Es ist nicht die erste Krise, die Agenturchefin Martina Lehmann in ihren bald zehn Jahren an der Spitze der Agentur für Arbeit Nagold-Pforzheim zu bewältigen hat. Foto: Thomas Fritsch

Mit vielen guten Nachrichten kann Martina Lehmann nicht dienen, wenn sie an den aktuellen Arbeitsmarkt im Nordschwarzwald denkt. Im Gegenteil: Ihre Prognose für 2025 ist hart und klar: „Uns steht ein extrem hartes Jahr ins Haus.“

Bald zehn Jahre steht Martina Lehmann bereits an der Spitze der Agentur für Arbeit Nagold-Pforzheim, sie kennt die Region bestens. Besonders natürlich die Wirtschaft der Region. Hat in dieser einflussreichen Position mit dem Nordschwarzwald schon die Corona-Krise durchgestanden. Und jetzt also die nächste Krise.

 

Schon bei Corona war die Kurzarbeit ein entscheidendes Mittel, um die Krise so gut es ging zu meistern. Und auch jetzt zeigt das Ausmaß der Kurzarbeit, dass sich die Region in einer Krise befindet.

Im Bereich ihrer Agentur, die die Kreise Calw, Freudenstadt, Enz und Pforzheim umfasst, hat sich die Zahl der Betriebe verdoppelt, bei denen kurzgearbeitet wird, die Zahl der betroffenen Beschäftigten liegt bereits bei 5500.

Die zweithöchste Kurzarbeitsquote in ganz Deutschland

Fast 80 Prozent der Betriebe sind kleine Unternehmen mit weniger als 50 Mitarbeitern. Und es sind zumeist Betriebe der Metall- und Elektroindustrie, die zum Bereich der Zulieferer der Automobilbranche gehören. Im Enzkreis, wo es fast ausschließlich solche kleinen „Zulieferer der Zulieferer“ gibt, war die Krise als erstes zu spüren. Inzwischen ist sie auch im Landkreis Freudenstadt angekommen, der inzwischen mit 5,6 die zweithöchste Kurzarbeitsquote in ganz Deutschland hat.

Der Landkreis Calw – hier der Nagolder Wolfsberg – ist noch nicht in dem maß von Kurzarbeit betroffen wie etwa Freudenstadt. Foto: Thomas Fritsch

Das liegt eben an der starken Abhängigkeit von der Automobilindustrie. Und die steht eben unter internationalem Wettbewerbsdruck und leidet unter der geringen Binnennachfrage. Der Kreis Calw sei da homogener aufgestellt und deswegen noch nicht so in dem Maß von Kurzarbeit betroffen, weiß Lehmann.

„Wir werden einen weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit haben“

Und mit der Kurzarbeit ist es nicht getan. Die Krise wird sich auch deutlich in der Zahl der Arbeitslosen niederschlagen, da ist sich die Agenturchefin sicher : „Wir werden einen weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit in der Region haben.“ Bei der Agentur geht von einem Plus von 4,7 Prozent aus. Nur in Lörrach soll der Anstieg im Land mit 5,8 Prozent noch höher ausfallen. „Und da verlieren jetzt schon junge, gut ausgebildete Fachkräfte ihren Job“, berichtet Lehmann.

Prognosen der Agentur gehen sogar davon aus, dass die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Nordschwarzwald im nächsten Jahr um 0,5 Prozent sinken wird. Und damit wäre der Nordschwarzwald neben Lörrach (-0,1) die einzige Region im Land, in der Arbeitsplätze wegbrechen. Das sei aber nicht wirklich dramatisch. „Von Massenarbeitslosigkeit sind wir noch weit entfernt“, versucht Lehmann zu beruhigen.

„Einen Königsweg gibt es in dieser Lage nicht“

Es gibt durchaus auch Branchen, in denen eine große Kräftenachfrage herrsche. Der Dienstleistungsbereich im Allgemeinen und Altenpflege und Erziehung im Speziellen. Dafür habe man das Programm „Kita-Direkteinstieg“ am Start. Mit ihm könnten auch Quereinsteiger in diesem Sektor Fuß fassen. Das geht sogar soweit, dass sich Lehmann vorstellen kann, dass Beschäftigte aus dem Metall und Elektrobereich, die dort entlassen würden, über kurz oder lang im Betreuungssektor unterkommen könnten.

Das Zauberwort heißt: Umschulung und Weiterbildung. Man habe auch eine flächendeckende Kooperation mit Südwestmetall und IG Metall, um im am heftigsten betroffenen Sektor zu Lösungen zu kommen. Doch auch Lehmann weiß: „Einen Königsweg gibt es in dieser Lage nicht.“

Auf dem Ausbildungssektor ist die Lage gut

„Aber wir lassen nicht nach mit Initiativen und neuen Angeboten“, gibt sich Lehmann kämpferisch und erwähnt in diesem Zusammenhang auch die E-Service-Angebote der Agentur für Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Und dann ist ja auch noch die BA-mobil-app, mit der man viele Dinge bequem von zu Hause erledigen könne.

Bei allen dunklen Wolken, die über dem Arbeitsmarkt aufgezogen sind, hat die Agenturchefin auch positive Nachrichten im Gepäck. So konnte man im vergangenen Jahr 13 Prozent mehr Menschen in Arbeit vermitteln. Und auf dem Ausbildungsmarkt sei die Situation immer noch „gut“.