Archäologe Folke Damminger sagt, wie alt Dießen wirklich ist und was die Funde an der Bittelbronner Steige sagen.
Nicht nur Ortsvorsteher Frank Rapp ist ganz berauscht von den Erkenntnissen, die die Funde mitten in der 450 Seelen-Gemeinde ans Tageslicht gebracht haben. Rapp sagt: „Wir haben schon intensiv recherchiert, wie alt unser Dorf ist. für eine 1000-Jahr-Feier. Richtige Belege haben wir nicht gefunden. Und jetzt kommt raus: Dießen ist noch wesentlich älter.“
Der fast voll besetzte Gemeindesaal in Dießen am Abend. Archäologe Folke Damminger vom Landesamt für Denkmalpflege hat auf einem Tisch Funde der Grabung in der Bittelbronner Steige ausgebreitet. Und die Scherben haben eine eindeutige Botschaft. Der Archäologe sagt: „Wir können zweifelsfrei nachweisen, dass die Siedlung Dießen deutlich älter ist als gedacht.“
Konkret sagt Damminger: „Wir haben die Überreste einer Siedlung schon aus merowingischer Zeit gefunden. Dießen muss also schon ab etwa 700 nach Christus als Siedlung bestanden haben. Das waren zunächst wohl mehrere wahrscheinlich umzäunte Gehöfte aus größeren Wohn- und Nebengebäuden. Nachgewiesen sind aber nur eingetiefte Grubenhäuser und einzelne Pfostengruben von ebenerdigen Häusern.“
Marcel Hagner ist Chef von ArchaeoBW. Der Firma, die die Grabung gemacht hat. Er sagt: „Die Hofstellen mit den Grubenhäusern waren wohl umzäunt. Die Siedlung war kein Dorf im eigentlichen Sinne, sondern eine Ansammlung solcher Gehöfte. Da hat man sich lediglich gemeinsam zum Bankett, zu Hochzeiten oder Beerdigungen gemeinsam getroffen.“
In Dießen wurden Textilien hergestellt
Sicher ist wohl auch: In den Erdhütten wurde jedoch nicht gewohnt. Spuren von Standwebstühlen und Funde von entsprechenden Webgewichten zeigten andernorts, dass hier Textilien hergestellt wurden. Archäologe Damminger sagt: „Der Grubenboden lag im Erdreich. Die so vorhandene Feuchtigkeit ergab gute Voraussetzungen für die Verarbeitung von Leinen.“ Damals wurde auch in Dießen schon gesponnen – die Ausgrabungen brachten eine Spinnwirtel aus Knochen zu Tage.
Das Geheimnis der Güllegrube
Archäologe Damminger sagt: „Funde von der Keltenzeit bis zum frühen Mittelalter im Umfeld und die Lage des Grundstücks im historischen Kern Dießens – als das Landesamt für Denkmalpflege mitbekommen hat, dass das Areal überbaut werden soll, war klar: Da muss vorher nach archäologischen Befunden geschaut werden.“
Bereits bei der ersten Sondierungsgrabung im November 2021 zeigte sich: Außer einer ehemaligen Güllegrube sind auf dem Grundstück auch Grubenhäuser aus dem hohen Mittelalter gefunden worden. Einzelne Keramikfunde stammten sogar aus dem frühen Mittelalter.
Damminger sagt: „Bei diesem Ergebnis war eine vollständige Ausgrabung des Grundstücks nötig, die dann von August bis Oktober 2023 von der Firma ArchaeoBW aus Gerlingen durchgeführt wurde.“ Diese Grabungen erbrachten neben Siedlungsspuren aus der Kelten- und Römerzeit sowie dem 5. Jahrhundert nach Christus den Beleg, dass Dießen als Siedlung kontinuierlich seit dem frühen 8. Jahrhundert bestanden haben muss.
Und weil man in Dießen neben den Grubenhütten auch einzelne Pfostengruben fand, war klar: Das müssen die Fundamente für Gebäude in Pfostenständer-Bauweise gewesen sein. Zur Rekonstruktion eines Gebäudegrundrisses reichten die Befunde in Dießen jedoch nicht aus.
Der Fund der Grubenhütten und der möglichen zugehörigen Gebäude an einem Ort macht im Zusammenhang mit der entsprechenden Keramik den Archäologen sicher: Hier muss ab dem 7. bis 8. Jahrhundert eine Siedlung ähnlich der etwa im Freilichtlabor Lauresham rekonstruierten bestanden haben. Diese dürfte bis zur Herausbildung der historischen Dorfstruktur ab etwa dem 13. Jahrhundert ihr Erscheinungsbild kaum geändert haben.
Wie die Häuser genau ausgesehen haben, können die Funde nicht sagen. Damminger sagt: „In Nagold und Mühlacker beispielsweise haben wir bei Grabungen viel mehr Pfostengruben gefunden, die uns etwas über die Größe und die Struktur der Bauten sagen konnten.“
Wer war der rätselhafte Top-Entscheider von Dießen?
Den wertvollsten Fund hat Damminger nicht dabei – die Taschensonnenuhr aus Dießen. Der Archäologe sagt: „Die stammt aus dem 16. Jahrhundert. Die kostbareren Exemplare aus Bein waren gewissermaßen die IWC der damaligen Zeit. Gefertigt nicht wie die Uhr in Schaffhausen, sondern wohl in Nürnberg.“ Die Taschensonnenuhr – sie war damals das „Must Have“ der Top-Entscheider – so wie der Blackberry. Der war 1999 das erste mobile Gerät, dass E-Mails mobil empfangen und versenden konnte.
Damminger sagt: „Die Taschensonnenuhr kam auf, als sich die ökonomischen Verhältnisse zu Beginn der Neuzeit dramatisch verändert haben. Es entstanden die Vorläufer dessen, was wir heute als „just in time“-getakteter Logistik verstehen. Sie war notwendig, um komplexe Arbeitsabläufe und Prozesse zeitgenau abstimmen zu können.“
Damminger zückt sein Smartphone (das iPhone von Apple-Legende Steve Jobs machte ab 2007 die Blackberry-Funktion und vieles mehr für den Normalkunden bedien- und erfahrbar) und sagt: „Die Taschensonnenuhr hatte zwei Funktionen, die wir jetzt als App haben: Den Kompass und die Uhr. Damit hatte der Besitzer aus Dießen das Werkzeug in der Hand, das zu dieser Zeit benutzt wurde, um beispielsweise festzulegen: Der Wagen mit Baumwollballen geht morgen früh um acht Richtung Augsburg. Das sagt auch: Der Wirkungskreis des Besitzers, in dem er die entsprechenden Informationen abrufen musste, reichte weiter als der Schlag der Glockenturmuhr von Dießen zu hören war. Der Soziologe Max Weber beschreibt diese Epoche als die Entstehungszeit des Arbeits- und Leistungsethos der Deutschen.“
Ist Dießen sogar noch älter?
Fakt ist: An der Grabungsstätte fanden die Archäologen auch Tonscherben aus der Zeit 500 vor Christus, der Zeit der Kelten. Damminger sagt: „Möglicherweise gibt es in Dießen noch weitere ältere Siedlungsspuren. Aber die könnten unter den Hangschichten des Dießener Bergs liegen und inzwischen durch die Erdbewegungen verschüttet sein. Da kommen wir nicht mehr dran.“
Die Dießener Bewohner können sich zurecht berauscht fühlen, wie Archäologe Damminger betont: „Der Ortsname stammt aus dem mittelhochdeutschen Wort „dießin.“ In hochdeutsch heißt das Rauschen – vom Fluss.“
Horbs Stadtentwickler Peter Klein ist auch dabei. Natürlich ist er nicht berauscht. Aber froh. Denn: Das Landesdenkmalamt hatte die Innenentwicklungsmaßnahme in Dießen verzögert. Klein sagt: „Im Rahmen der Aufstellung des Bebauungsplans hatte das Landesdenkmalamt wegen möglicher archäologischer Befunde Einwendungen erhoben. 2021 erfolgte die Sondierungsgrabung, 2023 die Ausgrabungen. Das hat die Stadt 170.000 Euro gekostet. Jetzt können wir anfangen, das Grundstück zu entwickeln und an den Markt zu bringen.“