Klaus Kohm hält einen Igel in der Hand, der von einem Rasenmäher hart getroffen wurde und Verletzungen an der Schnauze, den Stacheln und den Füßen trägt. Foto: Rahmann

Der Igel ist Wildtier des Jahres – trotzdem fällt die Pflege und Versorgung verletzter, schwacher und kranker Tiere weitgehend Ehrenamtlichen zu. Die Arche in Hochdorf betreibt eine der wenigen Igelstationen in der gesamten Region – und ist dadurch finanziell und kräftemäßig sehr gefordert.

Bis nachts um halb eins haben sie versucht einen Igel zu retten, morgens um halb sieben ging es mit dem Kampf um sein Überleben weiter. Nach zwei Tagen starb er trotzdem. Ein „typisches Mähopfer“, sagt Barbara Münchau, die zusammen mit ihrem Mann Klaus Kohm die „Arche Hochdorf“ – Gnadenhof, Tierfarm und Igelstation – betreibt und selbst Tiermedizin studiert hat. Alle Stachel des Igels seien angesägt gewesen, der Darm habe geblutet.

 

Barbara Münchau untersucht, welche Würmer im Igelkot sind – je nach Art braucht es unterschiedliche Wurmkuren. Foto: Rahmann

Ungefähr 30 weitere Igel pflegen die beiden derzeit auf der Igelstation und versorgen sie medizinisch – nebenbei versorgen sie noch viele weitere Tiere auf ihrem Hof, darunter Lamas und ein Trampeltier. Da in der Region in den vergangenen Jahren neun Igelstationen schlossen, fällt die Arbeit mit den Igeln nun besonders der Arche in Hochdorf zu. Das Einzugsgebiet für Fundtiere sei im Umkreis von Pforzheim/Stuttgart bis nach Freudenstadt und Reutlingen, sagt Münchau.

Vormerkliste für aussterbende Tierarten

Dabei brauche der Igel gerade jetzt besonderen Schutz. Er wurde zum Wildtier des Jahres 2024 ernannt, „weil er als Tierart nach 60 Millionen Jahren Überlebens auf unserer Erde dank des Umgangs der Menschen mit der Natur in diesem Jahr auf die Vormerkliste für aussterbende Tierarten gesetzt werden musste, obwohl er seit Jahrzehnten gesetzlich besonders geschützt ist“, sagt Münchau.

Der Klimawandel und die daraus entstehenden Trockenperioden bedrohen den Igel, der sich von Insekten wie Regenwürmern, Raupen, Käfern und Schnecken ernährt, die sich bei Trockenheit zurückziehen. Rasenmäher und Motorsensen, unachtsame Autofahrer, ungesicherte Schächte und Teiche, Rattengift oder das Verbrennen oder achtlose Hineinstechen in Kompost- und Reisighaufen sind Todesfallen für Igel. Allzu aufgeräumte Gärten sorgen außerdem dafür, dass die Lebens- und Schutzräume für Igel knapp werden, sagt Münchau.

Igelstation im Schweinestall

Damit die Igel Wasser finden, hat Münchau Schalen auf dem Boden stehen. Als Unterschlupf dienen mehrere Igelkästen, die jeweils aus einem Gang, der Katzen abhält, und einen daran anschließenden Futterbereich bestehen.

Ein Igelkasten braucht einen Gang – oder noch besser wie in diesem Bild zwei Gänge – und einen Futterbereich. Die Gänge dienen dazu, Katzen abzuhalten. Foto: Rahmann

Die Igelstation für verletzte, schwache und kranke Tiere befindet sich in der früheren Scheune für Kühe und Schweine. Sie und ihr Mann wollten die „Bauernhofstruktur bewahren“, als sie 2009 den alten Hof kauften. Münchau muss für jeden Igel ein Pflegeprotokoll schreiben, in das sie die Entwicklung der Gesundheit und Behandlungen des jeweiligen Igels einträgt.

Preise für Futter und Medizin stiegen

Jeden Tag wird jeder Igel gewogen. Behandlungen mit Antibiotika und Wurmkuren sowie diverse Untersuchungen kommen dazu – jedes der Pflegeprotokolle umfasst mehrere Seiten. Besonders anspruchsvoll sei das Aufziehen von Igelbabys, die ihre Mutter verloren haben, betont Münchau. Wenn ein Igel wieder fit ist, kommt er in eine Auswilderungsstation, wo er weiter behandelt und in die neue Umgebung eingeführt wird.

Schon vor Corona habe die Versorgung eines einzigen Igels auf einer Station pro Tag laut Berechnung des Igelvereins Stuttgart durchschnittlich drei Euro gekostet, sagt Münchau. In den vergangenen Jahren seien die Preise für Futter und medizinische Ausrüstung um rund 40 Prozent gestiegen.

Igelstation finanziert sich durch Spenden

Dass die Arbeit ihrer Igelstation hauptsächlich durch ihre beiden Renten, teilweise auch durch Spenden finanziert wird, findet Münchau angesichts der Bedrohungslage des Igels nicht in Ordnung und fühlt sich von den Naturschutzbehörden im Stich gelassen.

Dieser Igel verlor durch den Rasenmäher ein Ohr, doch es geht ihm soweit wieder gut und er kann ausgewildert werden. Foto: Rahmann

Ein Igel, der erst kürzlich von einem Rasenmäher angefahren wurde, scheint gesundheitlich gerade über den Berg zu sein – nachdem er anfangs Infusionen bekommen hat, da er vor Schmerzen nicht fressen konnte, sagt Kohm. Ein anderes „Mähopfer“ sieht nach langer Behandlung von Münchau und ihrem Mann wieder recht zufrieden aus und kann bald ausgewildert werden. Nur ein abgerissenes Ohr erinnert noch an den Rasenmäher.

Igelseminar

Weiterversorgung
Nach der notwendigen medizinischen Versorgung von Erkrankungen und Verletzungen müssen die Igel oft weiter versorgt werden, bis sie genug Gewicht zugelegt haben, um ausgewildert werden zu können. Um mehr Kapazitäten für schwer kranke, verletzte Igel und mutterlose Baby-Igel zu schaffen, sucht Münchau Interessierte, die sich vorstellen können, Igel weiter zu versorgen. Für jene bietet sie dieses Jahr am 15. Juni um 13.30 Uhr auf Kameldoc´s Tierfarm, Tübinger Straße 5, in Nagold-Hochdorf ein Seminar an. Dabei vermittelt sie unter anderem Grundwissen über Unterbringung, Fütterung, Erkennen von Krankheiten, Versorgung und Aufzucht von Igelbabys. Weitere Infos und Anmeldung sind telefonisch über 07459/9 33 29 36 möglich.