Arbeitsmarkt-Drehscheiben helfen, Personalüberhang und Fachkräftemangel auszugleichen – nicht immer läuft es rund. Der Unternehmerverband Metall erhebt Vorwürfe gegen Bosch.
Es gehört zu den großen Widersprüchen des Arbeitsmarkts, dass gerade größere Industriebetriebe zu viele Beschäftigte an Bord haben und kleinere Firmen nebenan unter Personalnot leiden. Vor allem zwischen Automobil- und Maschinenbaubetrieben sowie dem von Fachkräftemangel geplagten Handwerk besteht ein Gefälle. Arbeitsmarkt-Drehscheiben können einen Ausgleich schaffen. Weil die Menschen nicht arbeitslos werden, ist es sozusagen eine Win-Win-Win-Situation – wenn es gut läuft.
BA-Chefin Nahles: Drehscheibe ist ein „Erfolgsmodell“
Allein in Baden-Württemberg sind 31 dieser von der Bundesagentur für Arbeit (BA) initiierten Kooperationen schon ins Laufen gebracht, im Aufbau oder in Planung – ein Drittel aller rund 90 Drehscheiben bundesweit. Drei gibt es im Agenturbezirk Stuttgart, sechs in Mannheim, vier in Freiburg, je drei in Heidelberg, Karlsruhe-Rastatt und Ulm. In der Mitte und im Norden Baden-Württembergs ist die Entwicklung besonders dynamisch. BA-Chefin Andrea Nahles sieht die Drehscheiben nach „sehr langer Anlaufkurve“ mittlerweile als ein „Erfolgsmodell“.
Im Kern sind es sozialpartnerschaftliche Initiativen – erst wenn Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite wollen, vermittelt die BA. Doch es ist auch ein heikles Feld, weil gut entlohntes Industriepersonal nach dem Wechsel geringer vergütete Arbeiten verrichten soll. Und Beschäftigte, die teils in zweiter, dritter Generation im Konzern arbeiten, werden in kleinere Betriebe gelotst. Daher reden alle Beteiligten über konkrete Projekte höchst ungern.
Nun aber macht der Präsident des Unternehmerverbandes Metall Baden-Württemberg (UVM), Andreas Perrot, dem Unmut in seinen Reihen Luft. Die Idee, Beschäftigten über eine Drehscheibe neue Perspektiven zu geben und sie in mittelständische Strukturen zu integrieren, hält der Calwer Mittelständler für sinnvoll. Daher lobt er auch den Ansatz monatelanger Gespräche mit dem Zulieferer Bosch in Stuttgart – moderiert von der Arbeitsverwaltung. Bosch sieht darin eine Option, den Abbau von 22 000 Stellen im Autozuliefererbereich aufzufangen.
„Weiterbildung wird ausgelagert, Risiken werden verteilt“
Doch das Projekt läuft nicht in die gewünschte Richtung. Festgestellt hat der UVM, dass Konzernbeschäftigte für staatlich geförderte Umschulungen freigestellt würden, diese Qualifizierung in anderen Betrieben stattfinde und anschließend eine Rückkehr zum ursprünglichen Arbeitgeber möglich sei. Ein „unhaltbarer Zustand“, findet Perrot. Dahinter stecke ein System – Verantwortung werde verschoben. „Weiterbildung wird ausgelagert, Risiken werden verteilt – die praktische Umsetzung landet bei denen, die am wenigsten Spielraum haben.“
Zu hoher Erwartungsdruck in Mittelstandsbetrieben erzeugt
Die UVM-Mitgliedsbetriebe „investieren Zeit, Geld und Know-how in Qualifizierung“, während in den großen Unternehmen Bedingungen dominierten, mit denen die Kleinen nicht konkurrieren können – „weder bei Gehältern noch bei Zusatzleistungen“.
Bosch hat trotz roter Zahlen für 2025 einen Bonus von durchschnittlich 42 Prozent eines Monatsgehalts im April ausgezahlt – 2200 Euro für jeden Beschäftigten. Wenn große Unternehmen Prämien zahlten, obwohl sie unter Druck stünden oder gar Verluste ausweisen, „entsteht ein Erwartungsdruck bei Mitarbeitern im Mittelstand, der kaum erfüllbar ist“, moniert Perrot.
Noch problematischer werde es, wenn staatliche Instrumente ins Spiel kämen: „Wenn Kurzarbeit parallel zu Prämienzahlungen oder strategischen Verlagerungen genutzt wird, entsteht ein Widerspruch.“ Was rechtlich zulässig sei, wirke im Gesamtbild unplausibel. „Wirtschaftliche Optimierung und gesellschaftliche Verantwortung driften auseinander“, kritisiert er Teile der Großindustrie. „Gewinne bleiben im System, Risiken werden verteilt.“
Perrot spricht als UVM-Präsident für rund 1600 Mitgliedsbetriebe. Zudem führt er einen „Hidden Champion“ – einen Familienbetrieb mit Sitz in Calw, der Turmuhren und Läuteanlagen für den Rest der Welt herstellt. Der Mittelstand sei bereit, seinen Beitrag zu leisten, so der Verbandschef. Doch müssten die Spielregeln als fair empfunden werden. „Wollen wir ein System, in dem Verantwortung getragen wird – oder eines, in dem sie weitergereicht wird?“ Auf politischer Ebene, hat er festgestellt, stößt er mit seiner Sichtweise auf wenig Rückhalt. Er hat den Eindruck: „Man möchte es nicht hören.“
Auch andere Konzerne im Land sind gemeint
Von der Kritik dürfen sich auch namhafte Konzerne im Land angesprochen fühlen, etwa Mercedes, das bis zu 3139 Euro Bonus zahlt und ebenso an einer Drehscheibe beteiligt ist. Bosch allerdings hält sein sogenanntes Wertegerüst besonders hoch.
Der Zuliefererkonzern verweist in seiner Stellungnahme vor allem auf die 2024 eingerichtete konzerninterne Personaldrehscheibe speziell für Geschäftsbereiche mit sinkendem Beschäftigungsbedarf – sie habe das Ziel, Mitarbeitende über individuelle Qualifizierung branchenübergreifend und zukunftssicher von Arbeit in Arbeit zu bringen. Ferner kooperiere Bosch im Rahmen der Drehscheibe mit Unternehmen unterschiedlicher Branchen, wie Zeiss und Hitachi Rail, sowie der Bundesagentur für Arbeit. Das Handwerk wird an der Stelle nicht erwähnt.
960 Menschen in neue Beschäftigungsverhältnisse vermittelt
Ein dreiwöchiges Einführungsprogramm zur beruflichen Neuorientierung diene dazu, Stärken, Chancen und Zielen zu finden sowie individuelle Qualifizierungsmaßnahmen zu entwickeln. Zudem unterstützten Experten bei der Suche nach passenden Stellen.
„Die bisherigen Erfahrungen bewerten wir als positiv“, betont eine Sprecherin. „Der Vermittlungserfolg ist selbstverständlich auch von der Aufnahmefähigkeit des Arbeitsmarktes abhängig.“ Aktuell seien rund 1500 Mitarbeitende auf der Personaldrehscheibe – mehr als 1400 hätten aktiv mit dem Bewerbungsprogramm begonnen. Von diesen seien bereits rund 960 in neue Beschäftigungsverhältnisse vermittelt worden – wie viele in Fremdbetriebe, ist unklar.
Zum konkreten Vorwurf des Unternehmerverbandes UVM, dass die Qualifizierung für neue Jobs im Rahmen der Drehscheibe auf andere Arbeitgeber verlagert werde, um später selbst womöglich davon zu profitieren, äußert sich die Bosch-Sprecherin nicht.
Familienbetrieb mit Tradition: Macher der größten Turmuhr der Welt
Perrot Turmuhren
Der 1860 gegründete Mittelständler Perrot Turmuhren mit Sitz in Calw ist ein Weltmarktführer in seiner Industrienische. Er beschäftigt rund 45 Mitarbeitende an vier Standorten bundesweit. Turmuhren, Läutetechnik, Glockentechnik und Sonderuhren werden selbst entwickelt und produziert – darunter die mit 43 Metern Durchmesser größte Turmuhr der Welt und eine komplette Turmuhrenanlage mit Westminsterschlag für den Uhrenturm am Palast des Emirs von Qatar, aber auch ein Glockenspiel für Bad Urach. „Als kleinerer Mittelständler haben wir in unserer Region den guten Ruf, eine solide Firma zu sein und langfristig zu denken“, sagt Andreas Perrot, mit zwei Brüdern Inhaber des Familienbetriebs in fünfter Generation.
Verband
Der Unternehmerverband Metall Baden-Württemberg (UVM) repräsentiert 1600 Mitgliedsbetriebe und 43 Innungen – von der Ein-Mann-Firma bis zum spezialisierten Maschinenbauer. Damit ist der UVM einer der großen Verbände bei Handwerk BW. Viele der Zulieferer, Dienstleister und Instandhalter sehen sich als Rückgrat industrieller Wertschöpfung. Dem Metallhandwerk in Deutschland gehören 33 000 Betriebe mit 465 000 Beschäftigten an – der Gesamtumsatz beträgt 65 Milliarden Euro.