Arbeitsbelastung in der Kita „Ich hatte überhaupt keinen Spaß mehr an meinem Job“
Stress und Personalmangel belasten unter anderem auch Kita-Fachkräfte enorm. Eine erfahrene Erzieherin hat im Gespräch mit unserer Redaktion erzählt, warum sie ihre hohe Position in einer Kindertageseinrichtung aufgegeben hat.
Große Verantwortung auf zu wenigen Schultern. Es ist kein Geheimnis, dass Personalmangel in Kindertageseinrichtungen ein gravierendes Problem darstellt.
Eine Studie der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2024 zeigt, dass Kita-Mitarbeiter häufiger krank sind als Beschäftigte in anderen Berufsgruppen. Laut dieser Studie waren Kita-Fachkräfte in Baden-Württemberg im Jahr 2023 durchschnittlich 22,6 Tage krank. Zum Vergleich: Über alle Berufsgruppen hinweg lag die Zahl der Krankentage im selben Zeitraum bei rund 17,1 Tagen.
Über dieses Thema und ihre persönliche, langjährige Erfahrung hat die Erzieherin Petra R. (Name geändert) mit unserer Redaktion gesprochen.
Daher hat sie ihre leitende Position abgegeben
Mehr als 30 Jahre lang hatte die erfahrene Erzieherin aus dem Landkreis Rottweil eine Führungsposition in einer Einrichtung inne. Doch dann hat sie sich entscheiden, diese Stelle aufzugegeben. Der Grund? „Der Stress und die daraus resultierenden gesundheitlichen Probleme“, antwortet sie. „In den vergangenen Jahren musste ich mit starkem Bluthochdruck kämpfen und hatte überhaupt keinen Spaß mehr an meinem Job“, erzählt sie. Besonders schlimm war für sie der Sonntagabend: „Da habe ich nur an die stressige Woche gedacht, die vor mir lag“, resümiert sie.
„Die Belastung ist enorm,“ bestätigt die Mittfünfzigerin. In ihrer Einrichtung herrschte insgesamt durch den Personalmangel ein ernstes Problem. Teilweise habe die Erzieherin eine Gruppe von 20 Kindern im Alter von drei bis sechs Jahren allein betreuen müssen. Neben der Kinderbetreuung musste Petra R. in ihrem Kindergarten als Leiterin zudem bürokratische Aufgaben erledigen.
Anfangs sei das kein Problem gewesen, erinnert sie sich. „Die ersten 15 Jahre waren relativ entspannt, da Probleme wie Personalmangel oder die Vorschriften des Landes, wie der Datenschutz, nicht so präsent im Alltag waren wie heute.“
Als sie beschloss, ihre leitende Position aufzugeben und als „normale“ Erzieherin weiterzuarbeiten, habe sie viel Verständnis aus ihrem Umfeld erfahren. „Ich konnte einfach nicht mehr hinter all dem stehen“, fügt sie hinzu. Nach langem Suchen erklärte sich schließlich eine jüngere Kollegin bereit, diese Position zu übernehmen.
Auch Lärm ist ein Problem in Kitas
Ein Aspekt, der vielen nicht bewusst sei, sei der hohe Lautstärkepegel: „Die Kinder sind viel lauter geworden. Sie sind ständig am Schreien. Sogar die Kleinen selbst sind genervt vom Lärmpegel der anderen.“ Als Reaktion darauf habe ihr Kindergarten deshalb sogar Gehörschutz-Kopfhörer für die Kinder angeschafft.
Petra R. erklärt, dass es als Erzieherin schwierig sei, sich auf kreative Angebote für die Kinder zu fokussieren, weil man durch die hohe Arbeitsbelastung stark eingeschränkt sei. „Man muss ständig ein Auge auf die Kinder haben“, berichtet sie. Aufgaben wie Windeln wechseln oder Tagesausflüge in die Natur zu machen gehören auch dazu.
Doch das Personalmangel-Problem sieht Petra R. nicht nur in den wenigen vorhandenen Erzieherinnen begründet, sondern auch darin, dass jüngere Fachkräfte schon im Bewerbungsgespräch den Wunsch äußern würden, nur 50 Prozent oder weniger arbeiten zu wollen. „Mehr Prozente sind ihnen zu anstrengend“, sagt sie. Laut ihrer Erfahrung kommt dazu, dass jüngere Generationen viel schneller erschöpft seien und eine geringere Belastbarkeit zeigten als ältere und erfahrene Fachkräfte.
Auch das Verhalten einiger Eltern sei teilweise eine Herausforderung: „Viele können die Anstrengung und Belastung dieser Tätigkeit nicht verstehen.“ Die Arbeit der Erzieherinnen werde oft unterschätzt oder als selbstverständlich angesehen. „Es wird einfach erwartet, dass alles reibungslos läuft“, so Petra R.
Beruf muss attraktiver werden
Die erfahrene Erzieherin ist der Meinung, dass dieser Beruf dringend attraktiver gestaltet werden müsste, um dem Stress und der Arbeitsbelastung entgegenzuwirken. Es gehe dabei nicht nur um eine bessere Bezahlung, sondern auch um zusätzliche Urlaubstage. „Mehr Erholungszeit würde uns die Möglichkeit geben, vom Stress runterzukommen und dann gestärkt in den Kita-Alltag zurückzukehren“, erklärt sie.
R. ist davon überzeugt, dass solche Maßnahmen dazu beitragen könnten, die mentale und physische Gesundheit der Fachkräfte zu stärken. Sie schlägt außerdem vor, den Beruf durch zusätzliche Angebote attraktiver zu gestalten, ähnlich wie es in anderen Unternehmen üblich sei. „Betriebsausflüge oder Angebote für die mentale Gesundheit wären eine gute Idee“, meint sie.
Wichtig sei es auch, die Vorschriften einzuhalten, ohne dabei zu vergessen, dass Kinder klare Regeln und vor allem eine feste Struktur brauchen. Petra R. kritisiert zudem, dass in einigen Fällen die Kinder zu Hause mehr Einfluss hätten als ihre Eltern und dieses Verhalten auch in der Einrichtung zeigten. „Kinder sollten wieder lernen, einfach Kinder zu sein, und wir müssen ihnen dabei helfen, durch klare Strukturen sicher durch den Alltag zu gehen“, betont sie.
Trotz der Kritik und der Probleme ist die Mittfünfzigerin dankbar, mit den Kindern arbeiten zu können, und fühlt sich nun - nach der Entscheidung, als normale Erzieherin in den Kindergarten zurückzukehren - weniger gestresst. „Ich bereue nichts und bin jetzt viel glücklicher“, erklärt sie.