Nach dem Fall eines ertrunkenen Kindes in Konstanz stellt sich die Frage, wie es um das Können der Grundschüler bestellt ist. Ein Blick ins Hüfinger Hallenbad.
Besonders in den Schulen zeigt sich das Problem deutlich: Lehrkräfte stehen zunehmend vor Klassen mit vielen Nichtschwimmern, oft fehlen Zeit, Personal und geeignete Schwimmbäder. Der tragische Unfall in Konstanz, bei dem ein Schüler in seiner ersten Unterrichtsstunde im Schwimmbad im September 2023 ertrank, hat die Unsicherheit zusätzlich verstärkt.
Am Donnerstag, 6. November, sitzen zehn Kinder aufgereiht wartend auf einer Bank am Beckenrand. Im Aquari in Hüfingen heißt es zuerst: Hampelmänner. Erst Trockenübungen, dann das erste Eintauchen. Die Kursteilnehmer klammern sich am Rand fest, strampeln mit den Beinen, spritzen und lachen.
„Wassergewöhnung ist sehr wichtig“, sagt Ilka Boll-Grüniger, Schwimmlehrerin und Badangestellte im Aquari. In einem Anfängerkurs trainiert sie Kinder im Alter von fünf bis neun Jahren. Ziel ist das Seepferdchen-Ziel: 25 Meter Schwimmen ohne Schwimmhilfe.
In einem abgetrennten Bereich des Beckens üben auch junge Männer der Bundeswehr das Schwimmen. „Selbst im Erwachsenenalter beherrscht das nicht jeder sicher“, stellt Karl-Josef Hirt fest. Er ist Fachangestellter für Bäderbetriebe und ebenfalls Schwimmlehrer im Aquari. Schwimmen zu lernen ist mehr als Freizeitbeschäftigung. „Wenn ich nicht lesen kann, so fehlt mir etwas im Leben. Aber wenn ich nicht schwimmen kann, so gerate ich unter Umständen in Lebensgefahr“, erklärt Thomas Moch vom Verein Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG).
Doch immer weniger Kinder beherrschen diese Fähigkeit. „2022 hatte sich der Anteil der Kinder zwischen sechs und zehn Jahren, die noch überhaupt nicht schwimmen konnten, von zehn auf 20 Prozent verdoppelt – zum Stand der letzten Erhebung 2017. Bei einer erneuten Befragung dürfte dieser Wert wieder etwas niedriger ausfallen“, so Martin Holzhausen, Pressesprecher der DLRG. Dennoch verschärfen die Corona-Pandemie, geschlossene Bäder und überfüllte Kurse die Lage.
Kommunen sparen an Bädern
Gerade im ländlichen Raum sei es oft schwierig, Wasserflächen bereitzustellen. „Die Kommunen sparen an den Bädern, früher gab es in der Region noch das Schwimmbad in Bräunlingen und in Unterkirnach – die sind mittlerweile beide geschlossen“, so Hirt. Der Fall in Konstanz, wo ein Kind beim Schwimmunterricht ertrunken ist und die Lehrerinnen wegen fahrlässiger Tötung verurteilt wurden, habe eine große Verunsicherung im Kollegium ausgelöst, erklärt Heiko Keller, Konrektor der Eichendorffschule in Donaueschingen.
Es sei ein sehr sensibles Thema, weshalb sich aus seiner Lehrerschaft auch niemand äußern möchte. „Wir stellen sicher, dass mindestens zwei Lehrkräfte anwesend sind beim Schulschwimmen. Beide müssen rettungsfähig sein. Ist das nicht gegeben, findet kein Schwimmunterricht statt“, erklärt Keller.
„Ich sehe die Herausforderungen der Schulen“, sagt Boll-Grüniger. „Wir machen unseren Seepferdchen-Kurs mit zehn Kindern und zwei Lehrern, die beide das Rettungsschwimmabzeichen Silber haben. Eine Grundschulklasse hat meist über 20 Kinder und oft sind nur zwei Personen verfügbar.“ Auch Thomas Moch, Vorstand der DLRG, Ortsgruppe Baar, sieht das kritisch: „Aus meiner Sicht kann man mit nur zwei Aufsichtspersonen unmöglich eine Klasse mit zum Teil Nichtschwimmern beaufsichtigen.“
Alleine kein Unterricht denkbar
Seit dem Jahr 2010 gibt Ilka Boll-Grüniger Schwimmkurse im Hüfinger Aquari-Bad. Der Konstanzer Unfall habe nichts an der Durchführung ihrer Kurse geändert. „Sicherheit hat bei mir schon immer Priorität. Ich habe die Verantwortung für die Kinder“, erklärt sie. Nach wie vor mache ihr die Arbeit großen Spaß. Ihr ist es jedoch wichtig, einen gleichberechtigten Partner an ihrer Seite zu wissen. „Alleine würde ich den Unterricht niemals durchführen“, ergänzt die Schwimmlehrerin.
DLRG-Vorstand Thomas Moch sieht derweil auch die Eltern in der Pflicht. Deren Aufgabe sei es, die Kinder vor dem Eintritt in die Grundschule an das Element Wasser zu gewöhnen und bestenfalls mindestens das Seepferdchen zu absolvieren. „Ein Kind, das noch im Schulschwimmunterricht Angst vor dem Kontakt mit Wasser hat, das muss ich an die Hand nehmen“, so Thomas Moch. Oft ist eine solche intensive Betreuung im Schulunterricht schwer möglich. „Das Kind muss im Zweifelsfall während des Schwimmbadbesuchs auf der Bank sitzen“, schließt Moch.
Lange Wartezeiten
Schwimmkurse
Schwimmlehrerin Ilka Boll-Grüniger empfiehlt, bei kleinen Kindern einen Schwimmbadbesuch in der Woche zum Ritual zu machen. Ab fünf Jahren sei dann ein Schwimmkurs sinnvoll, vorher sei es den Kindern oft koordinatorisch nicht möglich, die Kreuzmotorik zu erlernen, die es für das Schwimmen brauche. „Oft haben die Bäder lange Wartezeiten. Bei uns muss man sich etwa ein halbes Jahr vorher anmelden“, so Boll-Grüniger. Familien mit geringem Einkommen könnten bei den Kommunen Zuschüsse für die Schwimmkurse beantragen. Auch einige Krankenkassen übernehmen die Kosten.