezeichnung
Dromedare haben einen Höcker, Trampeltiere zwei. Beide gehören zu den Großkamelen. Weit verbreitet ist die falsche Ansicht, dass Trampeltiere in ihren Höckern Wasser speichern würden – stattdessen dienen die Höcker als Fettspeicher. Dass Trampeltiere lange Zeit ohne Wasser auskommen können, liegt an vielen Eigenheiten ihres Körpers – beispielsweise kondensiert ihre Luftfeuchtigkeit beim Ausatmen und fließt über eine Rinne von der Schnauze in den Mund zurück. Wohl am relevantesten für das Überleben der Tiere in der Wüste sind vermutlich ihre länglichen roten Blutkörperchen, die wie ein Schwamm aufgebaut sind und in vollgesogenem Zustand über hundertmal so groß werden können.