Die Archäologen Delia Weidkuhn und Simon Graber bringen die Vergangenheit Basels ans Licht. Foto: Michael Werndorff

In Kleinbasel werden neue Leitungen im Boden verlegt. Das ruft die Archäologische Bodenforschung Basel-Stadt auf den Plan, die spannende Entdeckungen macht.

Das Dröhnen von Baumaschinen erfüllt die enge Rheingasse auf Kleinbasler Seite. Mit mehreren Stößen der Baggerschaufel fallen Teile des historischen Gewerbekanals in der Baugrube zusammen. Einst führte er das vom Riehenteich stammende Wasser in die Stadt, das bis zu 64 Wasserräder antrieb. Zu bestimmten Zeiten durften auch Abwasser in den in Kleinbasel offen verlaufenden Kanal eingeleitet werden. Dies war auch unproblematisch, zumindest bis die Basler Chemie Abfälle über die Teiche entsorgte.

 

Die Baugrube, eine von vielen in der Rheingasse, wurde bereits archäologisch untersucht und dokumentiert. Das historische Mauerwerk kann Platz machen für neue Wasser-, Gas- und Stromleitungen. Und für Fernwärme, denn Basel will klimaneutral werden. „Die Zusammenarbeit mit dem Tiefbauamt und dem Polier funktioniert bestens“, freut sich Archäologe Simon Graber im Gespräch mit unserer Zeitung.

Seit Juli 2024 begleitet die Archäologische Bodenforschung die Bauarbeiten am Lindenberg und in der Rheingasse. Während die Arbeiten für Anwohner mit Einschränkungen und Unannehmlichkeiten verbunden sind, bieten sich für die Archäologen spannende Einblicke in die Geschichte Kleinbasels, weiß Grabers Kollegin Delia Weidkuhn. Mit einem Team von elf Wissenschaftlern graben sie sich durch den Untergrund, legen Zeugnisse der Geschichte frei und dokumentieren sie für spätere Forschungsarbeiten.

Die Bauarbeiten in der Basler Rheingasse bedeuten für die Anwohner Einschränkungen und Unannehmlichkeiten, für die Archäologische Bodenforschung bieten sich derweil spannende Einblicke in die Vergangenheit Kleinbasels. Foto: Michael Werndorff

Gräber deuten auf frühmittelalterliche Siedlung hin

Die Rheingasse liegt in einer archäologischen Zone von nationaler Bedeutung: Siedlungsspuren aus der Jungsteinzeit wurden in der Nähe entdeckt. Vor 3300 Jahren befand sich hier ein bronzezeitliches Siedlungsareal. Um 374 nach Christus errichteten die Römer ein sogenanntes Munimentum, eine Kleinfestung zur Sicherung der Rheingrenze.

Gräber mit prunkvollen Beigaben aus dem 6. bis 8. Jahrhundert an der Riehentorstraße und Grubenhäuser in der Rheingasse deuten auf eine frühmittelalterliche Siedlung. Nach dem Bau der ersten Rheinbrücke um 1225 entwickelte sich das mittelalterliche Kleinbasel zur Stadt, die mit einer mächtigen Mauer umgeben wurde.

Neuzeitliche Gewerbebauten zeugen von der fortschreitenden Modernisierung des Quartiers. Die Arbeiten finden unter den neugierigen Blicken der Passanten und Anwohner statt. „Oft werde ich gefragt, ob ich schon etwas Wertvolles wie Gold gefunden habe. Und ja, das haben wir auch schon ans Tageslicht gefördert“, sagt er und zeigt ein Foto einer vergoldeten Scheibenfiebel mit Einlagen aus Glas und Granat aus dem frühen 7. Jahrhundert. „Das war schon ein ganz besonderer Moment.“

Zu den Entdeckungen gehört auch eine vergoldete Scheibenfiebel aus einem Frauengrab, das die Forscher auf das frühe 7. Jahrhundert datiert haben. Foto: zVg/Archäologische Bodenforschung Basel-Stadt

Das Grab war reich ausgestattet

Das Schmuckstück stammt aus einem reich ausgestatteten Grab einer etwa 40-jährigen Frau. Gefunden wurde es ebenfalls im Zuge von Leitungsarbeiten Ende 2022. Die Fiebel diente einst als Verschluss eines Mantels und ist ein Zeugnis der hohen Qualität frühmittelalterlicher Goldschmiedekunst.

„Im Grab haben wir weiteren wertvollen Schmuck gefunden, bestehend aus rund 160 Perlen aus Glas, Amethyst und Bernstein“, erklärt Graber. Der Fundort: „Am Fuße eines Briefkastens, tief unter dem Bürgersteig Ecke Riehentorstraße – Rebgasse“, ergänzt Weidkuhn. Die Frau muss der Oberschicht angehört haben, jedenfalls gehen die Wissenschaftler von einem höfischen Zusammenhang aus.

Vorsichtig legen die Wissenschaftler die Funde frei. Foto: zVg/Archäologische Bodenforschung Basel-Stadt

Schwertkämpfer im Gesicht verletzt

Dann zeigt sie das Foto eines weiteren Skelettfundes in einem Plattengrab, das aus dem 8. Jahrhundert stammt: Massive Schäden im Gesichtsbereich des Schädels fallen auf den ersten Blick auf. Der Mann habe zu Lebzeiten einen massiven Schwerthieb erlitten und dabei einen Teil des Oberkiefers verloren, erklärt Graber. Der Versehrte, vermutlich selbst ein Schwertkämpfer, habe das überlebt, wurde gepflegt und sei erst Jahre danach gestorben. Skelette erzählen spannende Geschichten, weiß der Archäologe.

Bauschutt, Keramikscherben und Knochen: Im Sandboden befindet sich der Siedlungsabfall vergangener Jahrhunderte.

Den Menschen von damals näherkommen

Die Arbeit fasziniere sich sehr, berichtet die Baslerin. Von besonderem Interesse seien die kleinen Alltagsgegenstände, die sie aus dem sandigen Boden hole. „Diese Funde bringen mich der Lebensrealität der Menschen von damals sehr nahe. Das begeistert mich.“ Bei den Ausgrabungen kämen immer wieder Zeugnisse der mittelalterlichen Stadtwerdung ans Tageslicht.

Es gibt noch viele offene Fragen

Indes: Die Zeit des Frühmittelalters erscheint immer noch in einem vagen Bild. „Es gibt viele offenen Fragen“, macht Graber deutlich – insbesondere mit Blick auf die Siedlungsentwicklung. Gleichwohl gebe es auch immer wieder „Aha-Momente“. Die Forscher haben eine Vorstellung der Siedlungsentwicklung gewonnen. So bestehe eine Kontinuität von der römischen Festungsanlage hin zur frühmittelalterlichen Siedlung. Eine Aufgabe späterer Forschungen sei es, diesen ersten Eindruck zu bestätigen, so der 42-Jährige. Und: In der Rheingasse hat das Archäologen-Team direkt vor der heutigen „Ueli Brau“-Bar und beim Hermann-Hesse-Platz einen weiteren, bisher unbekannten Graben dokumentiert, der in einer Distanz von 20 Metern an der Festung vorbeiführt. Aus der Grabenverfüllung stammen einige Keramikscherben vom Übergang der spätrömischen in die frühmittelalterliche Epoche. Die neuen Erkenntnisse, welche die Forscher jüngst gewonnen haben, deuten an, dass das Munimentum keine alleinstehende Festung war, sondern im Zentrum eines größeren militärischen Areals gestanden haben muss. Die Grabenanlage in der Rheingasse stellt vielleicht eine Ergänzung zum Spitzgraben dar, der bereits 2021 in der Riehentorstraße entdeckt worden war.

Es gibt noch viele offene Fragen

Die Funde reichen aber noch weiter in die Vergangenheit zurück: Insbesondere in den Leitungsgräben für die Fernwärme erwarten die Archäologen weitere Reste aus bronzezeitlichen Siedlungen. Sogar Schichten aus der Jungsteinzeit haben die Experten in der Rheingasse dokumentiert. Die Bauarbeiten sollen noch bis Ende 2027 laufen – eine Geduldsprobe für die Anwohner. Die Wissenschaftler dürfen sich derweil noch auf weitere spannende Funde freuen.

Munimentum wohl keine alleinstehende Festung