Die Äthiopierin Fatuma G. vor einem Amt in Addis Abeba, in dem sie die Formalitäten für ihre Ausreise nach Saudi-Arabien erledigen muss. Foto: Christian Putsch/Christian Putsch

In Saudi-Arabien, Katar oder den Emiraten sind mehr als 80 Prozent der Menschen Ausländer. So wie sie dort dafür sorgen, dass diese Länder überhaupt funktionieren, hängen die Herkunftsländer von den Rücküberweisungen ab. Und so werden äthiopische Haushaltshilfen zum geopolitischen Faktor

Es herrscht reger Betrieb vor dem Bürgeramt in Addis Ababa. Scharen junger Frauen stehen an, um sich für ein Regierungsprogramm anzumelden, das gleich Hunderttausende als Haushaltshilfen nach Saudi-Arabien vermitteln soll. Fatuma zum Beispiel. Acht Stunden ist die Farmarbeiterin aus der Amhara-Region mit dem Bus nach Addis Ababa angereist, in der Hoffnung auf einen Job in Saudi-Arabien. In Facebook-Anzeigen wurde um Arbeitskräfte wie sie geworben, auf großflächigen Werbetafeln in den Städten oder gleich direkt am Telefon.

 

Äthiopiens Regierung hatte die Migration lange verboten, weil es verstörende Berichte über katastrophale Arbeitsbedingungen und Menschenrechtsverletzungen gab. Doch nun wittert sie ihre Chance auf dringend benötigte Devisen. Der Deal sieht vor, dass die Gehälter für die Frauen in Höhe von umgerechnet rund 250 Euro monatlich in Saudi-Riyal gezahlt werden, einer der stabilsten Währungen am Golf. Die Auszahlung an die Arbeiterinnen erfolgt wiederum in Birr – der Landeswährung Äthiopiens, die von einer 30-prozentigen Inflationsrate geschwächt wird. Für die klamme Regierung in Addis Ababa, vom 28 Milliarden Dollar teuren Tigray-Krieg an den Rand der Zahlungsunfähigkeit getrieben, ist das ein gutes Geschäft. Und für die Banken auch. Dutzende Mitarbeiter wuseln um die Frauen herum, lassen sie auf iPads Verträge für Bankkonten unterschreiben.

Entwicklungsländer befinden sich oft in einem Dilemma

In äthiopischen Regierungsstatements werden in diesen Tagen angesichts des Programms die „starken diplomatischen Banden“ beider Länder gelobt. Keine Rede mehr von dem Rekrutierungsverbot für Haushaltshilfen, das von dem Land noch bis vor einem Jahr aufrechterhalten worden war. Oder von der eiligen Rückkehrunterstützung für 130 000 rabiat ausgewiesene Migranten aus Saudi-Arabien, in vielen Fällen erfolgte der Rauswurf trotz gültiger Papiere. Oder den Hunderten Äthiopiern, die nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch allein zwischen März 2022 und Juni 2023 an der Grenze zwischen dem Jemen und Saudi-Arabien getötet wurden. Die Zahl der Menschen, die sich an der illegalen Reise versuchen, ist weiter hoch.

Die neue Rekrutierung der Haushaltshilfen zeigt das Dilemma, in dem sich viele Entwicklungsländer gegenüber den Golfstaaten befinden. Äthiopiens Wirtschaft hängt zu fünf Prozent seines Bruttoinlandsprodukts von Rücküberweisungen aus der Diaspora ab, in den Philippinen sind es gar zehn Prozent. Die Golfstaaten, wo besonders der Privatsektor zu 80 Prozent von ausländischen Arbeitskräften abhängt, gehören dabei zu den wichtigsten Zielländern beider Länder. Für äthiopische Migranten ist die Region, im Volksmund „Ostkorridor“ genannt, Ziel Nummer eins, übrigens weit vor Europa, wohin die weite Reise seit dem Sudan-Krieg noch gefährlicher als ohnehin geworden ist.

Formelle Arbeitsgenehmigungen und damit Visa für Haushaltshilfen sind in Saudi-Arabien deutlich leichter zu beschaffen. Doch der Schutz vor Ausbeutung ist denkbar gering. Kaum ein Entwicklungsland traut sich, das „Kafala“-System offen zu kritisieren: Für die Gastarbeiter gilt das Arbeitsrecht nur in geringem Umfang, innerhalb Saudi-Arabiens gibt es kaum Bewegungsfreiheit. Die Arbeitgeber – oft Familien der Mittelschicht – behalten die Pässe ein, kommen selbst bei Misshandlungen immer wieder straffrei davon. Menschenrechtsorganisationen sprechen von moderner Sklaverei. Doch angesichts der wirtschaftlichen Nöte Äthiopiens und Massenarbeitslosigkeit sind jüngst zugesagte Investitionen Saudi-Arabiens willkommen, kritische Töne dagegen selten geworden. Denn der mit 37 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichste arabische Golf-Staat setzt verstärkt auf Äthiopien. Auf der Suche nach billiger Arbeitskraft – und um seine Nahrungsmittelsicherheit zu garantieren. Besonders seit Beginn des Krieges im Sudan, wo Saudi-Arabien Milliarden in den Agrarsektor investiert hatte.

Die Arbeitsbedingungen sind oft katastrophal

Das ungleiche Kräfteverhältnis ist offensichtlich – und birgt Gefahren. „Die äthiopische Regierung hat sich zur Ausbildung der Haushalthilfen vor der Entsendung verpflichtet“, sagt Rakeb Messele von der nationalen Menschenrechtsinstitution „Ethiopian Human Rights Commission” (EHRC) in Addis. „Wir hoffen, dass auch der Einsatz für Menschenrechte Teil des Abkommens ist und alle Elemente bis zur geordneten Rückkehr nach Ablauf des Vertrages klar geregelt sind. Das war bisher eher nicht der Fall.” Wer sich gegen inhumane Arbeitsbedingungen wehre und den Arbeitgeber verlasse, werde automatisch zum illegalen Migranten. „Dann beginnen die Probleme.”

Zumindest diplomatisch beginnt sich der Deal für Saudi-Arabien auszuzahlen. Im November schlug Premierminister Abiy Ahmed bei seinem Staatsbesuch in Riad gegenüber Kronprinz Mohammed bin Salman ausschließlich positive Töne an. „Wir sehen Synergien mit den Bestrebungen der saudi-arabischen Landwirtschaft und schlagen vor, die Zusammenarbeit bei der Ernährungssicherheit und Ernährungssouveränität zu vertiefen“, sagte der Premierminister.

Für die Golf-Staaten geht es bei den Beziehungen mit einflussreichen afrikanischen Ländern wie Äthiopien auch darum, den Einfluss regionaler Rivalen zurückzudrängen. Das viele Jahre lang gute Verhältnis Saudi-Arabiens mit den Vereinigten Arabischen Emiraten offenbarte sich zuletzt als wechselhaft genug, sodass es in Riad als Schwachstelle gesehen wurde, nicht in vergleichbarem Maß in Afrika zu investieren.

Denn die Emirate sind für einige der größten Investitionen in Ostafrika der jüngeren Vergangenheit verantwortlich. Darunter der Bau des Berbera-Hafens in Somaliland, den der Binnenstaat Äthiopien demnächst für seine Exporte und Importe sowie eine Militärbasis nutzen möchte. Hartnäckig halten sich Gerüchte, dass die Emirate einen neuen Palast für Äthiopiens Premierminister Abiy Ahmed mitfinanzieren. Auch in Tansania fällt das Land mit Großinvestitionen auf, Tausende afrikanische Firmen haben einen Sitz im Steuerparadies Dubai eröffnet. Im Sudan-Konflikt hat das ambitionierte Land über die Unterstützung der RSF-Miliz eine aktive Rolle, während Saudi-Arabien in dem geopolitisch unterschätzten Krieg mit recht mäßigem Erfolg vermittelt.

Saudi-Arabien versucht an Einfluss zu gewinnen in Afrika

Mit dem lange feindlich gestimmten Emirat Katar und dem Iran pflegt Saudi-Arabien derweil eine Politik der Annäherung, aber auch dort führt sich die geopolitische Rivalität am Horn von Afrika fort. Im Jahr 2021 öffnete Saudi-Arabien erstmals seit drei Jahrzehnten eine Botschaft in Somalia. Dort hat bislang Katar mehr Einfluss, das über die ausführliche Afrika-Berichterstattung von Al Jazeera auch mit Soft Power auf dem Kontinent punktet und ebenfalls Zielort für Migranten aus Ostafrika ist.

Im vergangenen August verbuchte Saudi-Arabien mit der Aufnahme in den Staatenbund BRICS einen Erfolg. Sie wurde von Gipfel-Gastgeber Südafrika unterstützt. Pretoria hatte sich dagegen intern gegen die Aufnahme des Irans ausgesprochen. Sie kam letztlich auf den Druck des BRICS-Dominators Chinas zustande, sehr zum Verdruss der Saudis.

Und so sind die jungen Frauen vor dem äthiopischen Bürgeramt ein wenig Akteurinnen der großen Geopolitik. Angst habe sie nicht, sagt Fatuma. Fünf Monate hat sie auf die Verlängerung ihres Passes gewartet. Jetzt fehlen nur noch wenige Formalien. „Einige haben Glück, andere nicht“, so ihre lapidare Antwort zu den Berichten über Ausbeutung. Auch sie hat davon gehört. „Ich nehme, was sie mir geben“, sagt sie, „ich hoffe, dass ich zu denen gehöre, die Glück haben.“ Man hat ihr ein Vielfaches ihres bisherigen Verdienstes versprochen.