Lassen sich die Gegebenheiten direkt vor Ort erklären (von links): Katja Mast (SPD), Mike Kalinasch (Bereichsleiter Jobcenter Schwarzwald-Baar-Kreis), Sylvia Scholz (Vorsitzende der Geschäftsführung Agentur für Arbeit Rottweil - Villingen-Schwenningen), MdB Derya Türk-Nachbaur (SPD) und Tobias Wilde (Geschäftsführer Jobcenter Schwarzwald-Baar-Kreis). Foto: Niggemann

Es ist skurril: Eigentlich sitzt das Jobcenter bei der Suche nach Arbeitskräften an der Quelle – und doch ist es gerade selbst vom Fachkräftemangel betroffen.

Wie ist die Lage beim Jobcenter in der Region? Das wollten die SPD-Bundestagsabgeordnete Derya Türk-Nachbaur und die Erste Parlamentarische Geschäftsführerin der SPD-Bundestagsfraktion Katja Mast in Erfahrung bringen.

 

Die beiden Bundestagsabgeordneten tauschten sich mit dem Geschäftsführer des Jobcenters Schwarzwald-Baar-Kreis Tobias Wilde und der Vorsitzenden der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Rottweil - Villingen-Schwenningen, Sylvia Scholz, aus.

In dem zweistündigen Gespräch, bei dem auch Mike Kalinasch, Bereichsleiter Markt und Integration, dabei war, ging es um die veränderten Rahmenbedingungen der Arbeit im Jobcenter im Zuge der Betreuung ukrainischer Geflüchteter, um die Einführung des Bürgergeldes und den Fachkräftemangel.

Bürgergeld funktioniert

Anhand der Ausführungen von Wilde wurde deutlich, dass das Jobcenter Schwarzwald-Baar-Kreis den Übertritt der ukrainischen Flüchtlinge vom Asylbewerberleistungsgesetz in die Zuständigkeit der Jobcenter im Juni vergangenen Jahres reibungslos umsetzen konnte. Die gute Zusammenarbeit der Behörden in Form einer gemeinsamen Antragsstraße, die Unterstützung durch russischkundige Mitarbeitende und die Bildung einer Ukraine-Taskforce mit intensiver Betreuung der Geflüchteten setzte Maßstäbe in der Region.

Ohne Zwischenfälle verlief auch die Einführung des Bürgergeldes zum Jahreswechsel. „Die Einführung des Bürgergeldes hat sehr gut funktioniert. Die erhöhten Regelbedarfe haben wir pünktlich zum Jahreswechsel ausgezahlt“, erläutert Wilde. „Wir begrüßen insbesondere die neuen Kernelemente zu Weiterbildung und Qualifizierung sowie das geplante ganzheitliche Coaching der Kunden – ein tolles Instrument, welches uns bisher gefehlt hat.“ Zum Juli kamen neue Fördermöglichkeiten bei Weiterbildungen und weitere Erwerbsanreize durch mehr Freibeträge hinzu.

Selbst das Jobcenter sucht

Im Tagesgeschäft der Jobcenter-Mitarbeiter mache sich der weiterhin hohe Zustrom an Hilfsbedürftigen durch eine hohe Zahl an Vorsprachen bemerkbar. So sei auch das Jobcenter auf der Suche nach Mitarbeitern, die das Team verstärken, erzählt Geschäftsführer Wilde. Trotz der Ausrichtung als moderner Arbeitgeber und der Auszeichnung mit dem Zertifikat als familienfreundliches Unternehmen gestalte sich die Personalgewinnung schwierig, der allgemeine Fachkräftemangel betreffe auch das Jobcenter selbst.

Hoffnung auf Ukrainer

Von der Herausforderung, ihre Stellen nicht besetzen zu können, sind natürlich auch die Betriebe aus der Region betroffen. Viele Unternehmen setzten ihre Hoffnung in die rasche Integration der ukrainischen Geflüchteten in den Arbeitsmarkt. Aufgrund der fehlenden Sprachkenntnisse und der langen Wartezeit auf Sprachkursplätze sei jedoch Geduld notwendig.

Kreative kommen weiter

Bereichsleiter Kalinasch berichtet, dass sich viele Betriebe sehr offen und einfallsreich zeigten, es gebe beispielsweise Arbeitsaufnahmen im produzierenden Gewerbe, wo ein Einstieg durch die Übersetzungshilfe russischsprachiger Kollegen gelänge.

Generell sei es sinnvoll, den Kontakt zu den Betrieben zu suchen und durch Praktika einen ersten Schritt in das Unternehmen zu setzen. „Wir sind überzeugt vom Nutzen einer Probebeschäftigung und der Möglichkeit, direkt im Betrieb zu zeigen, was man kann“, ergänzt Kalinasch.

Integration herausragende Bedeutung

Scholz unterstrich die Bedeutung sozialer Kontakte sowohl für den Einstieg in das Arbeitsleben als auch für die gesellschaftliche Teilhabe: „Jungen Geflüchteten, die die Regelklassen der Schulen besuchen, am Vereinsleben teilhaben und Freundschaften schließen, gelingt die Integration leichter.“ Türk-Nachbaur stellte klar, dass die Integration in die Arbeitswelt und die Gesellschaft von herausragender Bedeutung für den Wirtschaftsstandort Deutschland sei. „Angesichts des massiven Fachkräftemangels in vielen Bereichen, gerade auch in unserer Region, werden wir nicht umhin kommen Integration zu erleichtern. Klar ist aber auch, dass das der Staat nicht alleine leisten kann. Integration ist eine Gesamtgesellschaftliche Aufgabe.“