Fast 2000 Arbeitslose mehr in einem Jahr – und immer mehr rutschen ins Bürgergeld ab. Warum selbst Akademiker lange keine Stelle finden und die Jobsuche zur Kunst wird.
Fast 2000 Arbeitslose mehr binnen eines Jahres – die Zahlen, die der Arbeitsmarkt im Schwarzwald-Baar-Kreis aktuell hergibt, stimmen mitunter nachdenklich. „Das ist schon enorm“, erläutert Elena Niggemann, die Pressesprecherin der Arbeitsagentur Villingen-Schwenningen/Rottweil im Gespräch mit unserer Redaktion.
Doch wer sind eigentlich die Kunden von Arbeitsagentur und Jobcenter – und worin unterscheiden sie sich an beiden Stellen? Die Antwort auf diese Fragen ist es, die aufzeigt, wie mannigfaltig die Herausforderungen an beiden Stellen sind und warum eine Unterscheidung zwischen der Kundschaft der Arbeitsagentur und des Jobcenters Not tut. Denn Arbeitsloser ist nicht gleich Arbeitsloser.
Arbeitslos – die Nuancen
Eine Grafik, die die Verantwortlichen beider Häuser an diesem Nachmittag an die Wand projizieren, ist besonders eindrücklich: Sie zeigt die Entwicklung der Arbeitslosenzahlen, sortiert nach den Rechtskreisen Sozialgesetzbuch SGB II und SGB III. Vereinfacht dargestellt: Der „klassische“ Arbeitslose, dessen Stelle beispielsweise einfach nicht mehr vorhanden ist oder dessen zeitliche Befristung endete, ist dem Rechtskreis SGB III zuzuordnen und bei der Arbeitsagentur an der richtigen Adresse.
Arbeitslose des Rechtskreises SGB II hingegen werden dem Jobcenter zugeordnet – bei ihnen geht es oft ans Eingemachte, viele benötigen weitere Hilfen, können ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten und sind auf die Grundsicherung über das Bürgergeld angewiesen. Und auch der Topf aus dem das Arbeitslosengeld fließt, unterscheidet sich: Jobcenterleistungen werden aus Steuermitteln finanziert, erläutert Elena Niggemann, die Leistungen der Arbeitsagentur über die Arbeitslosenversicherung.
Doch die Grafik, die hier zu sehen ist, zeigt gravierende Verschiebungen: Wohingegen bis zum Januar die Arbeitslosen nach SGB III klar in der Überzahl waren, wurden ab dann wesentlich mehr Arbeitslose über das SGB II gezählt. Dass in Folge der allgemein unsicheren Lage, einer Konjunkturflaute und Symptomen wie dem Technologiewandel in der Automobilindustrie und der zunehmenden Digitalisierung auch die Zahl der Arbeitslosen nach dem SGB III in der Region steigt, sorgt für eine weitere Zuspitzung der Situation.
Suche immer schwieriger
Einen Job zu finden, das sei für Arbeitslose beider Rechtskreise keine Leichtigkeit mehr. „Die Arbeitslosigkeit wird oft unterschätzt“, sagt der operative Geschäftsführer der Agentur für Arbeit Rottweil – Villingen-Schwenningen, Mike Kalinasch. „Die Situation hat sich sehr gewandelt“ – sich nach dem Verlust der Arbeitsstelle erst einmal zurückzulehnen, dass könne man sich heute nicht mehr leisten.
„Vor drei Jahren sprach man noch von Fachkräftemangel“, gibt Elena Niggemann zu bedenken, und Thorsten Reutter, der Geschäftsführer des Jobcenters im Schwarzwald-Baar-Kreis nickt: „Den haben wir immer noch – aber es sind eben sehr spezialisierte Fachkräfte, die fehlen.“ Vorhandene Stellen und vorhandene Kunden zusammenzubringen, wird mehr und mehr zur Kunst. Die Situation sei bisweilen paradox, bestätigt Niggemann und spricht vom klassischen Miss-Match.
Dieser Umstand trage mit dazu bei, dass mittlerweile eine stattliche Zahl Arbeitsloser nach dem SGB III zu Jobcenterkunden werden, weil sie zwölf Monate lang keine neue Arbeitsstelle finden. „Je länger arbeitslos, desto näher rückt das Bürgergeld“, bringt Reutter es auf den Punkt.
„Das ist wenig Geld“
Und wenn man ins Bürgergeld rutscht, dann werde das spürbar, betont Marc Schretzlmaier, Bereichsleiter im Jobcenter des Schwarzwald-Baar-Kreises. Den Bürgergeld-Satz für die Unterkunft zu erhalten oder, wie im Falle des Arbeitslosengeldes 60 oder 67 Prozent des Grundgehalts, „das ist schon nochmal ein Unterschied“. 563 Euro Bürgergeld plus Kosten für die Unterkunft, „das ist wenig Geld“, stellt er klar und betont, dass es nach seiner Beobachtung kaum einer auf die leichte Schulter nehme, zum Bürgergeldempfänger zu werden. „Das trifft im übrigen auch beim Arbeitslosengeld zu“, bekräftigt Kalinasch und gibt zu bedenken: „Wir haben mittlerweile auch Akademiker im Bestand, die über Monate keinen Job finden, die Situation hat sich einfach verändert.“
Schwer was los
In dem Gebäude in der Lantwattenstraße ist also schwer was los. In Zahlen: 80 bis 120 Vorsprachen finden monatlich laut dem operativen Geschäftsführer der Agentur für Arbeit Rottweil – Villingen-Schwenningen in der Arbeitsagentur statt, nochmal so viele kommen im Bereich des Jobcenters hinzu. Darüber hinaus strömen Kunden ins Haus, die das Kindergeld bei der Familienkasse ausbezahlt bekommen.
180 Beschäftigte der Arbeitsagentur sind hier im Einsatz, 125 beim Jobcenter; der Arbeitsmarkt ist ein Geschäft, das immer komplexer wird – hüben wie drüben.