Die CDU will das Recht auf Teilzeit streichen. Das sorgt für Streit. Warum arbeiten vor allem Frauen nur stundenweise? Wie stehen wir im Vergleich da?
Friedrich Merz ist mit einer klaren Ansage als Kanzler angetreten: „Mit Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance werden wir den Wohlstand unseres Landes nicht erhalten können“, sagte er im Mai vergangenen Jahres. Viele Unternehmer und Wirtschaftsexperten geben ihm recht. Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger erklärte unlängst: „Es wäre gut, wenn wir uns wieder bei mehr Beschäftigten in Richtung 40 Stunden bewegten.“
Der CDU-Wirtschaftsflügel will zum Parteitag Mitte Februar in Stuttgart einen Antrag vorlegen mit dem Ziel, die gesetzlichen Regeln zur Arbeitszeit zu reformieren. Die Schlagzeile lautet: „Kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit“. Die christdemokratische Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche unterstützt den Plan. „Es wäre gut, wenn wir wieder mehr Vollzeit und weniger Teilzeit hätten“, sagte sie am Montag. Wie ist die Faktenlage?
Wie viele arbeiten in Teilzeit?
Vier von zehn Beschäftigten in Deutschland arbeiten in Neben- oder Teilzeitjobs. Die Teilzeitquote ist nach Angaben des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit im dritten Quartal 2025 erstmals über 40 Prozent gestiegen. Sie liegt nun bei 40,1 Prozent. Ein Jahr zuvor waren es 39,7 Prozent. In der Zahl inbegriffen sind auch 11,2 Prozent der Menschen, die neben ihrem eigentlichen Hauptjob noch einer Nebenbeschäftigung nachgehen.
Die Teilzeitquote ist im Verlauf der vergangenen Jahren stark angestiegen. 1991 lag sie noch bei 14 Prozent, im Jahr 2000 bei 20,8 Prozent. Die Teilzeitquoten von Männern und Frauen sind sehr unterschiedlich. Laut Statistischem Bundesamt waren 2024 insgesamt 74 Prozent der Frauen und 81 Prozent der Männer erwerbstätig. Während rund die Hälfte der Frauen (49 Prozent) einer Teilzeitbeschäftigung nachging, waren es bei den Männern nur zwölf Prozent – was aber ebenfalls einem neuen Höchststand entspricht.
Alles in allem ist die Erwerbsquote in den vergangenen 50 Jahren enorm angestiegen. 1970 lag sie bei 66,2 Prozent für die gesamte Bevölkerung. Aber nur die Hälfte der Frauen war damals überhaupt erwerbstätig.
Wie ist die Lage anderswo?
Als Indikator für den Anteil der Beschäftigten, die nur in Teilzeit arbeiten, gilt die wöchentliche Arbeitszeit. Allerdings ist diese wegen tariflicher Regelungen insgesamt rückläufig. 1991 lag sie in Deutschland noch bei 38,4 Stunden, inzwischen liegt die durchschnittliche Wochenarbeitszeit bei 34,3 Stunden. Leute mit einem Vollzeitjob arbeiten im Schnitt 40,2 Stunden in der Woche.
In der Europäischen Union liegt dieser Wert bei 36,8 Stunden. Am wenigsten arbeiten die Niederländer mit 31,2 Stunden. Die Deutschen folgen auf Rang drei. Deutlich mehr arbeiten zum Beispiel Polen (39,9 Stunden), Rumänen (40) und Griechen (41).
Nach Zahlen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) arbeiten US-Beschäftigte im Schnitt 39 Stunden pro Woche. In Mexiko sind es 48 Stunden.
Wo ist Teilzeit besonders häufig?
Die Teilzeitquoten der einzelnen Wirtschaftsbranchen unterscheiden sich markant. Besonders hoch ist der Anteil an Teilzeitbeschäftigten nach einem Überblick des Magazins „Focus“ im Bereich Gesundheit, Pflege und Soziales sowie in der Bildung und in der Gastronomie, gering hingegen im Sektor Forschung und Entwicklung (8,3 Prozent Teilzeitjobs), im Handwerk (8,1 Prozent) und in der Telekommunikation (7,5 Prozent). Auch unter Lehrkräften ist die Arbeit in Teilzeit beliebt. Laut Statistischem Bundesamt betreuen 43,1 Prozent der Pädagogen kein volles Deputat an Schulstunden. Dies sei ein neuer Höchststand. Ein Grund sei der hohe Frauenanteil in den Lehrerzimmer allgemeinbildender Schulen (73,1 Prozent). Nach einem Bericht der „Frankfurter Allgemeinen Zeitungen“ arbeitet jeder siebte Lehrer weniger als 50 Prozent.
Die Teilzeitquote in der Industrie ist deutlicher niedriger als in Dienstleistungsbranchen. Da zuletzt wegen der Wirtschaftskrise vor allem Vollzeitjobs in Industriebetrieben abgebaut wurden, gilt dies als einer der Gründe für die insgesamt steigende Teilzeitquote.
Worin liegen die Gründe?
Andrea Nahles, Chefin der Bundesagentur für Arbeit, hat zu Beginn des Jahres auf das stagnierende Beschäftigungswachstum in Deutschland verwiesen. Zuwächse seien schon seit längerer Zeit nur noch bei Teilzeitjobs zu verzeichnen. Das liegt zum einen an der Nachfrage auf Seiten der Arbeitgeber, womöglich aber auch an dem Umstand, dass es sich für erwerbstätige Bezieher von Bürgergeld, Wohngeld oder anderen Sozialleistungen finanziell kaum gelohnt hat, von Teil- auf Vollzeitarbeit umzusteigen. Bei der neuen Grundsicherung könnte sich das ändern. Da sieht der Gesetzgeber gestaffelte Freibeträge für höhere Zusatzeinkommen vor.
Teilzeit ist besonders bei Müttern beliebt. Unter den Frauen mit einem kleinen Kind bis zu drei Jahren sind heute 40 Prozent erwerbstätig, 2005 waren es nur 28 Prozent. 73 Prozent der arbeitenden Mütter mit Kleinkindern sind jedoch in einem Teilzeitjob beschäftigt – oft liegt das an mangelnden Betreuungsmöglichkeiten in Kitas. Auch Frauen mit älteren Kindern arbeiten zu großen Teilen nur stundenweise. Die Teilzeitquote unter Müttern liegt bei 50 Prozent.
Teilzeitarbeit ist jedoch bei vielen womöglich auch eine bewusste Lebensentscheidung. Nach einer Umfrage des Statistischen Bundesamtes geben mehr als 40 Prozent den schlichten „Wunsch nach Teilzeittätigkeit“ als Grund für die reduzierte Beschäftigung an, die übrigen nennen Erziehung, Pflege oder Weiterbildung als Motiv. Laut einer repräsentativen Studie der Karriere-Plattform Xing sagen 67 Prozent der befragten Arbeitnehmer, sie würden ihre Arbeitszeit gerne reduzieren. Unter den jüngeren Arbeitnehmern im Alter von 26 bis 34 Jahren sind es sogar 74 Prozent.